Sidney Ford

Leseprobe aus: "Superfuture"


Berlin, Dezember 2099

    Zwei Stunden lang war Cédric Mambatta III durch dunkle Häuserschluchten geirrt. Auf verstaubten Straßen, vorbei an toten Fenstern und über verlassene Boulevards. Wiederholt hätte er schwören können, dass jemand ihn verfolgte, doch da war niemand, auch wenn immer wieder seltsame Geräusche von den Wänden hallten. Es gruselte ihn, keinem lebendem Wesen, nicht mal streunendem Getier begegnet zu sein.
     Endlich, nachdem er auf dem Rückweg das Brandenburger Tor durchschritten hatte, funkelte mattes Licht durch heruntergelassene Jalousien eines Erdgeschosses. Er hatte eine Ausschankstätte gefunden. Da wurde ihm klar, dass er sich keine drei Blocks neben seinem Hotel befand. Mambatta hätte wetten können, dass dieses Lokal zuvor dort nicht gewesen war. Wie aus dem Nichts war es erschienen. Was für eine unheimliche Stadt.
    Durst und Erschöpfung waren stärker als sein Misstrauen, und er trat in die namenlose Bar. Auf knarrendem Parkett schritt er vorbei an dunklen Möbeln. Neonröhren und Gaslampen gaben gerade genug von der Einrichtung preis, um ohne Stolpern an den Tresen zu gelangen. Dieser war überraschend sauber poliert. Dahinter türmte sich eine stattliche Kollektion aus Flaschen und Gläsern auf. Sie sahen so edel aus, dass ein Getränk hier an der Theke für die meisten Einwohner ganz offensichtlich unerschwinglich war. Wohl auch deshalb war niemand sonst zugegen.
    Über der Bar hing ein riesiger Bildschirm, der das Programm des staatlichen Senders »Barrel Media« übertrug. Alle öffentlichen Lokale waren verpflichtet, den Sender rund um die Uhr auszustrahlen. Die Bevölkerung hatte schliesslich informiert zu bleiben.
    Mambatta verlor sich für einige Werbespots in wild geschnittenen Bildern und rief dann nach der Bedienung. Keine Antwort. Auch in den folgenden zehn Minuten nicht. Er fühlte sich wenig willkommen, aber noch wollte er nicht in seine Unterkunft zurückkehren. Nicht in dieser Nacht, nicht nach den letzten drei Wochen, in denen er, abgetaucht im NeoNet, kaum vor die Tür gegangen war.
    Auf dem Bildschirm erklärte die Moderatorin neben einer Europakarte, dass gegen Nachmittag heftige Sonnenwinde die östlichen Regionen heimsuchen würden. Sein Vater hatte ihm einst erzählt, früher sei der Wetterbericht erst am Ende der Nachrichten ausgestrahlt worden. Was für eine abstruse Vorstellung.
    Absätze erklangen, eine Dame mit strenger Kleidung und zusammengebundenen rotbraunen Haren trat hinter die Theke. Wache Augen in einem durchaus ansprechenden Gesicht musterten ihn skeptisch. »In dem Aufzug gibt’s hier nichts.«
    Mambatta bemerkte, dass Staub seine dunkle Lederjacke hatte grau werden lassen. Er griff in die Tasche und warf seine Marke auf die Theke. Sie zeigte das Logo des International Care Units ICU, der kontinentalen Sicherheitsbehörde.
    Die Dame las seinen eingravierten Nachnamen ab. »Mambatta? Der gleiche Name wie der Diktator?«
    »Schlimmer«, knurrte er. »Er war mein Großvater.«
    »Und was hilft dagegen?«
    »Brandy. Doppelt.«
    »Nennt sich Weinbrand.«
    »Nicht dort, wo ich herkomme.«
    Sie hob eine Flasche mit edlem Etikett vom Regal, füllte ein Glas mit rotgoldener Flüssigkeit und schob es ihm zu. »Warum sind Sie hier? Arbeit? Vergnügen?«
    Der Brandy schmeckte herrlich. Er hatte ihn Whiskey schon immer vorgezogen, weil er dessen pures Gegenteil war. Brandy schlich erst sanft über die Zunge und strahlte dann in den ganzen Rachen aus. Wie ein Hieb mit der Handkante. »Arbeit. Irgendwann. Und das andere ist … wahrlich kein Vergnügen…«
    Auf dem Bildschirm erschien neben der Nachrichtensprecherin ein Bild von Alim, dem Präsidenten der Sonnenstaaten. Mit zornigem Blick hielt er ein bräunliches Stück Papier in die Kamera. Laut Sprecherin handelte es sich dabei um einen Auszug des heiligen Buches, der von einem ’Teufelsplaneten’ berichtete.
    Alim sei zugetragen worden, dass die Tiefraumbehörde im Auftrag des Vatikans aktiv nach einem solchen Gestirn suche. Dies sei eine inakzeptable Provokation. Seit Jahren habe man Paris vergeblich um ein Raumschiff gebeten, um eine eigene Suche nach einer neuen Heimat starten zu können. Und nun müssten die Sonnenstaaten feststellen, dass der Westen lieber Hirngespinsten nachjage, statt den Partnern im Osten in diesen schweren Zeiten beizustehen. Präsident Alim habe deshalb mit ernsthaften Konsequenzen gedroht.
    Es folgten verwackelte Bilder einer Militärbasis, angeblich aus dem Territorium der Sonnenstaaten, wo sich mehrere antik anmutende Fluggeräte ins junge Tageslicht erhoben.
    Mambatta strich durch seinen dichten Bart. Nicht erst seit Sonnenwinde die Erde heimsuchten, monierte der Osten, man müsse am Raumprogramm beteiligt werden. Und nun, da die Kooperation offen eingefordert wurde, deuteten die Weststaaten dies umgehend als Aggression.
    »Ein Kriegsausbruch hat uns gerade noch gefehlt«, flüsterte die Dame und fasste ihn ins Auge. »Wann finden Ihre Kollegen endlich für uns eine neue Heimat?«
    »Nicht meine Behörde.«
    »Jemand von Ihrem Rang wird doch bestimmt so einiges mitbekommen.«
    Mambatta zuckte mit den Schultern. Es war ihm tatsächlich egal, ob die Flotte der Tiefraumbehörde fündig wurde. Ihn interessierte bloss seine eigene Suche. Nach seinem Stern. Nach seiner Sonne.
   Er strich mit dem Daumen über den Metallring an seinem Mittelfinger. Die Bewegung aktivierte einen holographischen Projektor, der ein bläulich schimmerndes Menu über seiner Handfläche erscheinen liess. Mambatta startete einen weiteren Suchlauf. Nur Sekunden später meldete ein widerspenstiges Zirpen, dass keine Treffer erzielt wurden – trotz der besten Überwachungssoftware des Kontinents. Wie war das nur möglich? Er hatte ihre Spur eindeutig nach Deutschland zurückverfolgen können. Doch seit er in Berlin angekommen war, hatte das Netzwerk keine einzige Bewegung verzeichnet.
    Wo steckte sie?
    Mambatta seufzte tief und streckte der Dame den Bonder hin, um zu bezahlen.
    Sie ignorierte es, schenkte sich ein Glas Wasser ein. »Wer sagt, dass ich hier arbeite?« Sie trat um den Tresen, setzte sich neben ihn, fixierte die Marke auf dem Tresen. »Fündig geworden?«
    »Woher wollen Sie wissen, dass ich was suche?«
    Sie ließ seine Frage unbeantwortet. »Sie suchen jemand ganz bestimmtes.« Es klang nach einer Feststellung.
    Mambatta fühlte sich ertappt, und das nervte ihn gewaltig. Er wandte sich ab, trank einen tiefen Schluck.
    Draußen flackerten Lichter auf, doch erst das Geräusch von Motoren weckte seine Aufmerksamkeit. Verwundert drehte Mambatta sich um. Blaurote Lichter zuckten jenseits der Jalousien, ein hypnotisches und blendendes Lichtspiel. Die Frau neben ihm war verschwunden, so als wäre sie nie da gewesen. Was zum Henker ging hier vor sich?
    Mambatta nahm sein Glas und trat vor die Tür. Drei Geländewagen waren auf dem Kopfsteinpflaster erschienen. Uniformierte Männer standen einsatzbereit, von nervösem Kunstlicht umfangen.
    »Geländeleiter Mambatta?«, fragte eine Gestalt, deren Gesicht er nicht erkennen konnte.
     Mambatta knurrte irritiert und erinnerte sich, dass »Geländeleiter« das deutsche Pendant zu Uberchief war, seinem vormaligen Titel in Boston. »Erzählen Sie mir was, das ich nicht weiss. Zum Beispiel, was das hier soll.«
    »Verzeihung, dass wir Sie über Ihren Bonder lokalisiert haben.« Der Mann trat näher. Er war der einzige, der Bart und Mähne statt Helm trug. »Sergeant Sigmar Braunschweiger, ICU Europa.« Er schickte seinen Worten ein strahlendes Lächeln hinterher.
    War das Charme oder gute Laune? Es war gute Laune! Sowas konnte er bei Wildfremden überhaupt nicht ausstehen. »Klingt nicht gerade dringend.«   
    »Ich fürchte doch, Sir. Wir benötigen Ihre Assistenz bei einer Erkundungsmission.«
    »Erkundungsmission? Dafür haben Sie mich aufgestöbert?«
    »Die Angelegenheit ist äusserst delikat. Unser Vorhaben erfordert das ausdrückliche Beisein eines Offiziers der Stufe fünf.«
    »Sergeant, Berlin ist der Hauptsitz des ICU. Ich werde ja wohl kaum der einzige Geländeleiter sein.«
    »Sie sind der einzig Verfügbare. Der Kader tagt in Dänemark und steckt dort wegen des Flugverbots fest, das vor einer halben Stunde verhängt wurde. Bestimmt haben Sie von der Aggression der Sonnenstaaten gehört.«
    Mambatta stöhnte. »Was genau möchten Sie erkunden?«
    »Es gab einen Einbruch. In der westlichen Sperrzone.«
    »Wie weit westlich?«
    »Katalonien.«
    »Das sind zweitausend Kilometer. Können das nicht die Kollegen vor Ort übernehmen?«
    »Dazu bedarf es einer Sonderfluggenehmigung. Die liegt uns zwar vor, doch wir brauchen einen Geländeleiter.« Braunschweiger machte eine hilflose Geste. »Sir, Sie sind ranghöher. Daher kann ich Ihnen nicht befehlen, uns zu helfen. Aber die Sache könnte einen internationalen Zwischenfall auslösen.«
    »Wer ist denn der Geschädigte?«
Braunschweiger flüsterte die Antwort beinahe. »Das fragliche Anwesen gehört dem Vatikan.«
    Ein Stromstoss durchzuckte Mambattas Körper. Er griff nach dem goldenen Kruzifix, das von seinem Hals hing. »Geben Sie mir fünf Minuten, um meine Uniform zu holen.«
    »Für Formalitäten fehlt uns leider die Zeit.« Als Braunschweiger auf die hintere Tür seines Fahrzeugs wies, setzte künstlicher Platzregen ein und begann Mambattas Brandy zu verwässern. Er kippte das Getränk in seinen Rachen und schleuderte das Glas zu Boden, bevor er sich auf den Rücksitz begab. Die Wagen fuhren an.
    Mambatta lehnte sein Haupt an die Kopfstütze und sah aus dem Fenster, um ein Gespräch zu vermeiden, aber schon ein paar Kreuzungen später überkam seinen Nachbarn die Neugier.
    »Sie und ich sind ja praktisch Landsmänner. Ich bin auf Vancouver Island aufgewachsen und vor fünfzehn Jahren hierhergezogen. Wegen meiner Frau. Bestimmt haben Sie sich schon eingelebt. Ich meine, hier drüben ist’s ja praktisch wie bei uns. Die EU übernahm damals ohne Murren fast alle Gesetze der NASP.»
    Mambatta knurrte nur, ohne zu antworten.
    «Ganz besonders möchte ich Ihnen für den tollen Einsatz in Boston danken», fuhr Braunschweiger fort. «Sie haben den Boss vom Gründerhof gerettet. Seine Firma beschäftigt hier das halbe Land. Wir verdanken Ihnen viel.«
    Die Männer auf den Vordersitzen schielten über ihre Schultern und nickten verschwörerisch.
    Mambatta realisierte, wie neu ihre Uniformen waren. Nicht so abgeschabt wie die Ausrüstungen seiner einstigen Untergebenen. Die Erinnerung daran schmerzte. Der Massenprotest im Bostoner Regierungsviertel. Die heranstürmenden Terrorkommandos. Die Räumung des Senats. Der Tod seiner Leibwächterin und Vertrauten Isõbel.
    »Wann immer man mir für die Geretteten dankt, erinnert es mich bloss an die Gefallenen.« Man hätte denken können, dass vierhundertvierzehn Überlebende die siebenundzwanzig verlorenen Seelen aufgewogen hätten. Doch das taten sie nicht.
    Braunschweiger lächelte gequält. »Tut mir aufrichtig leid, Sir. Wenn Sie mir die Frage gestatten«, fuhr er fort, »wieso haben Sie sich ausgerechnet nach Berlin versetzen lassen? Wie man hört, waren Sie sogar als Vizechef der Taubkraft im Gespräch. Also, nach Ihrer Entlassung aus der U-Haft natürlich.«
    »War als Neuanfang gedacht ...« Was nicht ganz der Wahrheit entsprach. Viel mehr versuchte er durch den Ortswechsel genau jenen Teil seines alten Lebens zu retten, ohne den er nicht fortfahren wollte.
    Braunschweiger nickte nur und liess ihn mit weiteren Fragen in Ruhe, bis der Konvoi sein Ziel erreichte.
    Durch feiste Tropfen an den getönten Scheiben erkannte Mambatta zwei Thrazer im Nirgendwo. Diese kantigen Überschallvögel – optisch eine Kreuzung zwischen Habicht und Schildröte – waren eine beeindruckende Errungenschaft der Deutschen. Sie kamen nur bei sehr heiklen Missionen zum Einsatz, und auch dann nur über europäischem Gebiet.
    Mambatta stiess die Wagentüre auf. Nasser Asphalt, blendende Schweinwerfer, in der Ferne Strukturen und Stacheldraht. Sie eilten durch den künstlichen Schauer übers Areal, kletterten in die Metallkörper, und nur wenige Minuten später beschleunigten die Stahlvögel auf dreifache Schallgeschwindigkeit. Im Inneren merkte man von der Beschleunigung wenig, was an den Gravitationsgeneratoren lag. Allerdings war es furchtbar laut in der Kabine.
    Als sich Mambatta halbwegs an den Krach gewöhnt hatte, bemerkte er, dass dieser nicht nur vom Antrieb stammte. Da war ein nervenzerreissender Brei aus fremdartigen Klängen, dem eine gewisse Rhythmik innewohnte. »Was ist das für ein Getöse?«
    Braunschweiger zeigte lachend zur Decke. »Meine neue Lieblingsband. ’The Lawful Killings’. Grossartig, nicht?«
    »Die gehört verboten.«
    »Ist sie auch. Aber nicht wegen der Musik, sondern wegen der Parolen. Die ‘Lawful Killings’ sind von den Öko-Nazis aus dem Norden. Diese Kommunenarden. Wir nennen sie Sandalenbomber.« Braunschweiger grinste verkniffen. »Die kommen, um unsere Vorräte und unsere Gerätschaften zu stehlen. Und gelingt ihnen das nicht, so sabotieren oder zerstören sie sie. Als ob’s unsere Schuld wäre, dass dort oben nix mehr wächst. Niemand hat sie gezwungen, die Gemeinschaft zu verlassen und wie Wilde zu leben. Aber über die Songtexte gelingt es oft genug, ihnen auf die Schliche zu kommen und ihre Lager auszuheben.«
    Draußen zog das versteppte Westland Frankreichs vorüber. Hier wohnte schon lange keine Menschenseele mehr, weil saurer Regen den Grund nachhaltig verdorben hatte. Nur widerwillig drängte Licht am Horizont über die braune Ebene. Oberhalb davon schillerten rötliche Schlieren wie Entzündungen, bei Tag und bei Nacht. Verdammte Sonnenwinde, dachte Mambatta, sie suchten den Planeten seit Jahren heim. Sie verödeten die Landmassen und störten elektronische Systeme. So sehr, dass die globale Zivilisation schon mehrere Male am Rand des Zusammenbruchs gestanden hatte. Man konnte förmlich dabei zusehen, wie die Erde unbewohnbar wurde.
    »Geben Sie’s zu, Geländeleiter«, sagte Braunschweiger unvermittelt, »Sie wollten zurück in die Wildnis. Kann ich verstehen. Ich will ehrlich sein: Wir können Ihre Hilfe gut gebrauchen. Wir verweichlichen völlig, weil wir die Innenstädte kaum mehr verlassen.« Angewidert blickte er auf die Steppe, die vor dem Fenster vorbeizog. »Ich hoffe nur, dass die Tiefraumbehörde bald fündig wird und wir diesen verfluchten Drecksplaneten verlassen können.«
    »Wo in Katalonien befindet sich unser Ziel?«
    »Barcelona.«
    Ausgerechnet. Die Stadt war vor vierzig Jahren durch einen Terroranschlag auf ein Kernkraftwerk in Tarragona kontaminiert worden und seither absolutes Sperrgebiet. Was gab es dort schon zu holen, das nicht lebensbedrohlich verstrahlt war?
    Die Positionsanzeige über ihren Sitzen zeigte an, dass es noch dauern würde, bis sie die ehemalige Küstenmetropole erreichen würden, weshalb Mambatta eine holografische Kontrolltafel auf der Handfläche erscheinen liess. Doch bevor er eine weitere Anfrage an die interkontinentale Personendatenbank schicken konnte, begannen sie sich dem verdorbenen Grund zu nähern.
    »Weshalb landen wir? Bis Barcelona sind’s noch über hundert Kilometer.«
    »Sicherheitsprotokoll, Sir. Wir wollen nicht auf dem Radar auftauchen. Es sind zwar alle Stellen unterrichtet, aber unsere Freunde beim Vatikan haben um grösstmögliche Diskretion gebeten.«
    Nach dem Ausstieg fand sich Mambatta auf der zerfurchten Landebahn einer Flughafenruine wieder. Die zerfallenen Gebäude hoben sich kaum von der Umgebung ab. Der Tag verspürte keine Lust, sich über dem Horizont zu erheben: Dunkle Wolken schleppten sich zäh über sie hinweg, und das Gestrüpp auf den Hügeln schien alles Morgenlicht zu verschlucken.
    Braunschweiger verteilte silberne Zylinder, die sich seine Männer an den Hals drückten. Ein Serum gegen Strahlung, wie er Mambatta erklärte. Diese hätte inzwischen stark abgenommen, aber man wolle vorsichtig sein. Danach stiessen die Soldaten vier schmutzige Geländewagen aus einem Hangar und schleppten Treibstoffkanister heran. Mambatta konnte sich kaum vorstellen, dass die alten Karren aus eigener Kraft rollen würden, doch nachdem ihre Tanks befüllt waren, stotterten sich Motoren rostig lachend ins Leben.
    Wenig später folgte der Konvoi einer kurvenreichen, schmalen Landstrasse, mit hoher Geschwindigkeit, denn es war unwahrscheinlich, dass sie andere Fahrzeuge kreuzen würden. Sie passierten verfallende Villen und menschenleere Siedlungen. Vernarbte Fassaden, aus denen Gewächs hing. Mutter Natur wucherte hemmungslos und hatte die meisten ihrer Farben verloren. Autowracks und kaum definierbarer Abfall säumten den Weg. Ganz selten streunte zerzaustes Hundsvieh vorüber und fletschte gelbe Fänge.
    »Was für ein Jammer. Dies war mal einer der beliebtesten Urlaubsorte Europas«, bemerkte Braunschweiger.
    »Sonst hätten die Terroristen den Ort auch nicht gewählt«, erwiderte Mambatta lustlos.
    Diesmal verstand Braunschweiger den Wink nicht. »Man muss sich fragen, weshalb sie nicht schon früher damit begannen, Kernkraftwerke anzugreifen.«
    »Von wem sprechen Sie?«
    »Na, von den Sonnenstaaten.«
Mambatta schüttelte den Kopf. »Die haben doch stets bekräftigt, nichts mit der Sache zu tun zu haben.«
    »Und wer war’s dann?«
    »Ich habe jemand sagen hören, Madrid stecke dahinter. Als Vergeltung für die Abspaltung.«
    »Gewagte These ...«
    »Wir werden es wohl nie erfahren.« Die geschundene Landschaft gruselte Mambatta zunehmend. In diesem Moment wäre er lieber woanders gewesen, in seinem Hotelzimmer beispielsweise. Mit einer guten Flasche Brandy. »Wieso müssen wir hierher? Es hätte ja wohl gereicht, eine Drohne zu entsenden.«
    »Zu unsicher. Die Zentrale verlangt, dass wir die Angelegenheit mit eigenen Augen prüfen. Sie werden schon sehen.«
    Die Hügel gewährten einen kurzen Blick auf das ergraute Mittelmeer, doch das war es nicht, was Mambattas Aufmerksamkeit vereinnahmte. Ein knorriger, entlaubter Baum ragte in weiter Ferne in die Höhe und verschwand aus Mambattas Blickfeld, als der Wagen eine andere Richtung einschlug. Mambatta wurde eiskalt. Genau dieser Bau war eines der wiederkehrenden Motive seiner Albträume, die ihn seit einiger Zeit heimsuchten. Zufall oder die Rache seines exzessiven Alkoholkonsums?
    Braunschweiger schien sein Unwohlsein bemerkt zu haben. »Geländeleiter? Alles in Ordnung mit Ihnen?«
    Mambatta ignorierte die Frage. »Wie weit noch?«
    »Fast da.«
    Der Konvoi hielt am Fusse einer sandsteinfarbigen Villa mit Kuppeldach, das wohl einst weiß und erhaben gewesen sein musste. Entlang einer verwinkelten Treppe ragten von Büschen gesäumte Pappeln in die Höhe. Die Hälfte der Soldaten sicherte die Strasse beidseitig ab, der Rest der Truppe machte sich bereit, zur Villa zu gehen.
    Plötzlich, Mambatta zuckte zusammen, erschien hinter einem der Fahrzeuge eine Frau. Sie hatte ihre rotbraunen Haare zu Zöpfen gebunden, in die Metallschmuck eingeflochten war. Ihr Blick war auf ihn gerichtet, Mambatta glaubte Bedrohliches in ihren Augen zu lesen.
    Da traf es ihn wie ein Faustschlag. Dieses Gesicht. Schon wieder ein Déjà-vu.
    Es war die geheimnisvolle Frau aus der Bar.
    Bevor er etwas sagen konnte, verschwand sie hinter dem Geländewagen. Er wollte ihr folgen, doch Braunschweiger hielt ihn zurück.
    »Unsere Fahrt hat sich gelohnt, finden Sie nicht?«
    Mambatta starrte ihn an. »Bitte?«
    Braunschweiger wies auf das protzige Gebäude, das über ihnen auf einem kleinen Hügel thronte.
    »Die Villa dort. Unser Ziel.«
    »Was ist das für ein Ort?«
    »Die ehemalige Sommerresidenz.«
    »Von wem?«
    »Der Päpstin.«
    Päpstin Luzia die Erste war bereits vor Jahrzehnten verstorben, aber Mambatta konnte sich bildlich vorstellen, wie sie in ihrem silbernen Seidenkleid die Treppe herabtrat.
    Noch einmal drehte er sich um. Die Frau war nirgendwo zu sehen.
    Missmutig folgte Mambatta den Soldaten hinauf zum Anwesen.
    »Vor zwei Wochen«, erläuterte Braunschweiger, »erreichte die Berliner Zentrale aus dieser Villa ein Alarmsignal. Über eine Landleitung. Man hatte beim Bau sicherstellen wollen, dass der Alarm auch bei Netzwerkausfall funktioniert.«
    Mambatta kniff die Lider zusammen. »Zwei Wochen? Und wir kreuzen erst jetzt auf?«
    Der Sergeant lächelte gequält über die Schulter. »Das Signal wurde zunächst als Kuriosität gewertet. Zieht man in Betracht, woher es kam, ist das nachvollziehbar. Wir erhalten viele Fehlalarme. Nicht selten sind es Hinterhalte der Sandalenbomber. Erst bei der Überprüfung der Liegenschaft begriffen wir, dass sie Eigentum des Vatikans ist. Als wir Rom vor acht Stunden über die Situation in Kenntnis setzten, wurde umgehend eine Intervention verlangt.«
    Braunschweiger blieb am Rand eines ovalen Swimmingpools stehen. Im schwarzem Wasser schaukelte modriger Unrat. Am anderen Ende hob sich das Herrenhaus vor kahlen Hügeln in den inzwischen anthrazitfarbenen Himmel.
    Braunschweiger zeigte auf den wuchtigen Eingang. »Man würde es nicht vermuten, aber im Untergeschoss soll sich eine der grössten Kunstsammlungen der Welt befinden. Soviel konnte ich meinem römischen Kontakt entlocken.«
    »Die wurde nach der Kernschmelze nicht evakuiert?«
    Braunschweiger hob theatralisch den Zeigefinger. »Es heisst, der Tresorraum sei hermetisch abgeriegelt. Was immer er birgt, könne theoretisch diese und die nächste Zivilisation überdauern.« Er gab seinen Leuten das Zeichen, zum Portal der Villa vorzurücken. Ein Soldat bedeutete ihm mit lautloser Geste, dass der Eingang unverschlossen war.
    Mambatta wartete, bis die Männer in die Villa eingedrungen waren, und folgte ihnen in eine opulente, dämmrige Eingangshalle, an deren Ende zwei Treppen ins Obergeschoss führten. Ein deckenhohes, schlieriges Fenster ließ fahles Licht in die Halle fallen, es war die einzige Lichtquelle.
    Mambatta wischte Staub vom Glas und erblickte jenen entlaubten Baum, der ihm bei der Anfahrt ins Auge gestochen war. Erschrocken zuckte er zurück. Die stacheligen Äste des Baumes ragten in alle Richtungen, auf seiner Krone hockten Raben und starrten mit unbeeindruckten Knopfaugen auf ihn hernieder. Mambatta kam es vor, als würde sich der Baum zur Villa neigen, durch die Fensterfront brechen und ihn mit seinen spitzen Ästen durchbohren. Sein Herz wummerte.
    Braunschweiger hatte sich neben ihn gestellt. »Der Baum des Lebens. Sie wissen schon: Adam, Eva, der Apfel?«
    Endlich begriff Mambatta, dass es sich nicht um eine natürliche Struktur, sondern um Kunst handelte. Der Stein, aus dem der Baum gehauen worden war, schimmerte verräterisch im kalten Tageslicht.
    »Angeblich war die Skulptur das Geschenk eines rumänischen Künstlers, einem Landsmann von Päpstin Luzia. Ich hatte während der Anfahrt Zeit, die Geschichte der Villa zu überfliegen. Sie wollen nicht wissen, was der Transport gekostet hat.«
    »Da haben Sie Recht.«
    »Verstehe.« Braunschweiger verstummte.
    Inzwischen hatten sich die Soldaten in der Halle postiert und ließen blaue Suchlichter über Grund und Wände gleiten. Ein Soldat winkte sie herbei und zeigte zur Treppe in den Untergrund.
    Die Fußspuren, die im Scanner-Licht aufblitzten, hatte Mambatta schon einmal gesehen. Nur Spezialschuhe, ausschliesslich für militärischen Gebrauch bestimmt, hinterliessen solche Profile. Weil sie mit Antigravitation ausgestatten waren, vermochten sie Bodensensoren zu täuschen.
    Mit angelegten Schusswaffen traten die Soldaten die Stufen hinab, schlichen um die Ecke und folgten dem Gang, bis sie eine filigrane Holztür erreichten. Vorsichtig, auf Braunschweigers Signal, zog der vorderste der Soldaten die Tür auf. Blasses Licht drängte herauf.
    Sie stiegen eine weitere Treppe hinab und erreichten ein Gewölbe mit halb offenstehender Bunkertüre. Bläuliches Licht ruhte auf den untersten Stufen. Braunschweiger mahnte seine Leute, auf ihren Positionen zu verweilen, und tat den ersten Schritt in den Raum hinter der Stahltür.
    Mambatta folgte ihm vorsichtig. Er war sich sicher gewesen, dass der Bunker leergeräumt war. Jetzt blickte er überrascht auf eine überbordende Menge an Kunstwerken: Skulpturen, Büsten, eine massive hölzerne Weltkugel, daneben, plastikverpackt in schwarzen Regalen, eine Vielzahl von Gemälden. Die Wände bedeckten Elektrotapeten, die Fenster vorgaukelten. Sie zeigten das umliegende Ödland, vermutlich aus Erdgeschosshöhe und in Echtzeit.
    Braunschweiger liess seinen wachen Blick über die Metallplatten an der Decke schweifen. »Eine hochkarätig gefertigte Schatzkammer.«
    Mambatta konnte keine Lücke zwischen den Trouvaillen ausmachen. »Mit einer erstaunlichen Anzahl an Trophäen, wenn man den offenen Eingang bedenkt.«
    »Weswegen wir sicherstellen sollten, dass nichts abhandengekommen ist.« Braunschweiger entfernte ein quaderförmiges Gerät von seinem Gurt und drückte einen Datenspeicher in dessen Oberseite. Ein Display aktivierte sich. »Die Inventarliste, die uns Rom gesendet hat.«
    Das Gerät schwebte aus seiner Hand und hielt direkt unter der Decke Position. Lichtstrahlen schossen aus den Seiten. Nach und nach erschien neben jedem Gegenstand ein zuckender, holografischer Zwilling.
    Mambatta vermutete, dass der Scanner einen Abgleich vornahm. Sobald eine Übereinstimmung verzeichnet wurde, leuchtete das jeweilige Hologramm grün auf und verblasste. Durchaus ein unterhaltsamer Vorgang. Er hatte schon viel Löbliches über die Spielzeuge der Deutschen gehört.
    Als sich das letzte Hologramm auflöste, schickte die Sonde einen Strahl herab, direkt auf einen Korpus in der Mitte des Raumes, und legte dessen Innenleben virtuell offen. Hunderte Schächte wurden sichtbar, darin Papiere, die sich sukzessive auflösten. Alle, bis auf eines, das rot markiert wurde.
    »Tressant«, murmelte Braunschweiger. »Hier fehlt was. Wie gut, dass uns eine Kopie vorliegt.« Er hielt seinen Bonder an die Markierung. Die Abbildung eines bräunlichen, ausgefransten Papiers mit fremdartigen Schriftzeichen erschien. Neben der Kopie prangten virtuelle Buchstaben in englischer Sprache. Sie enthielten Informationen über das fehlende Stück.
    Mambatta hatte es sofort erkannt, und es überkam ihm ein Schaudern. Das Papier glich jenem Fetzen, den Präsident Alim in der Nacht in die Kamera gehalten hatte.
    »Papyrus nennt sich das«, erklärte Braunschweiger, stolz über sein Wissen. »Über dreitausend Jahre alt. Erstaunliche Wahl, wenn man sich das Angebot des Bunkers anschaut.«
    »Sind die anderen Seiten im Archiv alle vorhanden?«
    Braunschweiger nickte.
    »Wie viele Seiten umfasst die Sammlung denn insgesamt?«
    Er blickte zur Anzeige neben der Tafel. »Rund siebenhundert.«
    »Was war an dieser einen so interessant, dass sie gestohlen wurde?«
    Braunschweiger senkte die Augenbrauen. »Das zu beantworten ist nicht unsere Aufgabe.« Er zögerte. »Aber Sie haben Recht. Ist schon merkwürdig.« Er blickte auf den Bonder. »Das Netzwerk klassifiziert die Sprache als Hebräisch. Die beherrsche ich zwar nicht, der Computer dafür schon.«
Mambatta beugte sich über den Tisch. »Wollen wir mal sehen.«
    »Da hat jemand Blut geleckt.«
    »Meine Familie hat ein Faible für alte Fundstücke«, murmelte er und überflog die Zeilen, die der Computer als Übersetzung ausgab. Verwirrung erfasste ihn. »Das ist unmöglich.«
     »Wie meinen?«
     »Dieser Text, er ... Mein Bruder hat mir diese Geschichte erzählt.« Er fühlte sich in seine früheste Kindheit zurückversetzt. Als er auf dem afrikanischen Kontinent gelebt hatte.
     »Wovon handelt sie denn?«
     Mambatta ging die Zeilen erneut durch. »Es ist eine von vielen Legenden aus dem Sudan, dem Land meiner Vorfahren. Eins dieser Geistermärchen, mit denen man kleine Kinder erschreckt.« Er las die wissenschaftlichen Anmerkungen. »Diese Passage stammt angeblich aus den Schriftrollen, die man in den Höhlen bei Qumran entdeckte. Jener sensationelle Fund zur Mitte des letzten Jahrhunderts, beim Toten Meer.«
     »Ja, das sagt mir was.«
     »Der Sudan liegt rund tausend Kilometer südlich davon. Durchaus denkbar, dass die Legende ihren Weg in die Heilige Schrift gefunden hat.«
     Braunschweiger packte ihn bei der Schulter und lachte. »Wollen Sie mir wohl endlich verraten, wovon die Geschichte handelt, oder kann ich danach nie mehr einschlafen?«
     Mambatta sah auf. »Sie erzählt von einem Dämon. Wenn Sie so wollen vom Teufel. Wie er den Menschen ihre Wünsche erfüllte, nur um sie später zu entführen. Weit weg von der irdischen Welt. Zum dunkelsten Punkt am Himmel, den die Ältesten ’Höllenkörper’ nannten. Der Text enthält sogar eine Positionsangabe. Aber die Stelle wurde entfernt.« Mambatta zeigte auf ein Brandloch.
     Wie, fragte sich Mambatta, war die Seite in Alims Finger gelangt? Steckten etwa die Sonnenstaaten hinter dem Diebstahl? Eigentlich unmöglich, da die Einbrecher Antigravitation benutzt hatten – jene Technologie, an der sich der Konflikt überhaupt erst entzündet hatte. Braunschweiger würde er nichts von alldem sagen. Vermutlich hatte der die Ansprache des Präsidenten gar nicht gesehen.
     Ohne ein weiteres Wort verliess er den Bunker.
     Die deprimierende Umgebung, der kalte Wind und der Staub trieben ihn auf den Rücksitz. Missmutig beobachtete Mambatta einen Soldaten beim Steuern einer Erkundungsdrohne. Hinter ihm verlor sich der Ozean in endloser Einöde. Wenn er doch nur eine Flasche aus der Bar hätte mitgehen lassen, irgendetwas, um die Unruhe zu bändigen oder wenigstens zurückzudrängen.
     Die Frau war nirgendwo zu sehen.
     Mambatta schloss die Augen. Er wollte an nichts mehr denken, nicht an seine Kindheit, nicht an seine Albträume oder seine Visionen. Wenn Braunschweiger weiter trödelte, würde er sich selbst ans Steuer setzen und aufs Gaspedal treten, um diesem düsteren Ort zu entkommen.
     Endlose Minuten später quetschte sich der Sergeant neben ihn und gab das Signal. Während der Rückfahrt war er damit beschäftigt, dreidimensionale Scans der Kunstschätze über seinem Ring rotieren zu lassen, weswegen er Mambatta mit Geschwätz verschonte. Seinem Dauernicken nach musste er tief beeindruckt von den Fundstücken sein.
     Als sie den alten Flugplatz erreichten, piepte Braunschweigers Bonder. Ihre Flugerlaubnis sei nun auf das durchschnittliche Niveau gesenkt worden, erklärte er. Dies bedeutete, dass sie widerrufen worden war und sich die Mannschaft mit dem Rückflug gedulden musste. Schliesslich hatten sie mit der Sicherung der Anlage ihren Auftrag erfüllt. Regen setzte ein, die Männer und Frauen flohen unter das Längsdach vor dem ehemaligen Haupteingang. Die Welt verwandelte sich in Schlick.
     Mambatta hatte sich abgesondert und nutzte die am Flughafen stabile NeoNet-Verbindung, um die Datenbanken der Tiefraumbehörde nach dem angeblichen Teufelsplaneten zu durchforsten. Er landete keinen Treffer und hatte auch keinen erwartet. Viele Sektionen des Weltraums waren ausgegraut, wohl aus taktischen Gründen, da die Fortschritte bei der Planetensuche sogar gegenüber hochrangigen Offizieren wie ihm geheim gehalten wurden.
     Schlamm schmatzte. Braunschweiger war neben ihm erschienen. »Ist es das, wofür ich es halte?«
     Wortlos liess Mambatta den virtuellen Sternenhaufen verblassen.
     Braunschweiger grinste. »Wäre ja auch ein Bisschen viel verlangt gewesen, nicht? Ich meine, eine Sternenkonstellation? In der Heiligen Schrift?«
     »Das Alte Testament beschreibt sogar eine Art Raumschiff.«
     »Tatsächlich?«
     »Es soll dem Propheten Hesekiel gehört haben.«
     »Aber Teufel im Weltraum? Kann ich mir nicht vorstellen.«
     »Ich mir ebenso wenig. Doch seit dem Verschwinden der Cubik erzählt man sich, dass ein Dämon unsere Flotte heimsucht.«
     Braunschweiger verzog abschätzig das Gesicht. »Astronautengarn. Solche Geschichten erzählte man sich schon, da segelten unsere Schiffe noch über die Weltmeere. Damals nannte man solche Erscheinungen ’Klabautermänner’.«
     »Ich bin letzte Woche im NeoNet auf das persönliche Logbuch eines Crewmitglieds gestoßen. Dort stand, sein Schiff hätte den letzten Notruf der Cubik abgefangen. Sie sei deshalb nie zurückgekehrt, weil sie einen mysteriösen Planeten entdeckt habe. Sie hätte dort etwas Uraltes und abgrundtief Böses geweckt. Etwas, das unsere Flotte aus Rache angreife.«
     Braunschweiger war nicht überzeugt. »Auf welchem Kreuzer hatte dieses Mitglied gedient?«
     »Auf der Milleneuf. Auch die verschwand, wie Sie wissen, vier Monate nach Verlust des Flaggschiffs.«
     »Bestimmt alles Zufall. Und falls nicht: Wenn dort draußen tatsächlich der Teufel, ein Saboteur oder sonst ein verrückter Alien rumrennt, dann soll er sich bei mir melden«, erwiderte Braunschweiger. »Mein Team und ich stehen bereit.«
     »Wo Sie Ihr Team erwähnen …« Mambattas Blick schweifte zu den Soldaten unter dem Vordach. »Die Gefreite mit den rotbraunen Haaren. Ungefähr so gross wie ich, rote Zöpfe mit Metallschmuck, feuriger Blick. Wo ist sie?«
     »So jemanden gibt es in meiner Truppe nicht.« Braunschweiger betrachtete Mambatta misstrauisch.
     Eilig zeigte Mambatta auf eine der drei uniformierten Soldatinnen in Braunschweigers Truppe, eine schmale Frau, deren Haarpracht dunkelblond glänzte. »Ach, dort steht sie ja. Wissen Sie, manchmal bin ich schlecht mit Farben. Ich wollte nur sichergehen.«
     »Kenn ich. Berufsgewohnheit, Geländeleiter. Ich vergewissere mich auch ständig, ob meine Leute vollzählig sind.«
     Eine halbe Stunde später bekamen sie die Erlaubnis zum Rückflug. Braunschweiger vermutete, dass sich der Vatikan für ihre Fluggenehmigung stark gemacht habe. Sie waren die einzigen, die auf diesem Weg unterwegs waren. Europaweit bestand das allgemeine Flugverbot unverändert.
     Kurz vor der deutschen Grenze ließ Braunschweiger das Tempo drosseln, um den Krach in der Kabine zu reduzieren. Dann klappte er ein Display aus der Decke und schaltete auf Barrel Media. Der Sender übertrug gerade die angekündigte Ansprache von Admiral Vincent Claire, dem obersten Befehlshaber der Tiefraumbehörde. Mit seiner schwarzen Uniform trat er vor das schlichte Sprecherpult mit der Organisations-Flagge im Hintergrund.
     Claire war in seinen späten Fünfzigern, hatte kantige Gesichtszüge, dunkle Augen und die mittellangen Haare an den Kopf geliert. »Ich möchte mich kurzfassen. Was die jüngsten Spekulationen anbelangt: Ja, es trifft zu. Wir hatten auf Begehren Roms hin eine gesonderte Erkundungsmission gestartet. Diese liegt jedoch eine Weile zurück.«
     »Darf man das Ziel dieser Mission erfahren?«, fragte ein Reporter.
     »In dieser Hinsicht hat uns Rom um Diskretion gebeten«, erwiderte Claire in seinem gewohnt ruhigen, aber bestimmten Tonfall.
     »Welches Schiff wurde dafür entsendet? Die Cubik?«
     »Auch hierzu möchte ich mich nicht äussern.«
     Eine dritte, weit aufgebrachtere Stimme meldete sich zu Wort. »Dann wurde die Cubik vom Leibhaftigen persönlich vernichtet? Und die anderen Schiffe auch?«
     »Uns sind keine Umstände bekannt, die auf eine Zerstörung hinweisen. Im Übrigen würde ich mehr Sachlichkeit bei den Fragestellungen begrüssen. Und nun muss ich zurück an die Arbeit.« Mit diesen Worten verschwand er aus dem Bild.
     »Was verschweigt uns der Admiral?«, rätselte die Studiomoderation. »Was, wenn es den Teufel dort draußen wirklich gibt?«
     »Wir sind ja nicht mal Ausserirdischen begegnet, Schätzchen,« murmelte Mambatta.
     »Die Teufelstheorie könnte sich bewahrheiten«, erklärte der Moderationskollege mit der üblichen emotionslosen Mimik. »Aufnahmen, die in diese Richtung weisen, wurden uns erst vor wenigen Minuten zugespielt. Eine Warnung an empfindlichere Zuschauer: Die Bilder sind verstörend. Es handelt sich dabei um ein Überwachungsvideo aus einem der Suchschiffe. Es legt leider die Vermutung nahe, dass sich ein weiterer Zwischenfall ereignet hat.«
     Tonloses Filmmaterial zeigte verzerrte Schwarz-Weiss-Bilder einer Gestalt, die durch verlassene Korridore irrte. Ihre Bewegungen erinnerten an ein wildes, paranoides Tier auf zwei Beinen. Sie hatte bleiche Haut, war dürr und hatte lange, pechschwarze Haare. Aufgrund der miserablen Bildqualität war kaum zu erkennen, ob sie Kleidung trug. Mambatta glaubte gar, Krallen statt Händen gesehen zu haben.
    Die Kreatur passierte zwei leblose Körper am Boden, bevor sie sich der Kamera bewusst zu werden schien. Unvermittelt stand sie direkt vor der Linse, so als hätte der Film einige Sekunden übersprungen. Die Qualität der Aufnahme wurde pixelig, doch gleichwohl sah man, wie eine schneeweisse Iris in die Kamera blinzelte. Danach war der Clip zu Ende.
     »Angeblich wurden die Bilder an Bord der Ennea aufgenommen«, erklärte die Sprecherin. »Aus Kreisen der Tiefraumbehörde haben wir erfahren, dass der Kontakt zu diesem Militärboot letzte Woche abriss.«
     »Da haben Sie Ihren Klabautermann«, brummte Mambatta. Für seinen Geschmack passten die Bilder der Bestie viel zu gut zur Story über einen verhexten Planeten. Die Medien waren eng ans Regime gebunden und deshalb stets gut für eine durchgeladene und entsicherte Räuberpistole.
    Ob diese Story am Ende ein Ablenkungsmanöver war? Eine Ausrede, mit der man den Sonnenstaaten weismachen wollte, die Suche nach dem Höllenplaneten sei berechtigt? Das einzige, was die Leute glauben ließ, dass sie eine bewohnbare Welt finden würden, war schiere Verzweiflung über die sich ständig verschlimmernde Situation auf der Erde.
     »Was für eine Vorstellung. Die Sandstaaten erklären uns den Krieg, weil sie glauben, wir würden mit unserer Flotte lieber den Teufel jagen, statt unsere Schiffe mit ihnen zu teilen. Und dann stellt sich heraus, dass da vielleicht was dran ist? Was für ein Tag!«
     Mambatta zuckte mit den Schultern. »Interessiert mich nicht. Ich befinde mich offiziell im Urlaub.« Was das Weltgeschehen anbelangte, befand er sich sogar im Ruhestand.
     Braunschweiger lachte auf. »Ganz unter uns: Das meiste, was von dem Sender kommt, ist ohnehin gelogen.« Er wandte sich diskret an den Piloten. »Flugschreiber adjustieren.«
     »Verstanden«, erwiderte dieser. Sogleich erloschen mehrere kleine Lichter.
     Braunschweiger öffnete ein Geheimfach und zog eine Flasche Wodka hervor.
Mambatta war verblüfft. »Die hatten Sie die ganze Zeit über griffbereit?«
     Der Sergeant grinste. »Wir mussten erst die Basis verlassen. Und gegen den Unsinn aus der Kiste gibt es nur ein einziges Gegenmittel.« Er schenkte zwei Gläser ein und salutierte Mambatta. »Verzeihen Sie mein Französisch, aber ich muss es auf gut Deutsch sagen: Scheiss aufs Jahrhundert!«
     In diesen Toast stimmte Mambatta nur zu gerne ein.
   
    Anders als im bedrückend trüben Südfrankreich, leuchtete die deutsche Hauptstadt im rostigen Sonnenlicht, als der Thrazer im Regierungsviertel aufsetzte. Mit Verweis auf seinen höheren Rang und insbesondere das trockene Wetter luchste Mambatta seinem Kollegen die Flasche ab, bevor er die Tür aufstieß.
    Gleißendes Licht überfiel ihn wie ein wildes Tier. Er hatte in der schummrigen Kabine des Thrazers völlig vergessen, dass der Nachmittag noch nicht vorüber war, und um diese Zeit begab sich niemand ohne Sonnenbrille auf die Strasse. Seine eigene hatte er natürlich im Apartment gelassen.
    Er nahm einen Schluck aus der Flasche, stolperte geblendet über den Bürgersteig, suchte schließlich Schutz im Schatten einer Gasse, eine schwarze Schlucht nach der gleißenden Helligkeit, in der sich erst das Knie stieß, dann mit dem Kopf gegen die Wand prallte und kurz darauf zwischen Holzkisten zu Denken aufhörte.

     Es waren Kälte und Feuchtigkeit, die ihn aus dem Nichts zurückholten. Mambatta konnte das Wasser bereits auf der Haut spüren. Seine Kleider fühlten sich wie nasse Handtücher an. Er tastete nach der Flasche, spürte Splitter, kam schließlich auf wackelige Beine. Über den hohen Bauten, die ihn umgaben, glitt ein gewaltiger, dunkler Ziegel durch eine sternenlose Nacht. Ein einsamer Ultralith, der Wasser im Meer getankt und entsalzt hatte, um nun seine feuchte Ladung über der Stadt abzuwerfen.
     Eine Viertelstunde erreichte Mambatta den Eingang seines Hotels und drückte die Hand gegen den Scanner. Doch wegen der Feuchtigkeit oder der Kälte oder sonst einem verdammten Grund verblieb das Lämpchen rot. Per Knopfdruck holte er einen Zahlenblock auf die Anzeige und tippte den Zugangscode ein.
     Einmal. Zweimal.
     Falsch.
     Ihm schwante, dass Braunschweigers Wodka die Kombination aus seinem Kopf gespült hatte. Fünfkantige Technik! Er presste die Stirn gegen den gläsernen Eingang, ob er jemanden erkennen konnte, doch der Raum dahinter lag im Dunkeln. Früher hatte es für solche Fälle Nachtpersonal gegeben. Schöne neue Welt.
    Mambatta zögerte, den Code erneut einzutippen. Eine weitere falsche Eingabe, und der ICU würde vorbeischauen.
     Dann sah er es.
     Der ICU war bereits da.
     Direkt hinter ihm. 
     Mambatta drehte sich um. Seine Knie wurden weich, beinahe stürzte er. Vor ihm stand die Frau mit den rotbraunen Haaren. Die Metallstücke an ihren Zöpfen blitzten im Licht der Laternen. Sie musterte ihn streng, flankiert von schwer bewaffneten Männern.
     Seine Vision. Verdammt real.
     »Ich bin Kommandantin Vortia Bardoni«, erklärte die Frau kühl und wies auf das Eingabefeld. »Soll ich Ihnen assistieren?«
     Mambatta nickte, während er zu akzeptieren versuchte, was geschah.
     Die Kommandantin hielt ihren Bonder gegen den Scanner. Mambatta erkannte das Abzeichen auf ihrem Oberarm. Die schlichte, kupferfarbene Doppelwelle war das Emblem des Megakonzerns Substream Industries.
     Das Lämpchen über dem Eingabegerät leuchtete grün auf, die Tür glitt beiseite. Mambatta war nicht erstaunt, dass die Unbekannte Zutritt hatte. Der Leihapartmentbau befand sich im Besitz von Substream. »Danke«, murmelte er verlegen.
     Bardoni nickte. »Dürfte ich Sie kurz sprechen?« Es klang nicht nach einer Frage. 
     Mambatta spähte zu den Uniformierten und schüttelte den Kopf. »Ich veranstalte keine Gruppenführungen durch mein Apartment.«
     Lautlos bedeutete sie ihren Männern, sich zu postieren.
     »Damenbesuch zu so später Stunde kann man ja wohl schlecht ausschlagen.« Mambatta bedeutete ihr, ihm zu folgen, und ging durch den dunklen Korridor hinüber zum Fahrstuhl. Die Lichter der Kabine flackerten.
     Im Apartment machte sich Mambatta nicht die Mühe, die Beleuchtung einzuschalten. Durchs Fenster, das sich entlang der ganzen Wand erstreckte, fiel genug Licht ein, damit auch Bardoni den Weg finden würde.
     Auf dem Glastisch vor seinen Knien standen ein Kristallglas und eine halbvolle Flasche Brandy bereit. Er schenkte sich ein.
     Bardoni hatte ihm den Rücken gekehrt und blickte durchs Fenster. »Nett haben Sie’s hier.«
     »Finden Sie?« Er starrte zur Decke und genoss, wie der Alkohol seine Wirkung tat.
     »Meine Unterkunft hat nicht mal Fenster.«
     »Meine sind mir gar nicht aufgefallen. Was gibt’s denn zu bestaunen?« Er hörte, wie ihr Haarschmuck sanft klimperte, als sie sich umdrehte. Sie starrte zuerst auf ihn herab, dann auf sein Glas, das er bereits geleert hatte. »Möchten Sie auch was?«
     »Ich wollte nur sehen, ob Sie mit Ihrem schon fertig sind.«
     »Wozu?«
     Sie seufzte. »Ich muss Ihnen leider schmerzhafte Mitteilung machen.«
     »Hätten Sie das bloß unten auf der Straße gesagt.« Er schenkte sich so rasch nach, dass der Brandy über die Ränder schwappte. »Immer raus damit.«
     »Ihr Bruder, Cherish. Er ist tot.«
     Mambatta erstarrte.
     »Er wurde vor wenigen Tagen aufgefunden. Alles weist auf einen Stromschlag hin. Die Suche nach dem Täter dauert an.«
     Langsam stellte er das Glas zurück. Cherish war tot? Das konnte nicht sein. »Manchmal wiegt das Fortbleiben der Lebenden schwerer als der Weggang der Toten«, erwiderte Mambatta wie in Trance. Er wusste nicht, wie diese Worte in seinen Mund gelangt waren, aber sie schienen dorthin zu gehören. 
     »Bitte?« Ihr harter Tonfall verriet, dass sie gewohnt war, Antworten zu geben anstatt Fragen zu stellen.
     »Eine Redensart aus meiner Heimat.«
     »Es heisst, Sie und Cherish hätten seit Jahren nicht mehr miteinander gesprochen.«
Mambatta wandte sich ihr zu und musterte sie. »Nun spucken Sie’s endlich aus. Was wollen Sie?«
     »Mein Arbeitgeber möchte Ihnen Cherishs Position anbieten.«
     Cherish hatte für Substream gearbeitet? Mambatta hatte keine Ahnung, was sein Bruder die letzten fünf, nein, die letzten zehn Jahre getrieben hatte. Er wusste bloss, dass er sich stets brennend für Archäologie interessiert hatte, obwohl das eine offenkundig brotlose Angelegenheit war.
     »Um was für einen Job geht es?«
     »Um eine Anstellung an Bord eines Schiffes.«
     Cherish, dieser verfluchte Abenteurer. »Hören Sie, mich bekommen keine zehn Pferde aus dieser Stadt. Nicht in diesem Leben. Ich habe heute selbst gesehen, was dort draußen los ist. Ausserdem werde ich unglaublich schnell seekrank.«
     Bardoni setzte sich auf die Couch gegenüber. In ihrem dunklen Gesicht funkelten zwei Augen. »Dieses Schiff fährt nicht durch Wasser.«
     »Sie meinen ein Sternenschiff?«, ächzte Mambatta. »Da fragen Sie ausgerechnet mich? Ich muss Sie enttäuschen, Lady. Ich bin nicht wie Cherish. Ich hab’ keine Ahnung von Technik. Sie ist mir, ehrlich gesagt, zuwider.«
     »Sie sollen das Schiff weder steuern, noch reparieren. Sie sollen es befehligen.«
Augenblick! Cherish war Captain gewesen? Mambatta fand keinen Platz in seinem Kopf, an dem er diesen Gedanken hätte unterbringen können.
     Bardonis Tonfall wurde milder. »Wir haben eine ausgezeichnete Crew, Geländeleiter. Was fehlt, ist jemand, der sie führt. Und Führung ist einer Ihrer Expertisen.«
     Mambatta griff nach dem Glas, das er auf dem Tisch abgestellt hatte. »Falscher Zeitpunkt. Habe zurzeit nicht das beste Verhältnis zur Tiefraumbehörde.«
     »Das Schiff, das Sie kommandieren sollen, untersteht nicht der D.S.A. Es gehört einem privaten Investor.«
     »Mit anderen Worten: Ihrem Arbeitgeber.«
     »Einem Teilhaber. Er hat ausdrücklich nach Ihnen verlangt.«
     »Wie lautet sein Name?«
     »Ich bin nicht autorisiert, Einzelheiten zu enthüllen. Ich kann jedoch bestätigen, dass es sich um einen Prototyp handelt. Das erste zivile Sternenschiff der Geschichte. Sie sollen den Jungfernflug begleiten.«
     Mambatta trank einen Schluck. »Verarschen kann ich mich auch selber.«
     »Warum, glauben Sie, bin ich Ihnen nach Katalonien gefolgt? Ich habe Sie beobachtet. Sie sind der richtige für den Job.«
     Sie musterte ihn lauernd. »So ein Angebot bekommen Sie nicht zweimal. Also: Was sagen Sie?«

Ende der Leseprobe.

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Dieter Aurass

Leseprobe aus "Sandmann: Albtraumleben"


Kapitel 1 – Erwachen

   Das erste Erwachen ist immer das Schlimmste. Die Erfahrung hat mich gelehrt, zunächst die Augen geschlossen zu halten und meine anderen Sinne zu bemühen.
   Ich fühle mit den Händen, auf was für einer Art Bett ich liege. Dabei spüre ich eine recht harte Unterlage und keine hochwertige Bettwäsche. Dann befühle ich meinen neuen Körper und stelle mit großer Erleichterung fest: Er ist männlich.
   Die Umgebungsgeräusche sind sehr gedämpft, stammen aber von einer größeren Anzahl von Personen.
   Den Geruch, der mir in die Nase strömt, kenne ich leider nur zu gut: Gefängnis oder Psychiatrie.
   Langsam öffne ich die Augen. Eine kleine Zelle mit einem Tisch, einem Stuhl, einem kleinen Bücherregal an der Wand und einer Kloschüssel aus Metall ohne Deckel, die von einem niedrigen Mäuerchen als Sichtschutz abgedeckt wird.
   Vorsichtig schlage ich die dünne Decke über meinem Körper zurück und blicke an mir herunter. Zahlreiche Tattoos bedecken meine Unterarme. Ich kann die Muskeln an meinen Armen sehen und spüre, dass auch der restliche Körper sehr muskulös ist ... durchtrainiert ... kräftig.
   Ich bete zu Gott, dass ich vielleicht nur in einem Schläger oder Einbrecher und nicht etwa in einem Vergewaltiger oder Mörder gelandet bin. Ich bete zu einem Gott, an den ich im Grunde seit mehr als einem Jahrhundert nicht mehr glaube.
   Gäbe es einen Gott, wie könnte er mich dann so strafen? Oder ist es gerade ein Beweis für Gott, dass er mich prüft oder mir Aufgaben gibt? Es ist müßig, darüber zu grübeln und hat noch nie zu einem schlüssigen Ergebnis geführt.
   Ich wappne mich für die kommende und sicherlich erneut sehr harte Zeit.


Kapitel 2 – Lebenserfahrung

   Ich bin der älteste Mensch der Welt und inzwischen 173 Jahre alt. Okay, vermutlich der älteste Mensch ... weil ich nicht weiß, ob es noch andere Menschen wie mich gibt.
   Geboren wurde ich am 22.04.1990 in ... spielt keine Rolle.
   Nein, Sie haben sich nicht verlesen, und ich habe mich auch nicht verschrieben. Mein Geist, meine Seele oder wie immer man das spirituelle Bewusstsein eines Menschen bezeichnen möchte, lebt seit meinem 17. Lebensjahr pro Jahr 13 Jahre.
   Gestern war es wieder soweit - denn gestern war Vollmond.
   Ich bin eingeschlafen, und ich schlafe noch immer. Genauer gesagt: Mein Körper schläft. Und wenn ich am nächsten Morgen aufwache, werde ich ein Jahr gelebt haben. Nicht körperlich, aber geistig. Denn während ich schlafe, wandert mein Geist ein Jahr in der Zeit zurück und wacht in einem fremden Körper auf.
   So wie gerade jetzt.
   Sie werden sagen: Wow, das ist ja eine coole Sache. Das ist bestimmt lustig und was man da alles erleben kann.
   Sie ... haben ... ja ... keine ... Ahnung!
   Es ist absolut nichts Lustiges daran, als junger Mann im Körper einer Frau Mitte 70 aufzuwachen. Nur mal als Beispiel.
   Es ist nichts Lustiges daran, mit dem Bewusstsein eines fremden Menschens um die Vorherrschaft in seinem Körper zu ringen.
   Es ist nichts Lustiges daran, zu glauben, man sei verrückt geworden, weshalb man in der Psychiatrie landet, wie es mir bei meinem ersten Erlebnis dieser Art erging.
   Es ist nichts Lustiges daran, aufzuwachen und plötzlich todkrank, alt, arm, dumm, verkorkst oder eine Mischung aus all diesem zu sein. Nun ja, das triff natürlich nicht auf mein Bewusstsein zu, aber auf den Körper und das Bewusstsein meines Gastgebers, mit dem ich den Körper ab diesem Moment für ein Jahr teilen muss.
   Aber seit meinem 17. Lebensjahr bleibt mir nichts anderes übrig, als damit zu leben.
   Begleiten Sie mich ein Jahr lang, und Sie werden sich nichts sehnlicher wünschen, als dass Ihnen so etwas nie passiert. Ein vernünftiger Wunsch. Denn obwohl ich mich inzwischen mit meinem Schicksal abgefunden habe, obwohl ich Strategien anwende und mich mit dem Unausweichlichen arrangiere – es ist und bleibt der reine Horror!


Kapitel 3 - Gefängnis

   Bogdan Kovač, so heißt mein aktueller Wirt, ist 46 Jahre alt und ein Kleinkrimineller, der sich mit Taschendiebstählen und Trickbetrügereien über Wasser hält. Er ist gebürtiger Kroate, lebt aber schon seit über 40 Jahren in Deutschland. Dass er keine wirkliche Geistesgröße ist, habe ich schnell bemerkt, als ich sein Bewusstsein »nach oben« kommen lasse, um mich mit ihm auszutauschen.
   Inzwischen ist es kein Problem mehr für mich, die Kontrolle über meinen Wirtskörper zu übernehmen. Anfangs war ich dazu verdammt gewesen, als passiver Gast lediglich mitzuerleben, was mein Gastgeber alles veranstaltete. Meine Versuche, mit meinen Wirten in Kontakt zu treten, hatten sie verwirrt und ließen sie an ihrem Verstand zweifeln.
   Inzwischen gebe ich den Ton an. Also entlasse ich Bogdan Kovač aus der passiven Rolle, um mit ihm in Kontakt zu treten.
   Hallo, Bogdan, ich denke, wir sollten uns unterhalten.
   »Wer sprich da?«, fragt er laut in den Raum, in der Annahme, er hätte eine reale Stimme gehört.
   Nenn mich »Sandmann«, und du brauchst dich nicht umzusehen, ich bin in deinem Kopf.
   »Häh?«
   Oh je, das würde wieder einmal eine schwere Geburt werden. Aber ich habe es inzwischen aufgegeben, meine Gastgeber direkt beim ersten Gespräch überzeugen zu wollen. Es würde genug Gelegenheiten geben, zu denen ich mit ihm »reden« konnte, und er zweifelsfrei feststellen würde, dass kein Mensch in seiner Nähe ist. Außerdem »höre« ich ja seine Gedanken und wenn dann meine Kommentare dazu kommen, wird er schon schnell merken, wo ich wirklich bin.
   Denk einfach mal ein wenig drüber nach, sage ich, und ich melde mich zu gegebener Zeit wieder.
   Ich habe es nicht eilig. Wenn man etwas in über 170 »erlebten« Lebensjahren lernt, dann ist es Geduld. Bogdan sieht sich hektisch in seiner Zelle um, und ich beginne, in seinen Erinnerungen zu kramen. Warum sitzt er überhaupt in dieser Zelle?
   Wie bin ich nur in diesen Schlamassel geraten?
   Das Ergebnis meines kleinen Stupsers, von dem er denkt, es handele sich um einen eigenen Gedanken, ist eine Flut von Gedanken, Bildern und Erinnerungen, die in wirrer Folge durcheinander schwirren - aber diesbezüglich habe ich ja nun wirklich viel an Erfahrung aufzuweisen.
   Das bedeutet allerdings nicht, dass ich erfreut wäre über das, was ich da sehe. Wenn ich Pech habe, bedeutete es, dass ich ein ganzes Jahr in einem minderbemittelten Wirt im Knast verbringen muss. Der gute Bogdan sitzt zwar erst in Untersuchungshaft - also steht ein Prozess noch aus -, allerdings sitzt er wegen Mordes ein. Ihm wird vorgeworfen, seine Ehefrau umgebracht zu haben. Interessant an der Tat ist, dass er sie nicht etwa einfach nur erdrosselt oder von einer Klippe gestoßen haben, sondern sie regelrecht abgeschlachtet und dann in der gemeinsamen Wohnung zerstückelt haben soll.
   Als wesentlich interessanter empfinde ich allerdings die Tatsache, dass Bogdan nicht der Täter gewesen ist. Niemand könnte behaupten, er sei ein Unschuldslamm, das beweist seine bewegte Vergangenheit, aber im Fall seiner ermordeten Frau ist er tatsächlich so unschuldig wie frisch gefallener Schnee.
   Woher ich das weiß? Gedanken können nicht lügen. Das war eine der ersten Erfahrungen, die ich schon vor über 150 »erlebten« Jahren machen durfte, allerdings beileibe nicht immer eine angenehme Erfahrung. Leider musste ich im Laufe der Jahre in die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele schauen. Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich im Kopf eines Pädophilen, der sich ständig ausmalt, wie er kleine Kinder missbraucht ... und sich noch nicht einmal schlecht dabei fühlt.
   Aber wie so oft im Leben, entstand aus Schlechtem dann doch irgendwie auch etwas Gutes. Es war gerade diese spezielle Erfahrung gewesen, die mich gezwungen hatte, zu lernen, wie ich die Seele - oder besser gesagt das Bewusstsein - eines Wirtes in die hinterste Ecke verbannen konnte. Anders hätte ich das Jahr in diesem kranken Mitglied der menschlichen Gesellschaft nicht bei geistiger Gesundheit überstanden. Erschwerend in einem solchen Fall ist allerdings, dass ich dann ganz alleine seinen Körper steuern muss. Natürlich war das ja das Ziel, damit er seine Triebe nicht ausleben konnte und die Kinder vor ihm sicher waren. Allerdings hatte ich in diesem Fall auch keinen Zugriff auf seine Erinnerungen, was bedeutete, dass ich weder Arbeitskollegen, Bekannte oder selbst gute Freunde erkannte. Und welcherart seine »guten Freunde« waren, können Sie sich sicher lebhaft ausmalen.
   Aber ich überstand das Jahr einigermaßen. Lediglich im letzten Monat hatte ich ein moralisches Problem, nämlich, was passieren würde, wenn ich nicht mehr in ihm, sondern wieder in meinem eigenen Körper sein würde, und er damit erneut die Kontrolle über seinen Körper hätte.
Allerdings ist einer meiner ehernen Grundsätze: Probleme sind dafür da, gelöst zu werden. Punkt!
   Aber dazu später mehr.
   Vorrangig ist es in einem so frühen Stadium des Eintritts in einen neuen Gastkörper, einen Modus zu finden, wie ich mich mit dem Wirt, also in diesem Fall Bogdan, möglichst vernünftig arrangieren kann. Da habe ich schon die verschiedensten Varianten erlebt. Von absoluter Verweigerung und Negierung der Fakten, bis zum sofortigen, vorbehaltlosen und begeisterten Einlassen auf die »tolle spirituelle Erfahrung«. In der Regel war es ein Mittelding und dauerte einfach eine gewisse Zeit, bis der Wirt akzeptieren konnte, was er sowieso hinnehmen musste.
   Aber es gibt verschiedene Methoden. Subtile und weniger subtile.


Kapitel 4 - Alltag im Knast

   Kannst du denn nicht akzeptieren, dass eine Seele den Weg in deinen Kopf gefunden hat?
   »Ich kann das irgendwie nicht glauben. Ich muss übergeschnappt sein.«
   Frag beim nächsten Hofgang deinen Kumpel Mirco, was ihr gestern vereinbart habt.
   »Wieso? Wir haben nichts vereinbart.«
   Frag ihn einfach.
   Mirco ist ein kroatischer Drogendealer, der mit einem ganzen Kilo Koks geschnappt worden war. Ihm drohen mehrere Jahre Haft, da es nicht sein erstes Mal gewesen war. Bogdan hat sich bereits kurz nach seiner Inhaftierung mit seinem Landsmann angefreundet, wenn er auch keinerlei Ambitionen hat, jemals Kunde von Mirco zu werden.
   Auf dem Hofgang sehe ich sofort Mirco, der lauernd an einer Wand lehnt und anscheinend nur auf Bogdan gewartet hat. Allerdings muss ich an dieser Stelle zugeben, dass ich immer nur das sehen kann, was auch Bogdan gerade sieht. Möchte ich in eine bestimmte Richtung sehen, in die er nicht schaut, dann müsste ich die Kontrolle übernehmen, was ich nur in Ausnahmefällen tun will. Gerade ist es nicht erforderlich.
   Mirco steuert schnurstracks auf uns zu ... na ja, für ihn steht da nur Bogdan, aber ich sehe uns eben als Team, also werde ich weiterhin von »uns« sprechen.
   »Alter, ich hab’s. Aber mach jetzt keinen Aufstand, sonst merkt noch jemand was«, überfällt Mirco uns, wobei er sich geheimnisvoll gibt und ständig nervös über seine Schulter blickt.
   »Was meinst du?« Ich spüre Bogdans Unsicherheit und aufsteigende Angst.
   »Ey, Alter, mach jetzt keinen Scheiß. Ich hab mich an das gehalten, was wir gestern vereinbart haben.«
   »Wir haben was vereinbart? Gestern? Wann? Was?«
   Mirko sieht Bogdan nun entgeistert an, und erstmals macht sich Misstrauen in ihm breit. »Du willst mich verscheißern, oder? Wenn das eine Falle ist und ich dir den Stoff nur besorgen sollte, damit du mich in die Pfanne hauen kannst, dann bist du tot, das verspreche ich dir.«
   Es wird Zeit, dass ich mich einmische, damit die Geschichte nicht aus dem Ruder läuft.
   Sag ihm, du hast nur Spaß gemacht und nimm den Stoff, den ich gestern als du geordert habe. Ich erklär’s dir später.
   Zum Glück reagiert Bogdan erstmals ohne laute Rückfragen, ohne dummes Gestotter, sondern tatsächlich genau so, wie ich es ihm geraten habe.
   »Quatsch, Alter, hab nur Spaß gemacht. Lass rüberwachsen ... äh ... den Stoff, meine ich.«
   Nach einer kurzen Unsicherheit und noch einigen misstrauischen Blicken über seine Schulter, zieht Mirko schließlich ein kleines Plastiktütchen aus der Tasche und drückt es Bogdan unauffällig in die Hand. Dann entfernt er sich, so schnell es geht, ohne dass es nach Flucht aussieht.
   »Was hast du getan?«, fragt Bogdan völlig konsterniert, »Willst du mich umbringen?«
   Kannst du das bitte endlich sein lassen, laut mit mir zu sprechen. Deine Mithäftlinge sehen dich schon als den durchgeknallten Sonderling, der mit sich selbst redet.
   ›››Kannst ... du ... mich ... hören?‹, denkt er nun überdeutlich und so langsam, als wolle er sich mit einem Grenzdebilen unterhalten.
   Allerdings, du Vollidiot, sogar wenn du schneller denkst.
   ›››Nenn mich noch einmal Vollidiot, dann ... dann ...‹
   Ob Sie es glauben oder nicht, aber man kann auch in Gedanken lachen - was ich nun ausgiebig tue.
   Was dann? Haust du dir dann selbst eine rein, in der Hoffnung, es tut auch mir weh? Aber immerhin hast du es jetzt endlich kapiert. Das ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.
   ›››In welche Richtung?‹
   Willst du denn hier nicht raus? Vielleicht beweisen, dass du deine Frau nicht umgebracht hast?
   ›››Ja klar, aber wie soll das gehen?‹
   Lass das mal meine Sorge sein. Ich weiß, dass du unschuldig bist, dann sollte es möglich sein, das auch zu beweisen.
   ›››Woher weißt du, dass ich es nicht war, der meine Katarina umgebracht hat?‹
   Hast du vergessen, dass ich in deinem Kopf bin? Ich sehe deine Gedanken ... ich weiß alles, was du weißt. Ich weiß, es ist schwer, sich damit abzufinden, aber du wirst dich daran gewöhnen müssen. Du kannst keine Geheimnisse vor mir haben.
   Die Gefühle, die mich überfluten, stellen eine Mischung aus Angst, Verzweiflung, schlechtem Gewissen und Hilflosigkeit dar. All das sind die Reaktionen einer Person, der man gerade gesagt hat, dass sie keine Geheimnisse vor jemandem haben könne und man auch den letzten, schmutzigen Gedanken mitbekäme.
   Mach dir keine Gedanken, Bogdan, du bist nicht der Erste, in dem ich mich aufhalte, und du bist leider auch nicht der Letzte. Ich habe schon Dinge erlebt und gesehen, von denen du dir keine Vorstellung machen kannst. Also bleib locker, mach dir keine Sorgen und dann werden wir gut miteinander auskommen.
   Es würde mich allerdings sehr wundern, wenn er damit so einfach klarkäme. Er wäre der Erste.

***
 
   Es hat selbst für mich lange gedauert, alle Implikationen dieser »Seelenwanderung«, wenn man sie denn so nennen kann, vollständig zu begreifen. Es gibt da ein paar Dinge, die man auf den ersten Blick nur sehr schwer versteht oder gar nicht erst bedenkt.
   Was würden Sie zum Beispiel beruflich machen, wenn Sie einen Monat da sind und dann wieder ein Jahr weg? Genau! Es hat mich mein Abitur gekostet, dass ich im letzten Schuljahr nach einer Vollmondnacht keine Ahnung mehr hatte, was am Vortag besprochen worden war, geschweige denn den Stoff des vergangenen Monats noch drauf hatte. Für mich war in derZwischenzeit ein ganzes Jahr vergangen - und das war oft kein einfaches Jahr. Zum Leidwesen meiner Eltern musste ich die Schule abbrechen und hing einfach nur herum.
   Wovon sollte ich leben? Was sollte ich in den Tagen zwischen zwei Vollmonden Sinnvolles tun? Es sind zwischen zwei Vollmonden immer 29,5 Tage, also grob gesagt findet das Ereignis einmal pro Monat statt. Es gibt allerdings auch Jahre mit 13 Vollmonden, aber eigentlich interessiert mich die Anzahl nicht wirklich, lediglich, dass ich alle 30 Tage einschlafe und geistig ein Jahr älter wieder aufwache.
   Nachdem ich anfänglich zwischen den Seelenwanderungen rumgegammelt hatte, merkte ich schließlich, dass ich die Zeit sinnvoller nutzen konnte, denn schließlich musste ich ja von etwas leben. Sicherlich hat jemand von Ihnen schon den Gedanken gehabt: Der reist doch durch die Zeit, kann man da nicht Geld machen?
   Nun reist mein Bewusstsein in die Vergangenheit, nicht in die Zukunft. Scheiße - dachte ich zunächst, bis mir klar wurde, dass es im Gegenteil ein riesiger Vorteil ist.
   Mein Bewusstsein verbringt ein Jahr in der Vergangenheit, aber es reist ja mit dem Wissen der Person in die Vergangenheit, die das Jahr schon einmal durchlebt hat. Demzufolge weiß ich (also mein Vergangenheits-Ich), was in dem mir bevorstehenden Jahr passieren wird. Das ist dann ungefähr so, als könnte ich in die Zukunft sehen, oder? Ich gebe zu, das ist alles sehr verwirrend,  auch ich hatte einige Zeit gebraucht, bis ich es soweit verstand, um einen Versuch zu unternehmen, mein Wissen zu nutzen.
   Die Gelegenheit ergab sich, als ich im Körper eines jungen, dynamischen und notorisch erfolglosen Börsenmaklers landete. Durch Zufall hatte ich (mein Gegenwarts-Ich) nur kurz vor Antritt meiner unfreiwilligen Reise einen Artikel gelesen, dass die Aktien einer sehr bekannten Softwarefirma wegen eines ihr angedichteten Fehlers in den Keller fielen, um dann wenige Wochen später, nach Klarstellung der Falschmeldung, in nie gedachte Höhen zu schnellen.
   Dieses Wissen zu meinem Vorteil zu nutzen, gedachte ich auf jeden Fall einmal auszuprobieren.
   Das Ergebnis war ... nun ja, erfreulich. Ich werde darauf zurückkommen.


Kapitel 5 - Mein Anwalt

   In den meisten Kriminalfilmen wird aus Zeitgründen der Aufenthalt in der Untersuchungshaft und die dort stattfindenden Besuche eines Anwaltes beim Beschuldigten immer so dargestellt, als käme der Anwalt alle Nase lang und in kurzen Abständen seinen Mandanten besuchen.
   Die Wahrheit sieht leider anders aus. Bogdan ist zwar ein Kleinkrimineller, aber er hält nicht viel von Anwälten - auch bei ihm sind wie bei vielen anderen Kriminellen schlechte Erfahrungen der Auslöser. Also hatte er sich keine Mühe gegeben, einen passenden Anwalt zu finden, weshalb ihm wegen der Schwere des Tatvorwurfs ein Pflichtverteidiger zugeordnet werden musste. Bogdan hält nicht viel von ihm. Er sieht in ihm einen arroganten Schnösel, der sich seine ersten Sporen in einem medienwirksamen Mordfall verdienen will. Zuletzt war er vor drei Tagen zu einer kurzen Besprechung bei ihm gewesen, aber Bogdan hatte ihm kaum zugehört.
   Also sehe ich mir erstmal die Unterlagen an, die er in seiner Zelle aufbewahrt. Daraus ersehe ich zum einen die Erreichbarkeit des Anwalts und zum anderen, was bisher so gelaufen ist. Und was ich lese ... ist einfach unglaublich!
   Dieser Grünschnabel von Rechtsverdreher hat Bogdan tatsächlich ein Schreiben aufgesetzt, in dem er die Tat gestehen soll und das er lediglich noch unterschreiben muss. Auf meine Nachfrage bestätigt Bogdan mir, dass der Anwalt der Meinung sei, nur so könne er auf ein mildes Urteil hoffen.
   So ... ein ... Bullshit! Offensichtlich glaubt Bogdans Möchtegern-Verteidiger nicht an dessen Unschuld und zieht auch noch nicht einmal in Erwägung, dass er es sein könnte.
   Ich sehe mir die Daten an und informiere Bogdan darüber, was wir am nächsten Tag tun werden. Das bevorstehende Gespräch mit Rechtsanwalt Simon Hecker, den Bogdan auf etwa Ende Zwanzig schätzt, wird sicherlich interessant werden ... nur nicht für den Anwalt.
   Bogdan verlangt natürlich, sofort zu erfahren, was ich mit Hecker besprechen will, aber im Gegensatz zu mir kann er meine Gedanken nicht hören, wenn ich das nicht will.
   Lass dich überraschen. Das wird ein nettes und lustiges Gespräch. Ich bin sicher, es wird dir gefallen. Du musst mich einfach nur machen lassen, okay?
   ›››Ich weiß aber nicht, ob ich das will. Woher soll ich wissen, dass du mich nicht noch tiefer in die Scheiße reitest?‹
   Ich muss wieder lachen.
   Bist du wirklich der Meinung, das sei noch möglich? Du steckst schon knietief drin und ich bin deine einzige Hoffnung, dass sich daran etwas ändert. Also lass mich einfach mal machen.
   ›››Und was, wenn ich das nicht will und dich daran hindere?‹
   Ich seufze auch für Bogdan vernehmlich. Also wird es wieder einmal ein Kräftemessen und eine Machtdemonstration geben ... wie schon so oft. Aus Erfahrung weiß ich, dass er mir so lange nicht glauben wird, bis er es erlebt hat. Da machen weitere Erklärungen keinen großen Sinn, also ziehe ich mich zurück und lasse ihn mit seinen Gedanken alleine.

***

   Der junge Schnösel hat sich tatsächlich dazu aufgerafft, uns am nächsten Tag zwischen zwei Termine zu schieben. Allerdings ist ihm nicht bewusst, dass er es nun mit zwei Personen zu tun hat. Für ihn ist es lediglich Bogdan, der ihm im Vernehmungsraum der Haftanstalt gegenübersitzt ... und das wird auch so bleiben.
   Ich habe Bogdan so weit in den Hintergrund des Bewusstseins verdammt, dass er keine Gewalt über seinen Körper hat, aber immerhin noch mitbekommt, was geschieht. Ich will ihm nicht hinterher alles erklären müssen.
   »Nun, Herr Kovač, Sie haben mir mitteilen lassen, dass Sie das Geständnis unterschrieben haben und mir noch weitere Einzelheiten über die Tat erzählen wollen. Ich bin ganz Ohr. Wo ist das unterschriebene Dokument?«
   »Es gibt kein Dokument, Herr Anwalt.« Sein dümmlicher Gesichtsausdruck amüsiert mich. »Haben Sie wirklich geglaubt, ich würde diesen Schwachsinn unterschreiben? Ich bin nicht schuldig, und wenn Sie nicht langsam Schritte unternehmen, die Ermittlungsbehörden in die richtige Richtung zu bewegen, muss ich mir vermutlich tatsächlich einen Wahlverteidiger suchen. Wie weit sind Sie mit der Akteneinsicht?«
   Simon Hecker glotzt mich mit offenem Mund an. Er hat bisher zwei Mal mit Bogdan geredet und der Bogdan, der ihm jetzt gegenübersitzt, kommt ihm sicherlich wie eine andere, eine gebildete Version des ihm ursprünglich so einfach gestrickt erscheinenden Mannes vor. Sein Mund steht offen, und es spricht nicht gerade für eine überragende Intelligenz, dass ihm nichts Vernünftiges einfallen will.
   »Sie ... äh ... Sie wirken ... verändert«, stammelt er und hantiert mit den Papieren, die er aus seiner Yuppi-Leder-Aktentasche genommen und vor sich auf den Tisch gelegt hat.
   »Ja, das hat vermutlich damit zu tun, dass ich viel Zeit zum Nachdenken hatte und mir eine Art ›Erleuchtung‹ gekommen ist.« Innerlich muss ich über meine doppelsinnige Formulierung lächeln. »Aber lassen wir dieses Vorgeplänkel. Wie sieht es mit der Akteneinsicht aus. Ich muss wissen, was genau passiert ist, wie diese unsägliche Tat abgelaufen ist und wo wir Ansatzpunkte für die Ermittlung des wirklichen Täters finden können.«
   Wieder stiert er mich ungläubig an. »Sie reden ganz anders als bisher«, bringt er schließlich mühsam hervor. »Haben Sie mir den geistig zurückgebliebenen Kleinkriminellen bisher nur vorgespielt?«
   Ich merke, wie Bogdan angesichts dieser Beleidigung aus der passiven Rolle, zu der ich ihn verdammt habe, an die Oberfläche zurückkehren will - was ich gerade noch verhindern kann.
»Machen Sie sich keine Gedanken über meine intellektuellen Fähigkeiten, sondern darum, so schnell wie möglich Akteneinsicht zu bekommen und dann mit der Akte wieder bei mir zu erscheinen. Bis dahin haben wir nichts zu besprechen.« Nach diesen klaren Worten erhebe ich mich und klopfe an die von außen geschlossene Tür, um dem davor wartenden Schließer zu signalisieren, dass die anwaltliche Besprechung beendet ist. In der Regel ist es der Anwalt, der das tut, aber selbstverständlich kann auch ein Häftling ein Gespräch abbrechen.
   »Aber ... ich ... äh ...«, höre ich Simon Hecker stammeln und drehe mich noch einmal um. Vielleicht kann ich ihn ja noch ein wenig motivieren.
   »Vielleicht sollten Sie mal darüber nachdenken, wie viel mehr es ihrem Ruf einbringt, wenn Sie statt mit einer milden Verurteilung eines Schuldigen durch den Freispruch eines Unschuldigen und somit der Verhinderung eines Justizirrtums ganz groß rauskommen.«
   Ich grinse ihm zum Abschied noch einmal in sein dümmlich dreinschauendes Gesicht und lasse mich dann von dem Schließer zurück in meine Zelle bringen.
   Schon auf dem Weg zurück entlasse ich Bogdan aus seinem vorübergehenden Exil zurück an die Oberfläche.
   ›››Meinst du, das war gut, den so zu verärgern?‹, war seine erste Sorge.
   Bist du denn der Meinung, er hat dich bisher gut vertreten? Nein, du musst nicht antworten, das war eine rhetorische Frage. Diese Null hat bisher nichts für dich getan, und wenn wir ihn gelassen hätten, wärst du hier drin versauert.
   ›››Was hast du vor?‹
   Zum Einen will ich die Aktenlage kennen und dann müssen wir dringend ein Telefonat führen. Wir brauchen Geld.
   ›››Warst du Anwalt? Seit wann bist du tot?‹
   Eine kuriose Kombination von Fragen, aber mir ist klar, wie er darauf kommt.
   Ja, ich war auch mal Anwalt, aber ich bin nicht tot. Noch bevor er die Frage auch nur denken kann, fahre ich fort. Ich bin keine Seele eines Verstorbenen oder ein Geist, sondern ein Seelenwanderer.
   Bei Gelegenheit erzähle ich dir mal die ganze Geschichte, aber jetzt habe ich keine Lust dazu.
   ›››Woher willst du denn Geld bekommen?‹
   Mach dir keine Sorgen, ich verfüge über fast unbegrenzte Geldmittel. Auf jeden Fall sollte es reichen, deine Unschuld zu beweisen.


Kapitel 6 - Finanzen

   Sie fragen sich sicher genau wie Bogdan, woher ein durch den Äther herumstreifendes Bewusstsein »unbegrenzte Geldmittel« haben soll. Keine ganz unberechtigte Frage. Erinnern Sie sich noch an den erfolglosen Börsenmakler, den ich bereits erwähnt habe? Natürlich erinnern Sie sich. Sind sie  gespannt darauf, wie die Geschichte ausgegangen ist? Ich verrate es Ihnen.
   Auf mein Drängen hin hatte besagter Börsenmakler alle Geldmittel lockergemacht, die er hatte bekommen können - unter anderem sogar einen Kredit aufgenommen - und wir hatten durch den Kauf der Aktien besagter Softwarefirma innerhalb kürzester Zeit mehrere hunderttausend Euro Gewinn gemacht. Leider hatte ich keine anderen Börseninformationen im Gedächtnis, um noch mehr Gewinne verbuchen zu können, aber der Anfang war gemacht. Mein Börsenmakler war happy, und ich wusste nun, wie ich in Zukunft agieren musste.
   Ab dieser Erfahrung war mir klar, wie ich die Zeit zwischen zwei Seelenwanderungen sinnvoll nutzen konnte:
   Ich musste mich über bestimmte Entwicklungen im jeweils vergangenen Jahr schlau machen. Das Problem dabei war, dass ich bei meiner Seelenreise keine Notizen mitnehmen konnte, also beschäftigte ich mich zunächst damit, wie ich mein Erinnerungsvermögen auf Vordermann bringen konnte. Ich las viel über Gedächtnistraining, Memotechniken und eben alle Tricks, wie man sich Unmengen von Informationen besser und vor allem auch langfristig merken konnte.
   Das war gut und schön, aber was machen Sie, wenn Sie im Körper eines 13-jährigen Realschülers landen? Die Idee mit den Aktienkursen war grundsätzlich nicht schlecht, aber es musste eine andere Möglichkeit geben, an viel Geld zu kommen.
   Was würden Sie tun, wenn Sie quasi die Möglichkeit hätten, in die Zukunft zu schauen? Ich bin sicher, Sie sind bereits von selbst darauf gekommen, denn es ist der Traum von Millionen Menschen, die gerne sehr schnell an viel, viel Geld kommen würden.
   Richtig: Lotto spielen!
   Sie werden sich nicht mehr daran erinnern, aber am 23. September 2009 gewann eine Person den Jackpot mit den Zahlen 3, 4, 23, 30, 43, 44, 6 und strich damit insgesamt 31,7 Millionen Euro ein.
   Ja, genau, das war ich.
   Am 29. Januar 2014 gewann ein Handwerker aus Niedersachsen 24,4 Millionen Euro. Glück brachten ihm die Zahlen 3, 12, 15, 26, 34, 36 sowie die Superzahl 5. Daran können Sie sich vielleicht besser erinnern, da es ja noch nicht so lange her ist.
   Somit hatte ich innerhalb von fünf Jahren 56,1 Millionen Euro zu verbuchen. Die nächste Frage, die sich Ihnen selbstverständlich stellt, ist, was mir dieses Geld nutzen soll, wenn ich doch nach einem Jahr den Wirtskörper wieder verlasse.
   Sehr gute Frage.
   Also habe ich mit meinen Wirten einen Deal gemacht. Die Hälfte des gewonnenen Geldes landete auf einem Schweizer Nummernkonto, von dem Jedermann Geld transferieren kann, dem die Kontonummer und das geheime Kennwort bekannt ist.
   Und dieses Kennwort kennt nur eine Person: Ich! Also mein Bewusstsein, egal in welcher Person es sich gerade aufhält.
   Somit stehen mir etwas mehr als 28 Millionen Euro zur Verfügung, was für einige Leben reichen sollte. Und ich hatte noch nicht einmal jemandem geschadet, sondern im Gegenteil zwei meiner Wirte sehr, sehr glücklich gemacht. Auch für die Zeit, nachdem ich sie wieder verlassen hatte.
   Jetzt werden Sie mit Recht fragen, was mir dieses Geld nützen soll, wenn ich im Knast sitze und weder mit meiner Bank in der Schweiz telefonieren, noch herumlaufen und dieses Geld sinnvoll einsetzen kann.
   Nun muss ich Sie darauf aufmerksam machen, dass Sie die ganze Geschichte mit der Seelenwanderung vermutlich noch nicht wirklich voll durchdacht haben. Sie haben einen Aspekt vergessen oder eben noch nicht in Ihre Überlegung mit einbezogen. Leider wird es jetzt ein wenig kompliziert, und ich muss zugeben, dass auch ich zu Anfang erhebliche Schwierigkeiten hatte, dieses komplexe Konstrukt zu durchschauen und alle sich daraus ergebenden Probleme zu bedenken.
   Ich will versuchen, es Ihnen so einfach wie möglich beizubringen:
   Also ... mein Gastaufenthalt bei Bogdan startete damit, dass ich am 15. August 2019 bei Vollmond einschlief und am 15. August 2018 in Bogdans Zelle und in seinem Körper erwachte. Sozusagen ein doppeltes Gefängnis, ha, ha.
   Aber egal. Ich würde nun die Zeit bis zum 15. August 2019 zusammen mit ihm verbringen.
   Aber das weiß ich doch alles schon, werden Sie sagen. Ja, stimmt, aber haben Sie auch bedacht, dass ich fast einen Monat zuvor, am 16. Juli 2019 bei Vollmond auch eingeschlafen bin und meine Seele ein Jahr zurück, also zum 16. Juli 2018, seelengewandert ist und dazu verdammt wurde, ein Jahr in einem anderen Körper zu wohnen?
   Nein, da haben Sie nicht dran gedacht, seien Sie ehrlich. Ich habe das am Anfang auch nicht bedacht.
   Was bedeutet das für mich jetzt im August 2018? Ich bin in Bodgans Körper ... aber auch in dem anderen Körper. Es gibt mich quasi zweimal.
   Verrückt, oder?
   Finde ich auch. Aber man gewöhnt sich daran.
   Und ich habe auch eine Erklärung: Ich rede inzwischen von Seelensplittern, da es ja eine Person nicht zweimal geben kann. Ein Splitter meine Seele ist in Bodgans Körper, ein anderer ist in dem Körper eines anderen Gastgebers.
   Und wenn Sie sich jetzt einen Moment lang bequem zurücklehnen und weiter darüber nachdenken, dann kommen Sie vielleicht sogar von selbst darauf, dass das mit den Seelensplittern auch für mein Einschlafen beim Vollmond einen Monat zuvor am 17. Juni 2019 gilt. Und für den Monat davor ebenfalls. Verwirrend? Und ob, dabei bin ich noch nicht fertig.
   Haben Sie schon ausgerechnet, wie oft es mich zur gleichen Zeit immer gibt?
   Richtig! Insgesamt zwölf Mal in verschiedenen Körpern, wobei mein einer Seelensplitter erst seit einem Monat in einem anderen Körper wohnt, ein anderer schon seit elf Monaten.
   Ich denke, das ist genug Stoff zum Nachdenken für den Moment, und ich will es erst mal dabei belassen. Wichtig ist, dass Sie wissen, dass ich genug Geld zur Verfügung habe, um mir fast alles leisten zu können, und dass ich darüber hinaus auf die Hilfe meiner anderen »Ichs« bauen kann.
   Das ist doch schon mal was, oder?

Ende der Leseprobe

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Gitta Edelmann

Leseprobe aus: "Die Kapitänin"


Liebe Leseri,

nein, dies ist kein Tippfehler, sondern eine Besonderheit dieses Romans, denn wir befinden uns zwar im Jahr 1880, doch nicht in dem unserer Zeitlinie. In dieser Welt ist die Revolution 1848/49 gelungen und alles ist ein wenig anders!
     Mit Hilfe von übergelaufenen hessischen und württembergischen Soldaten, der deutschen Legion aus Paris und französischen Truppen wurde das preußische Heer im Sommer 1949 geschlagen. Deutsche Kleinstaaten und Frankreich schlossen sich zur Bundesrepublik Frankoallemannien zusammen, Straßburg wurde zur neuen Hauptstadt.
     Im Zuge der Neuordnung des jungen Staates wurden auch die Rechte der Frauen festgeschrieben: Es gibt das Frauenwahlrecht und Frauen können einen Beruf ergreifen. Allerdings nur, wenn sie unverheiratet sind.
     Natürlich erleben Wirtschaft und Industrie durch das Mitwirken der Frauen und die lange Zeit des Friedens einen enormen Aufschwung, so dass 1880 Luftschiffreisen an der Tagesordnung sind.
     Und – man hat eine neue, geschlechtsneutrale Pluralform verbindlich vorgeschrieben: -i. Aus Luftschifferinnen und Luftschiffern wird also Luftschifferi und aus Leserinnen und Lesern Leseri.
     Mehr Details finden Sie im Buch selbst – ich hoffe, Sie haben so viel Spaß daran wie ich!

Herzliche Grüße
Ihre Gitta Edelmann


1

2. August 1880

Das Luftschiff wirkte vor dem tiefroten Himmel fast völlig schwarz, als es auf den Landeplatz zufuhr. Beim Näherkommen schimmerten jedoch der untere Teil des Antriebskörpers und die Gondel im Licht des Sonnenuntergangs rosig und die dunkle Schrift Amour du ciel – Himmelsliebe hob sich deutlich ab.
     Da war sie also – die Himmelsliebe, das neueste und technisch fortschrittlichste Luftschiff Frankoallemanniens - zurück von ihrer ersten Forschungsreise! Man hatte sie schon vor zwei Stunden erwartet und er war gespannt, wie die Kapitänin die Verspätung erklären würde.
Er hatte ohnehin eine ganze Menge Fragen. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte man diese Alberta Lefort schon nach den Ereignissen auf Helgoland abberufen und durch einen männlichen Kapitän ersetzt!
     Das Landemanöver verlief routiniert. Es war eine erfahrene und eingespielte Mannschaft, die hier ihre Aufgabe am Luftfahrtzentrum Offenburg, das auch als Luftschiffhafen für die nahegelegene Hauptstadt Straßburg diente, erfüllte. Dennoch dauerte es eine ganze Weile, bis die Himmelsliebe festgemacht war, die Treppe vor dem Eingang eingehakt wurde und sich die Tür der Gondel öffnete.
     Im Licht der künstlichen Beleuchtung am Landeplatz stieg eine Frau aus und sein Herz klopfte ein wenig schneller. Doch nein, das konnte nicht die Kapitänin sein, denn sie blieb am Fuß der Treppe stehen, bis eine zweite Frau heraustrat, die sie unterhakte und mit sich zog. Er hörte das Lachen der beiden, es klang recht albern. Als Nächstes erschienen mehrere Männer, die, soweit er es erkennen konnte, nicht alle Uniform trugen, und eine Frau in Zivil, die Hand in Hand mit einem der Männer in Richtung der Mietkutschen eilte.
     Ein kleiner, rundlicher Mann hastete hinter ihnen die Treppe herab. Er winkte und rief laut: „Au revoir!“, bevor er aus dem Lichtkreis um das Luftschiff verschwand.
     Während die beiden ersten Frauen ihren vorgeschriebenen Uniformhut getragen hatten, waren die Männer alle barhäuptig gewesen. Er schüttelte missbilligend den Kopf. Das legere Verhalten der Luftschifferi war inzwischen schon sprichwörtlich. Und nicht nur, dass sie die Kleidungsvorschriften eigenwillig auslegten, sie redeten sich auch untereinander einfach mit Nachnamen an, statt ihre Dienstränge zu benutzen.
     Ein Weilchen geschah nichts weiter. Aber gleich musste sie kommen! Er wäre gerne näher an die Himmelsliebe herangetreten, um besser sehen zu können, doch das war nicht möglich, ohne seine Deckung aufzugeben.
     Wieder erschien ein Mann in der Tür, er trug die Uniform mit Autorität, das war sogar aus der Ferne zu erkennen, und war seinem Körperbau nach nicht mehr ganz jung. Wahrscheinlich der Erste Offizier, Friedrichsen. Er blieb am Fuß der Treppe stehen und sah zurück zum Eingang.
     Dort stieg ein weiterer Offizier aus. Er war groß, schlank und auch er trug keine Uniformmütze! Er drehte sich um, zog die Tür hinter sich zu und legte die Außenverriegelung vor. Dann zog er aus seiner Aktentasche einen Schlüssel und schloss den Zugang zur Himmelsliebe ab, bevor er zu Friedrichsen trat. Von der Kapitänin keine Spur!
     Verflixt, wie konnte er sie verpasst haben?
     Der Wind wehte Satzfetzen zu ihm herüber: „Wir sehen uns ... Bericht ... morgen.“ Und „Gute Nacht.“
     Enttäuscht stieß er die Luft aus. Er wollte schon hinter dem Hangar hervortreten und sich auf den Heimweg machen, als er bemerkte, dass der zuletzt ausgestiegene Offizier nicht hinüber zum Foyer ging, sondern auf ihn zukam. Schnell drückte er sich tiefer in den Schatten.
     Irgendetwas war seltsam an diesem Mann. War es sein Gang, die Neigung des Kopfes, die Art, wie er die Aktentasche trug?
     Er presste sich gegen die Hangarwand, als der Offizier an ihm vorbeiging. Wenn er die Hand ausgestreckt hätte, hätten seine Fingerspitzen ihn berühren können. Dann, auf einen Schlag, begann sein Herz zu rasen. Im schwachen Lichtschein konnte er einen geflochtenen Zopf ausmachen, der der Gestalt den Rücken hinunter hing, obwohl sie Hosen trug.
   Eine Frau.
   Die Kapitänin. 

2

3. August 1880

„Bonjour Dupont!“
     Annie Dupont sah von ihrer Zeitung auf. „Kapitänin!“
     „So überrascht, mich zu sehen? Bei Ihnen ist doch noch Platz, oder?“ Alberta Lefort schloss die Tür des Viererabteils und ließ sich auf dem gepolsterten Sitz gegenüber von Annie nieder. Ihre schwarze Aktentasche und ihre Uniformjacke legte sie neben sich.
     „Nein, äh ja. Also, es sitzt sonst niemand hier. Bisher.“
     Annie beeilte sich, die Zeitung zusammenzufalten, doch Alberta Lefort winkte ab.
     „Lassen Sie sich von mir nicht beim Lesen stören.“ Sie blickte aus dem Fenster des Abteilwaggons und schien ihren eigenen Gedanken nachzuhängen.
     Annie nahm ihre Lektüre wieder auf, doch es fiel ihr schwer, sich auf den Bericht über die Neueröffnung eines Warenhauses in der Offenburger Innenstadt zu konzentrieren. Verbissen versuchte sie, dennoch den schwärmerischen Worten der Reporterin zu folgen.
     Plötzlich wurde die Tür zum Abteil so schwungvoll aufgerissen, dass die beiden Frauen zusammenzuckten und sich dem Neuankömmling zuwandten – einem älteren Herrn mit dickem, weißem Backenbart, der sie mit grimmiger Miene anstarrte, kurz schnaubte und dann weiterging.
     „Der hat sich wohl gefürchtet mit uns beiden allein im Abteil.“ Kapitänin Lefort lachte.
     „Das muss an unserer Uniform liegen! Oder habe ich meine Stiefel nicht gut genug geputzt?“ Grinsend legte Annie ihre Zeitung zur Seite, hob den blauen Rock an und ließ oberhalb ihrer schwarzen, flachen Stiefeletten nackte Waden sehen.
     „Immerhin haben Sie sich ein wenig an die Temperaturen angepasst“, bemerkte die Kapitänin.
Annie nickte. Glücklicherweise war die Wärme in der Rheinebene jetzt so früh am Morgen noch halbwegs erträglich, aber im Laufe des Tages würde es wahrscheinlich recht heiß werden.
     „Ich kann nur hoffen, dass mir bei der Admiralität niemand unter den Rock schaut“, sagte sie und grinste.
     „Dann sollten Sie diesen vielleicht besser wieder fallenlassen“, empfahl eine Männerstimme aus der Richtung der Tür.
     Annie fuhr herum.
     „Guten Morgen, Friedrichsen“, begrüßte Alberta Lefort ihren ersten Offizier.
     „Guten Morgen, Kapitänin. Dupont.“ Friedrichsen stieg ein und schloss hinter sich die Tür. Im selben Moment ertönte draußen der Pfiff des Stationsvorstehers.
     Annie ließ eilig ihren Rocksaum sinken und griff nach der Zeitung, um Friedrichsen Platz zu machen. Sie faltete sie ordentlich zusammen und legte sie auf das kleine Bord am Fenster. Mit einem dankenden Nicken nahm Friedrichsen neben ihr Platz.
     Der Zug fuhr ruckartig an und die Zeitung rutschte vom Fensterbänkchen auf den Boden. Hastig griff Annie danach und stieß dabei mit Friedrichsen zusammen, der sich ebenfalls gebückt hatte.
     „Pardon. Entschuldigung, ich wollte nicht ...“, stammelte sie und spürte Friedrichsens forschenden Blick.
     „Was ist mit Ihnen los, Dupont?“, fragte er. „Sind Sie etwa nervös?“
     „Es ist das erste Mal, dass ich bei der Nachbesprechung einer Mission in der Admiralität dabei bin.“
     Friedrichsen schüttelte den Kopf. „Das ist reine Routine. Sie sind wahrscheinlich nach zehn Minuten schon wieder draußen, schließlich sind sie nur Kommunikatorin und gehören nicht zu den Führungsoffizieri.“
     Annie warf einen Seitenblick zu Alberta Lefort.
     „Ich finde das Wörtchen ‚nur‘ hier nicht angebracht, Friedrichsen“, sagte die und zog ihre Brauen hoch. „Dupont hat sowohl durch ihre Funk- als auch ihre Sprachkenntnisse ausgezeichnete Dienste geleistet und ist ein wertvolles Mitglied der Besatzung.“
     „Selbstverständlich ist sie das“, pflichtete Friedrichsen ihr bei. „Ich habe mich vielleicht missverständlich ausgedrückt. Ich wollte eigentlich nur sagen, dass man die Probleme, die es bei dieser Mission gegeben hat, sicher nicht ihr zur Last legen wird. Ich stimme der Kapitänin natürlich vollumfänglich zu, Dupont.“
     Annie nickte. Auch wenn sie selbst ein wenig aufgeregt war, war dies nichts gegen die Nervosität, die von Friedrichsen ausging. Sollte er sich nach so vielen Jahren als Luftschiffer an diese Nachbesprechungen nicht besser gewöhnt haben?
     Eine ganze Weile lang schwiegen sie alle. Annie tat es der Kapitänin nach, die aus dem Fenster auf die Tabakfelder starrte, als wolle sie die Reife der Pflanzen vor der Ernte prüfen. Erst als sie das Rheinufer erreichten und der Zug durch die leichte Steigung zur Brücke langsamer wurde, fragte Alberta Lefort unvermittelt: „Was ist mit den anderen? Ehrenkirchner? Heinze?“
     „Heinze ist irgendwo hier im Zug“, konnte Annie sie über den Verbleib des Zweiten Offiziers aufklären. „Den hab ich beim Einsteigen gesehen. Aber Ehrenkirchner nicht.“
      Dabei hatte sie schon am Vorabend kurz nach ihrer Ankunft mit Emma im Foyer, der Unterkunft des Luftschiffzentrums, nach ihm Ausschau gehalten. Vielleicht war der Maschinist, so hatte sie gehofft, nun zugänglicher als während der Mission und bereit zu einem kleinen Rendezvous?
      „Ehrenkirchner wollte letzte Nacht noch nach Straßburg reiten“, erklärte Friedrichsen. „Er hat wohl dort Familie.“
     Annie zuckte innerlich zusammen. Wie oft hatte sie während ihrer Ausbildung behauptet, in Straßburg Familie zu haben, um bei ihrem Geliebten Gérard übernachten zu können! Aber vielleicht wohnten ja wirklich Ehrenkirchners Verwandte dort. Immerhin erklärte das, warum er im Foyer nicht zum Frühstück gekommen war.
     „Gut. Dann dürften wir heute alle die Nachbesprechung abschließen können und ab morgen unsere freie Woche genießen“, sagte die Kapitänin. „Und bevor Sie fragen, Dupont, nein, ich weiß noch nichts zu einer nächsten Forschungsreise.“
     Wie schade! Auf der Himmelsliebe fühlte Annie sich frei und glücklich, auch wenn die Arbeit manchmal anstrengend war. Sie hatte ihre erste Mission mit dem Forschungsluftschiff auf jeden Fall genossen – naja, von dem Mordfall einmal abgesehen.
      „Haben Sie in ihrer freien Zeit etwas Bestimmtes vor, Dupont?“, erkundigte sich Friedrichsen.
      „Ich glaube, ich werde vor allem schlafen – ganz lange und an einem Stück!“, antwortete Annie. „Unabhängig von Ebbe und Flut und Wind und Wetter! Und Sie, Friedrichsen?“
      „Ich habe noch keine Pläne gemacht – das lass ich auf mich zukommen.“
     Friedrichsen wollte etwas auf sich zukommen lassen? Das passte überhaupt nicht zu ihm! War er etwa krank?
     Annie musterte den Ersten Offizier genauer. Tatsächlich schienen ihr seine Falten an der Nasenwurzel heute Morgen ausgeprägter als sonst und sein Mund schmaler. Ja, sie spürte, er war nicht nur nervös, sondern tief beunruhigt. War die Nachbesprechung für ihn, den ehemaligen, dann degradierten Kapitän doch nicht so harmlos, wie er getan hatte?
      Nein. Sie folgte seinem Blick zu Alberta Leforts Hand, die sich am Griff ihres Aktenkoffers festzuhalten schien. Friedrichsens Sorge galt nicht ihm selbst. Sie galt der Kapitänin.

*

Sie saßen zu dritt hinter dem Tisch am Kopfende des Raumes: Contre-Admiral Roux, Kapitän Steinbeißer und Kapitän Schütz. Alberta Leforts Herz sank, als sie nach der Begrüßung auf dem einzelnen Stuhl den drei Männern gegenüber Platz nahm. Contre-Admiral Roux konnte man nicht unbedingt als neutralen Vorsitzenden bezeichnen, er hatte sich vor ein paar Monaten offen gegen ihr Kommando auf der Himmelsliebe ausgesprochen. Die beiden Kapitäne kannte Alberta nur oberflächlich. Es stand zu hoffen, dass sie sich nicht der altmodischen und frauenfeindlichen Haltung des Contre-Admirals anschlossen.
     „Die Logbücher lassen Sie nachher bitte bei unserem Fräulein Bischwiller.“ Contre-Admiral Roux wies mit der Hand auf eine grau gekleidete junge Frau, die an der Seite des Raumes an einem kleinen Tischchen saß.
     Alberta lächelte sie an und nickte ihr zu. Sie hatte die unscheinbar wirkende Sekretärin, die für das Protokoll zuständig war, zuerst gar nicht gesehen. Doch Fräulein Bischwiller schien ihr das nicht übel zu nehmen, sie lächelte kurz zurück und schlug dann schnell ihre Augen nieder.
     „Wir haben beschlossen, die Befragungen der relevanten Besatzungsmitglieder in diesem Fall nacheinander durchzuführen und mit Ihnen zu beginnen“, erklärte der Contre-Admiral. „Dann können die Offiziere später Ihre Aussagen bestätigen. Die Kommunikatorin und der Maschinist werden die Berichte zunächst vor dem jeweiligen Fachgremium geben.“
     Albertas Nervosität stieg. Zunächst? Das klang nicht wie die übliche Nachbesprechung einer Forschungsreise. Lag das an der Besonderheit des zweiten Antriebs der Himmelsliebe? Die Ingenieure warteten sicher gespannt auf Ehrenkirchners Bericht und vielleicht wollte Contre-Admiral Roux die neuen Erfahrungen mit der Sonnenkraft ja einfach später noch einmal persönlich hören.
     „Dann fangen wir doch gleich einmal an. Fräulein Bischwiller, Sie schreiben schön mit!“ Der Contre-Admiral nahm ein auf beiden Seiten handschriftlich dicht beschriebenes Blatt Papier vom Tisch und begann, es zu studieren.
     Niemand sprach.
     „Ah ja, meine Herren Kapitäne,“ sagte er schließlich und wandte sich nach links und nach rechts, „ich denke, wir lassen die ganze Affäre um den Mordfall im Mai jetzt beiseite, in dieser Sache hat Kapitänin Lefort ja schon Vice-Admiral Brenner in Cuxhaven Bericht erstattet. Wenden wir uns also der Mission Rungholt zu.“
     Er sah Alberta mit gerunzelten Brauen an. „Bitte antworten Sie im Folgenden ausschließlich mit ja oder nein. Ihr Auftrag lautete, Rungholt zu lokalisieren und den Schatz zu heben.“
     „Ja.“
     „Und das, bevor andere Nationen davon erfahren.“
     „Ja.“
     „Laut ihrem Zwischenbericht wussten jedoch die Briti von den Funden im Watt.“
     „Ja.“
     „Dennoch waren Sie zuerst vor Ort.“
     „Ja.“
     „Haben Sie die Stelle gefunden, an der der Fischer den Fund gemacht hatte? Ich glaube, es handelte sich um Holz, Keramik und Ziegelreste?“
     „Ja.“
     „Und haben Sie den Schatz gehoben?“
      „Nein.“
     „Würden Sie sagen, Sie haben ihre Mission damit erfüllt?“
     „Nein.“ Alberta setzte an, um weiterzusprechen, doch ein eisiger Blick des Contre-Admirals ließ sie innehalten. Diese Befragung lief noch schlechter, als sie befürchtet hatte!
     „Vielleicht lassen wir Kapitänin Lefort einmal kurz begründen, welche Herausforderungen sie hatte und warum sie ihre Mission nicht erfüllt hat?“, schlug Kapitän Steinbeißer vor. Sein bayrischer Zungenschlag war deutlich ausgeprägt und Alberta erinnerte sich plötzlich an die Weihnachtsfeier vor drei oder vier Jahren, bei der er alle mit seiner Gesangsstimme überrascht hatte.
     Der Contre-Admiral nickte und lehnte sich zurück. „Aber bitte wirklich kurz.“
     Alberta warf Steinbeißer einen dankbaren Blick zu und erklärte: „Wir hatten zunächst die Schwierigkeit, dass die dänischen Behörden, in deren Bereich wir ja unsere vorgeblichen Forschungen zum nordfriesischen Wattenmeer und seinen tierischen Bewohnern durchführten, uns sehr genau kontrollierten. In den ersten Tagen vor Ort mussten wir sogar einen Inspektor der Meeresbehörde aus Kopenhagen mit an Bord nehmen.“
     „Dann waren die Dänen also nicht hilfreich trotz unserer Staatsabkommen?“, mischte sich Kapitän Schütze ein.
     „Das kann man so nicht sagen. Wir wurden in allen Fragen des Nachschubs und der Nutzung des dänischen Luftschiffhafens in St. Peter vorbildlich unterstützt. Man schien nur nicht so recht zu glauben, dass wir wirklich Seehunde beobachten, Muscheln untersuchen und Vögel zählen wollten. Letztlich verdanken wir es unserem Biologen Herrn Professor Neumann, dass man unsere täglichen Fahrten über dem Watt akzeptierte. Er hat sich sehr engagiert um den Inspektor gekümmert und ihn in seine Feldstudien einbezogen.“
     „Und erst danach konnten Sie sich der Fundstelle nähern?“, erkundigte sich Steinbeißer.
     Contre-Admiral Roux schien etwas sagen zu wollen, verzichtete dann aber darauf, so dass Alberta ungehindert über die Suche nach Artefakten zur Standortbestimmung der untergegangenen Insel Rungholt berichten konnte.
     „Die entsprechende Stelle haben wir, so gründlich es im Rahmen der Gezeiten ging, untersucht. Letztlich mussten wir aber feststellen, dass von einem Schatz keine Spur zu finden war“, schloss sie ihren Bericht.
     „Haben Sie Detektoren eingesetzt?“, fragte Steinbeißer.
     „Selbstverständlich“, antwortete Alberta.
     Die beiden Kapitäne sahen den Contre-Admiral an.
     „Ich habe keine weiteren Fragen“, erklärte Steinbeißer.
     „Ich auch nicht“, stimmte Schütz zu.
     „Dann machen wir hier für heute Schluss“, sagte Contre-Admiral Roux. „Wir werden die Log-Bücher prüfen und morgen weitersprechen. Ich erwarte Sie um zehn Uhr dreißig.“
     Er schob geräuschvoll seinen Stuhl zurück und stand auf. „Seien Sie pünktlich“, fügte er unnötigerweise hinzu. „Und Sie, Fräulein Bischwiller, haben hoffentlich alles brav mitgeschrieben.“ Durch eine Seitentür verließ er den Raum ohne weiteren Gruß.
     Alberta erhob sich. Immerhin verabschiedeten sich Steinbeißer und Schütz recht freundlich und Fräulein Bischwiller lächelte schüchtern, als Alberta auch ihr „Auf Wiedersehen“ wünschte.
Vielleicht war ja der Contre-Admiral, wenn er die Logbücher gelesen hatte und den Ablauf der Mission besser verstand, morgen milder gestimmt.
     Alberta trat in das Vorzimmer, in dem Friedrichsen und Heinze darauf warteten, ihren Bericht abzugeben. Während der zweite Offizier die Zeitung las, stand Friedrichsen am Fenster und drehte sich um, als er sie hörte.
     „Und?“, fragte er.
     „Contre-Admiral Roux“, sagte Alberta.
     Friedrichsen pfiff leise. „Ausgerechnet der.“
     „Und die Kapitäne Steinbeißer und Schütz.“
     „Große Geschosse.“ Friedrichsen wiegte den Kopf hin und her. „Aber ich werde mein Bestes tun!“
     „Sie tun doch immer Ihr Bestes, Friedrichsen.“ Alberta reichte ihm die Hand. „Ich werde jetzt meine Familie besuchen fahren, allerdings kürzer als geplant. Morgen um halb elf soll ich wieder hier vorsprechen.“
     Friedrichsen runzelte die Stirn.
     Alberta bemühte sich, zuversichtlich zu lächeln, als sie sich von ihm und Heinze verabschiedete und den Raum verließ. Draußen vor dem Gebäude der Admiralität musste sie sich jedoch zuerst einmal auf eine der schmiedeeisernen Bänke setzen, bis ihre Beine aufhörten zu zittern und sie sich langsam auf den Weg zum Bahnhof machen konnte.

*

Wilhelm Friedrichsen hatte schon viele Abschlussbesprechungen erlebt, als Offizier wie als Kapitän, schließlich gehörte er praktisch seit ihrer Gründung der frankoallemannischen Luftflotte an. Bisher hatte er die hier übliche Art der persönlichen Berichterstattung mit der Möglichkeit für einen Vertreter der Admiralität, Details nachzufragen, immer geschätzt. Aber nach dem heutigen Tag ...
     Unwillkürlich schlug er den Weg Richtung Grande Île und Münster ein. Straßburg war in den letzten Jahren sehr gewachsen, aber im Centre Ville sah es noch aus wie vor all der Zeit, als er erstmals in die neue Hauptstadt gekommen war. Nett war es hier, wenn auch um einiges provinzieller als in seiner Heimatstadt Berlin, wo er im letzten Jahr wieder mehrere Monate gelebt hatte. Aber was bot ihm Berlin außer Jugenderinnerungen? Seine Frau lebte nicht mehr, Kinder hatte sie ihm keine geschenkt. Die früheren Freunde hatten kaum mehr etwas mit ihm gemein.
     Nein, sein echtes Leben war im Grunde immer hier gewesen, in Straßburg und am Luftschiffzentrum Offenburg, an der Akademie in Paris und dem Ausbildungszentrum am Bodensee. Es hatte um nächtelange Diskussionen mit Zeppelin und Santos-Dumont über Hüllen und Antriebsmöglichkeiten gekreist, um die Ausbildung junger Luftschifferi, um Fahrten mit der Morgenstern, um seine Mannschaft. Ja, da war noch eine reine Mann-schaft gewesen auf der Morgenstern und er ihr Kapitän.
     Nie hätte er sich vorstellen können, dass er eines Tages unter einer Frau würde fahren müssen. Als er seinen Dienst als Erster Offizier unter Kapitänin Lefort angetreten hatte, war dies nur mit größtem Widerwillen geschehen.
     Und jetzt?
     Es hatte sich gezeigt, dass Alberta Lefort in jeder Beziehung eine äußerst fähige Kapitänin war, und Friedrichsen stellte erstaunt fest, dass er sich schon auf die nächste Mission mit ihr auf der Himmelsliebe gefreut hatte. Allerdings sah es, wenn er Contre-Admiral Roux richtig verstanden hatte, nicht so aus, als ob die Kapitänin ihr Kommando behalten würde. Da konnte auch seine Aussage zu ihren Gunsten nicht wirklich etwas bewirken. Der Alte wollte sie loswerden und würde ihr aus der vorgeblich gescheiterten Mission einen Strick drehen. Als ob irgendjemand einen Schatz finden konnte, der nicht existierte!
     Friedrichsen blieb vor dem Münster stehen und starrte an der gotischen Sandsteinfassade hinauf. Notre Dame de Strasbourg. Bis vor kurzem das höchste Gebäude der Menschheit. Ein wenig ungewöhnlich, asymmetrisch. Warum wohl hatte man den zweiten Turm nie gebaut?
     Er zögerte. Sollte er hineingehen? Ein Gebet sprechen für seine Kapitänin, für die Zukunft der Himmelsliebe? Er selbst machte sich keine Illusionen, wieder befördert zu werden und ein Luftschiff-Kommando zu bekommen. Er war im letzten Monat 60 geworden und sein Rang als Erster Offizier war das Ende seiner Karriereleiter. Wer also würde die Himmelsliebe führen, wenn es dem Alten gelang, Kapitänin Lefort zu diskreditieren?
     Friedrichsen drehte sich abrupt um. Nein, er glaubte nicht an die Kraft von Gebeten, wozu also hineingehen? Er brauchte jetzt erst einmal etwas zu trinken, damit er seine Gedanken ordnen konnte. Ob es dieses kleine Künstlercafé in La Petite France noch gab? Die hatten bei seinem letzten Besuch einen ausgezeichneten Absinth gehabt.

*

„Tante Alberta!“ Über einer Gruppe wartender Eisenbahnpassagiere winkte ein weißes Tuch und eine junge Frau lavierte durch die Menge.
     Alberta Lefort blieb stehen und lächelte ihr entgegen. „Johanna!“
     Ein wenig atemlos schloss Johanna ihre Tante in die Arme. „Du bist spät dran. Ich war schon vor einer Stunde hier, aber der Zug kam ohne dich!“
     Alberta erwiderte die Umarmung herzlich.
     „Aber, Johanna, du solltest doch nicht ...“, sagte sie, als sie sie endlich wieder losließ.
     „Ich weiß, dass es nicht nötig ist, dich abzuholen, aber schön ist es doch, gell?“ Johanna strahlte und hakte sie ein. „Komm, der Wagen steht auf der Rückseite des Bahnhofs. Vorne war für den kein Platz.“
     Alberta ließ sich von ihr mitziehen und lachte. „Sag bloß, du bist mit einem der großen Wagen deines Opas hier?“
     Johanna zuckte mit den Achseln. „Papa ist heute Morgen mit dem kleinen weggefahren, um mit einem Händler über die neue Weinernte zu sprechen. Es sieht übrigens vorzüglich aus für den Pinot Noir, wenn das Wetter hält. Und die gute Kutsche darf ich ja nicht lenken, seitdem ich ...“ Sie biss sich auf die Lippen.
     „Hm, ich glaube, du hast mir noch einiges zu erzählen.“ Trotz ihrer ernsten Worte wollte es Alberta nicht gelingen, einen strengen Blick aufzusetzen.
     „Klar, aber später. Jetzt bist erstmal du dran. Gestern Abend hast du ja gar nichts mehr von deiner Fahrt mit dem neuen Luftschiff erzählt. Und dabei bin ich so neugierig!“
     Sie führte Alberta zu einem langen Wagen, dem man die Jahre schwerer Dienste ansah. Der Schwarzwälder Fuchs, der davor gespannt war, wieherte ihnen kurz entgegen und Alberta streckte die Hand aus.
     „Dich habe ich ja schon lange nicht mehr gesehen, Holli!“, sagte sie und die Stute schnupperte an ihrem Handrücken, bevor sie ungeduldig mit dem Huf aufstampfte.
     Während Johanna das Tier losband und zu Alberta auf den Kutschbock kletterte, sah die Kapitänin sich um. Der Offenburger Stadtbahnhof war vor zwei Jahren noch einmal erweitert worden und hatte ein völlig neues Gebäude bekommen, diente er doch für Passagiere wie für Warentransporte als Knotenpunkt der Nord-Südstrecke und der Verbindung vom Kinzigtal nach Straßburg und weiter nach Paris. Alberta stieg selten hier aus, sondern meist am Bahnhof Luftschiffhafen. Nur wenn sie Zeit hatte, ihre Familie zu besuchen, nutzte sie diese Station, so wie heute. Ohne großes Gepäck hätte sie leicht zu Fuß zum Hof ihres Onkels im nahegelegenen Dorf Zell-Weierbach gehen können – das dauerte flotten Schrittes nicht mehr als eine Dreiviertelstunde.
     Aber natürlich war es wunderbar, neben Johanna zu sitzen und sie von der Seite ein wenig zu studieren. Obwohl sie eben noch alles über Alberta und die Himmelsliebe hatte wissen wollen, plauderte sie nun über ihre eigenen kleinen Erlebnisse und Gedanken.
     Wie erwachsen sie wirkte! Im letzten Jahr war Alberta durch verschiedene Umstände viel zu selten und immer nur sehr kurz hier gewesen. So hatte sie zu ihrem großen Bedauern den genauen Zeitpunkt verpasst, an dem aus dem ungelenken Mädchen eine selbstbewusste junge Frau geworden war. Gerade darum hatte sie sich so darauf gefreut, eine ganze Woche mit Onkel Conrad, Cousine Lisbeth, deren Mann Klaus und eben mit Johanna zu verbringen, die jetzt in den Schulferien viel Zeit für sie haben würde.
     „Du musst aber unbedingt sehen, dass du im nächsten Juli nicht auf irgendeiner Forschungsreise bist“, erklärte Johanna. „Zur Schulabschlussfeier kann ich nicht ohne meine liebste Patentante gehen!“
     „Du schließt im nächsten Jahr schon die Schule ab?“ Alberta tat ahnungslos. „Du hast doch gerade erst schreiben gelernt!“
     „Tante!“ Johanna runzelte die Stirn. „Ich bin inzwischen so alt, dass du mich mit deinen doofen Witzen nicht mehr ärgern kannst!“
     Alberta lachte. „Dann bist du wohl wirklich erwachsen! Hast du schon Pläne für die Zeit nach der Schule?“
     „Selbstverständlich. Ich gehe zur Akademie nach Paris und studiere Luftschiffkonstruktion!“ Johanna reckte das Kinn, als erwarte sie Widerspruch. Als keiner kam, fügte sie hinzu: „Oder vielleicht werde ich auch gleich richtig Luftschifferin, so wie du!“
     Alberta nickte langsam. Darauf hatten sie sich alle eingestellt; von klein auf an hatte Johanna sie sich zum Vorbild genommen. Nun, es gab schlechtere Zukunftspläne. Wenn sie die Schule verließ, würde sie allerdings erst 18 sein und damit drei Jahre zu jung für die Ausbildung zur Luftschifferin. Ein passendes technisches Studium vorzuschalten war eine gute Idee.
     „Ich muss nur meine Eltern noch davon überzeugen!“, plauderte Johanna weiter. „Aber dabei kannst du mir sicher helfen. Erzähl denen einfach, wie wunderbar deine letzte Mission als Kapitänin war und wie gut die Frauen auf dem Luftschiff ... Du hattest doch Frauen in der Besatzung?“
     „Ja, eine Kommunikatorin und eine Seitensteuerfrau. Und bei der Wissenschaftsgruppe war auch eine Fotografin dabei.“
     „Gut. Wenigstens in der Luft reden wir mit. In der Marine gibt es immer noch Leute, die denken, Frauen auf einem Schiff bringen Unglück!“ Sie schüttelte den Kopf.
     Alberta schwieg. Johanna würde sie besser nichts von Contre-Admiral Roux erzählen. Aber vielleicht konnte sie sich nachher eine Weile mit Onkel Conrad alleine zusammensetzen. Er war ein so guter Zuhörer und seit dem Tod ihrer Eltern ihr einziger wirklicher Vertrauter.
     „Ich muss morgen noch einmal zur Admiralität nach Straßburg“, sagte sie unvermittelt, als sie durch das Tor in den Hof des Weinguts fuhren.
     „Oh!“ Johanna zog die Zügel an und brachte den Wagen zum Stehen. „Ich dachte, du hast jetzt eine Woche frei!“, murrte sie und die Enttäuschung in ihrer Stimme stach Alberta ins Herz.
     „Die Nachbesprechung dauert dieses Mal ein wenig länger wegen der technischen Neuerungen der Himmelsliebe“, behauptete sie. „Ich hoffe aber, dass wir morgen wirklich fertig sind.
     „Das hoffe ich auch! Oh, schau mal, Opa wartet auch schon!“
     Alberta stieg vom Kutschbock und ging auf die Haustür zu, wo ihr Onkel stand und ihr entgegensah.
     „Hallo Kleine! Bist spät dran.“
     „Dauerte etwas länger“, gab sie zu.
     Er musterte sie. „Ging nicht ganz glatt?“
     Sie schüttelte den Kopf. „Muss morgen nochmal hin.“
     „Was Ernstes?“
     „Ich fürchte ja.“

Ende der Leseprobe

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Marcel Courant

Leseprobe aus: "Ein Vater für mein Kind"


1

„Fiona! Bitte nicht!“
     Unsicher warf Karen erst einen Blick in den prachtvollen Raum, der sich vor ihnen öffnete, und dann hinab zu ihren Schuhen unter der engen Jeans. Die Sneakers, die sie trug, waren praktisch und bequem, sie taugten für einen Besuch in Margots kuscheliger Buchhandlung, aber ganz sicher nicht für einen Drink im „Palace“, der Bar des Schlosshotels auf dem Hügel oberhalb des Sees.
     „Jetzt komm schon! Sei nicht so ungemütlich.“
     Ohne Karens Protest zu beachten, hakte sich Fiona bei ihr unter und zog sie durch die Glastür und weiter bis zur Bar, wo sich Fiona mit einem zufriedenen Seufzen auf einem der Barhocker niederließ. Karen zog sich einen zweiten Hocker heran und setzte sich neben sie.
     Aus den Augenwinkeln betrachtete sie ihre Freundin. Wie immer trug Fiona Heels, diesmal die Schwarzen mit den knallroten Sohlen, dazu hatte sie einen mit schwarzen Rosen bedrucken Rock gewählt und ein mit Spitze abgesetztes Top, das Karen noch nie an ihr gesehen hatte. Fiona passte perfekt an diesen Ort. Sie selbst hingegen sah aus, wie sie immer aussah: praktisch, unauffällig, langweilig. Zumindest kam es ihr in diesem Moment so vor.
     Unauffällig öffnete Karen einen Knopf am Ausschnitt ihrer Bluse.
     Fiona bemerkte es wohlwollend. „So ist es richtig, Süße. Wie es scheint, hast du noch nicht alle weiblichen Instinkte verloren.“ Sie hob die Hand und winkte den Barkeeper herbei. „So, und jetzt machen wir es uns gemütlich.“ Mahnend blickte sie zu Karen. „Und komm bloß nicht auf die Idee, dir einen Tee zu bestellen.“
     Karen, die gerade tatsächlich mit dem Gedanken gespielt hatte, einen Darjeeling zu ordern, kniff ertappt die Lippen zusammen.
     „Wir nehmen zwei Mojito“, entschied Fiona, während sie mit Hilfe eines Taschenspiegels ihr Make-up überprüfte. „Auf den Schrecken brauche ich was Vernünftiges.“ Sie warf den Spiegel zurück in die Tiefe ihrer Handtasche und schenkte dem Barkeeper ein strahlendes Lächeln. Der Mann hinter der Theke lächelte zurück und begann damit, Limonen aufzuschneiden.
     „Auf welchen Schrecken?“
     „Wie bitte?“ Fiona riss sich von dem Anblick des gut gebauten, aber viel zu jungen Barkeepers los.
     „Welchen Schrecken musst du verarbeiten?“
     „Das fragst du noch?“ Fiona sah sie vorwurfsvoll an. „Ich mach ja wirklich viel für dich, Süße, aber das nächste Mal, wenn du mich zu einer Lesung schleppst, dann warnst du mich bitte vor! Ich dachte, wir hören Gedichte.“
     „Haben wir doch auch.“
     „Die haben sich noch nicht mal gereimt! Und dann so viel Winternebel über knorrigen Bäumen, und düstere Erdenschwere in dunkler Nacht, und das Ganze dann auch noch mit braunen Cordhosen und Gesundheitsschuhen… Also wirklich, wenn ich mich davon nicht erholen muss, dann weiß ich‘s auch nicht.“ Entschlossen griff Fiona nach dem Glas, dass ihr der Barkeeper hinstellte. „So, und jetzt zu den wirklich spannenden Dingen des Abends: Was gibt es Neues bei dir?“
     „Bei mir?“ Karen zögerte. „Der Betrieb läuft…“
     Fiona unterbrach sie ungehalten. „Du weißt genau, was ich wissen will. Hast du einen Mann im Auge, der dein Leben teilen soll? Oder wenigstens dein Bett?“
     Karen seufzte. „Muss das sein?“
     „Ich bin deine beste Freundin. Und beste Freundinnen wissen alles voneinander.“
     „Warum fragst du dann?“
     „Weil ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben habe. Außerdem interessiert es mich.“
     „Aber nicht jede Woche. Fiona, du nervst.“ Karen lächelte, um ihren Worten die Spitze zu nehmen.
     Gespielt beleidigt zog Fiona die Lippen zusammen. „Ich mache mir wirklich Sorgen um dich. Du vertrocknest mir noch da draußen in deiner Bruchbude.“
     „Keine Sorge, dafür habe ich viel zu wenig Zeit.“ Unruhig blickte Karen auf die Uhr. „Ich müsste längst wieder zu Hause sein.“
     „Unsinn!“ Fiona schob Karen ihr Cocktailglas zu. „Der Abend fängt gerade erst an! Einmal in der Woche darfst du deine Arbeit ruhig vergessen.“
     „Meinen Betrieb kann ich nun mal nicht zuschließen wie du deine Boutique.“
     „Die kommen einen Abend lang gut ohne dich zurecht. Außerdem haben sie dir versprochen, dich anzurufen, wenn es soweit ist.“
     Der Barkeeper unterbrach ihr Gespräch. In seiner Hand hielt er ein Silbertablett, darauf standen zwei goldgelb perlende Sektkelche. „Ich soll ihnen das servieren. Champagner. Von dem Herrn da drüben.“ Er wies mit dem Kopf zur anderen Seite der Bar, von der ein attraktiver Mann mit graumelierten Schläfen zu ihnen herübersah. Als sein Blick Fionas kreuzte, lächelte er.
     Fiona erwiderte das Lächeln und griff zu den beiden Gläsern, um sie vor Karen und sich auf die Theke zu stellen. „Na endlich.“
     „Was ‚na endlich‘?“
     „Der schaut schon die ganze Zeit zu uns rüber.“
     „Du kennst ihn?“
     „Noch nicht …“
     Karen runzelte vorwurfsvoll die Stirn. „Sag mal, lässt du dich von jedem Mann anbaggern?“
     „Nur von attraktiven, Süße. Außerdem ist der nicht für mich, sondern für dich.“
     „Könnte ich da vielleicht ein Wörtchen mitreden?“
     Ein Räuspern unterbrach sie.
     „Ich hoffe, die Damen mögen Champagner.“
     Karen wandte sich um. Herausfordernd begegnete sie dem Blick des Mannes, der von seinem Platz an der Theke zu ihnen herübergekommen war. Unter seinen dunklen, leicht krausen Haaren blitzten tiefblaue Augen.
     „Sehen wir so aus?“
     Der Mann lächelte. „Eleganz verträgt kein anderes Getränk.“ Er hob sein Glas, um den beiden Frauen zuzuprosten.
     „Also, ich mag Champagner.“ Fiona schnappte sich einen der Sektkelche, während sie unauffällig gegen Karens Schienenbein trat.
     Schmunzelnd griff auch Karen nach ihrem Glas. Die Situation amüsierte sie.
     „Ich habe Sie schon eine ganze Weile beobachtet“, fuhr der Mann fort. „Sie sind mir sofort aufgefallen.“
     „Sie sahen in unsere Augen, und da wussten Sie, wir sind Ihre große Liebe…“
     Der Mann lächelte Karen an. „Die Augen sind der Spiegel der Seele.“
     Bevor Karen antworten konnte, klingelte ihr Telefon. Eilig öffnete sie ihre Handtasche. „Entschuldigen Sie bitte.“ Sie wandte sich ab und nahm das Gespräch an. „Henning… Jetzt schon? Gut, ich komme.“ Sie ließ ihr Telefon zurück in die Tasche gleiten und sah entschuldigend zu Fiona. „Du musst mich nach Hause fahren. Es geht los.“
     „Na toll! Gerade jetzt, wo es interessant wird.“ Fiona rutschte vom Barhocker und zog ihren Rock zurecht. Vorwurfsvoll sah sie den Mann an. „Warum haben Sie auch so getrödelt! Jetzt muss sie zur Arbeit.“
     „Jetzt noch?“ Erstaunt blickte der Dunkelhaarige auf seine Uhr.
     Karen hob bedauert die Schultern.
     „Lassen Sie mich raten.“ Die Stirn des Mannes runzelte sich leicht, während er nachdachte. „Sie sind… Ärztin. Eine Notoperation.“
     Karen lächelte nur und warf sich ihre Jacke über die Schulter.
     Der Mann nahm sie ihr ab und half ihr hinein. „Kriminalpolizei? Der Ruf zum Tatort.“
     Karen schüttelte den Kopf und griff ihre Handtasche.
     „Finanzbusiness! Sie haben eine Videokonferenz mit Asien.“
     „Fast. Eine Kuh kalbt.“
     „Eine Kuh?“ Der Mann war verblüfft.
     „Eine Kuh, genau. Schon mal gesehen? Vier Beine, ein Euter…“ Karen sah zu Fiona, die inzwischen beim Barkeeper bezahlt hatte. „Können wir?“
     „Natürlich.“ Fiona warf einen letzten sehnsuchtsvollen Blick zu ihrem Gesprächspartner, der davon nichts mitbekam, denn der Dunkelhaarige schaute unverwandt Karen an.
     „Wie eine Bäuerin sehen Sie aber nicht aus.“
     „Da müssten Sie mal meine Mutter hören, die ist anderer Meinung.“ Mit einem letzten Lächeln wandte Karen sich um und eilte zum Ausgang.
     „Wo finde ich Ihre Mutter?“, rief der Mann ihr nach.
     Doch Karen war schon durch die Tür verschwunden.

*

Zwanzig Minuten später hatten sie die Einfahrt erreicht. Sie passierten die Torpfeiler, die Enno aus sorgsam ausgewählten Feldsteinen gefügt hatte, und fuhren den Weg hinauf zum Hof. Normalerweise freute sich Karen über den Anblick des Bauernhauses, das sich an die Flanke des Hügels schmiegte und über dem mächtige Eichen ihre Kronen aufgespannten. Doch heute hatte sie für die Schönheit ihres kleinen Anwesens keinen Blick. Karens Gedanken waren bei der Kuh, die gerade in ihrer Box lag, um ihr Kalb zu gebären. Hennings Stimme hatte besorgt geklungen. Hoffentlich war alles in Ordnung.
     Die weißhaarige Magd kam aus dem Stall, gerade als sich die Reifen des Wagens knirschend in den Kies gruben und Fiona vor dem Dieleneingang stoppte. Gerdas von Falten durchzogenes Gesicht sah ernst aus.
     „Gut, dass Sie da sind. Der Tierarzt ist schon unterwegs.“
     „Warum? Was ist mit Rieke?“ Karen warf einen Blick zum Kuhstall, aus dem die Rufe der trächtigen Kuh zu hören waren. Sie schien Schmerzen zu haben.
     „Ihr Kalb kommt nicht. Henning sagt, wir müssen es holen.“
     Karen nickte angespannt. „Ich zieh mich schnell um. Wo ist meine Tochter?“
     „Im Stall, bei Rieke.“
     „Schicken Sie Lisa zu mir rein. Ich möchte nicht, dass sie mit dabei ist, wenn es bei der Geburt Komplikationen gibt.“
     Gerda wollte etwas einwenden, doch Karen ließ keinen Widerspruch zu. „Bitte, tun Sie es einfach. Lisa ist so sensibel. Ich erkläre es ihr.“
     Gerda nickte stumm und eilte zurück in den Kuhstall.
     Fiona beugte sich aus dem Fahrerfenster. „Süße, du bist nicht böse, wenn ich nicht hierbleibe? Du weißt, ich kann kein Blut sehen.“ Unruhig blickte sie hinüber zum Stallgebäude, in dem die Kuh ihre Angst in die Nacht hinausrief.
     Karen grinste verkniffen. „Jetzt fahr schon, du Stadtpflanze.“
     Erleichtert startete Fiona den Wagen. „Unseren Mädelsabend holen wir nach. Versprochen?“
     „Versprochen.“
     Fiona winkte noch einmal, dann spritzte der Kies zur Seite, als sie auf das Gaspedal trat und die Vorderräder auf dem losen Untergrund durchdrehten. Momente später hatte die Dunkelheit den Wagen verschluckt. Nur noch seine Rücklichter glühten in der Nacht, bis auch sie hinter den Büschen entlang des Knicks verschwunden waren.
     Seufzend ging Karen in die Diele und setzte sich auf die Bank neben dem Schuhregal, um ihre Turnschuhe aufzuschnüren. Die Stille in dem langgestreckten Raum, unterbrochen durch die Rufe der trächtigen Kuh, kam Karen noch drückender vor als sonst. Tagsüber, wenn Sie zu tun hatte, dann dachte sie nicht daran, was geschehen war, sie erstickte ihre Gefühle und Gedanken mit ihrer Arbeit. Davon gab es genug hier auf dem Hof, es reichte sogar für die meisten der Nächte, in denen sie erschöpft und traumlos durchschlief. Doch in Augenblicken wie diesen, in denen Sie nicht weglaufen konnte und Karen ihren Verlust fast körperlich spürte, war die Leere neben ihr wie eine offene Wunde, die brannte und niemals zu verheilen schien. Was hätte sie gegeben für einen tröstenden Blick, eine zärtliche Berührung, einen mit ruhiger Stimme vorgetragenen Rat.
     Karen zog gerade den Reißverschluss des Overalls zu und stieg in ihre Gummistiefel, als Lisa zu ihr in die Diele kam. Das Gesicht ihrer Tochter drückte Sorge aus. Karen versetzte es einen Stich, als sie es sah. Mit ihren sechs Jahren hatte Lisa Dinge erlebt und gesehen, die Karen keinem Kind und schon gar nicht ihrer Tochter gewünscht hätte. Sie litt darunter, Lisa nicht besser beschützen zu können.
     „Warum schreit Rieke so?“ Lisa setzte sich neben sie und rückte an sie heran. „Henning sagt, das ist normal. Aber ich glaube, dass Rieke Angst hat.“
     „Rieke bekommt ein Kalb. Das ist aufregend, auch für eine Kuh.“
     Lisa nickte ernsthaft. „Glaubst du, dass es ihr gut geht?“
     Karen zögerte mit der Antwort. „Geh ins Bett“, wich sie der Frage ihrer Tochter aus. „Ich erzähl dir später, wie es Rieke geht. Der Tierarzt wird es uns verraten.“
     „Soll ich nicht hierbleiben? Ich könnte Rieke trösten.“
     Karen lächelte. „Das ist lieb von dir. Ich werde das machen. Und Henning und Gerda sind ja auch noch da.“
     „Streichelst du sie von mir?“
     „Ganz sicher.“ Karen drückte Lisa einen Kuss auf die Wange, bevor sie ihre Tochter an den Schultern umdrehte und mit einem zärtlichen Klaps hinüber zu den Wohnräumen schickte. „Mach das Licht aus. Und versuch zu schlafen. Ich komme nachher zu dir.“
     Zögernd ging Lisa zum Kücheneingang, winkte noch einmal, dann huschte sie durch den Spalt in den Wohnbereich des Bauernhauses.
     Karen seufzte, während sie die Diele verließ und zum Stall ging. Der Tierarzt war inzwischen eingetroffen, sein Wagen stand auf dem Hof. Peter Petersen kniete hinter der Kuh auf dem Boden der Box, er hatte seinen mit einem Schutzüberzug umhüllten Unterarm in die Gebärmutter des trächtigen Tieres geschoben und tastete vorsichtig das Kalb ab.
     Kurz durchzuckte Karen der Gedanke, dass sie noch vor sechs Jahren von einem solchen Anblick vollkommen aus dem Tritt gebracht worden wäre. In der Großstadt, in der sie gelebt und in der sie sich zu Hause gefühlt hatte, gab es Kühe, wenn überhaupt, nur auf Werbeplakaten. Jetzt war dies ihr Alltag.
     Petersen, ein knorriger Friese mit ewigem Dreitagebart, wechselte mit dem Knecht einen kurzen Blick, bevor er Karen ansah.
     „Henning hat recht. Das Kalb liegt falsch. Der Kopf liegt oben.“
     „Und das bedeutet?“
     „Wir können versuchen, es zu drehen. Oder wir machen einen Kaiserschnitt. Ist beides nicht ohne Risiko, vor allem für das Muttertier.“ Petersen betrachtete das Tier nachdenklich. „Ich würde einen Kaiserschnitt vorschlagen. Allerdings ist die Kuh schon sehr schwach, ich weiß nicht, ob sie das schaffen wird.“
     Karen zögerte. „Enno hätte das Kalb gedreht. So viel Hilfe wie nötig und so wenig wie möglich, das war sein Grundsatz.“
     „Ja, da haben Sie recht“, stimmte Henning ihr zu. „Aber Enno ist nicht hier. Jetzt müssen Sie sagen, was wir tun sollen.“
     Karen biss sich auf die Lippen. Dann traf sie eine Entscheidung. „Dreht das Kalb. Wir schaffen das schon.“ Sie warf einen Blick zu Henning.
     Der Knecht nickte ihr aufmunternd zu, er hätte sich genauso entschieden.
     Während die beiden Männer, assistiert von Gerda, damit begannen, das Kalb in der Gebärmutter zu bewegen, kniete sich Karen neben dem Kopf der Kuh auf den Boden. Behutsam strich sie dem schwarz-weißen Tier über den Kopf. „Keine Angst, Rieke. Die beiden machen so etwas nicht zum ersten Mal.“
     Die Kuh sah sie mit großen Augen an und stieß ängstlich ihren Atem durch die weit geöffneten Nüstern. Beruhigend sprach Karen auf sie ein. Es kam ihr so vor, als entspannte sich das Tier unter ihren Händen.
     Die beiden Männer arbeiteten schweigend, nur ab und an gab der Tierarzt knappe Kommandos. Karen unterbrach sie nicht mit Fragen, obwohl sie darauf brannte, zu erfahren, was gerade geschah. Schließlich wischte sich Petersen mit dem Ärmel seiner Jacke den Schweiß von der Stirn. „Ich glaube, wir haben es geschafft.“
     Karen spähte über den Kopf der Kuh hinweg zum Anus des Tieres, aus dem sich ein Teil der Fruchtblase stülpte. Kurz darauf stürzte ein Schwall Fruchtwasser auf den Boden der Box, und bald lugten zwei Beine aus der Öffnung.
     Karen streichelte Rieke sanft über die Nase. „Es ist soweit! Dein Kleines kommt.“
     Die Kuh stöhnte kurz auf und schnupperte an Karens Hand. Dann schloss sie die Augen und öffnete sie nicht mehr, bis das Kalb flach atmend im Stroh der Box lag.
     Karen lächelte. „Herzlichen Glückwunsch, Rieke. Das hast du gut gemacht.“
     Die Kuh öffnete ihre Augen und wandte den Kopf, um zu ihrem Kalb zu blicken.
     „Es ist ein Bulle“, verkündete Henning und strahlte. Gerda begann damit, beherzt das Neugeborene mit Stroh abzureiben.
     Karen musste lächeln, als sie das Kalb sah. Mit großen Augen blickte es in die Welt hinaus.
     „Wie soll er heißen?“ Henning blickte fragend zu ihr.
     „Wir nennen ihn Rick“, verkündete Karen nach kurzem Nachdenken und streichelte dem Kalb über den Kopf. „Schau mir in die Augen, Kleiner.“
     Henning schmunzelte, und auch Gerda musste lachen, bevor sie wieder ernst wurde. Besorgt betrachtete sie die Kuh. „Sie steht nicht auf. Eigentlich müsste sie ihr Kälbchen ablecken.“
     Karen warf einen Blick zum Tierarzt, der die Kuh abtastete. Sein Gesichtsausdruck drückte Sorge aus. Karens Magen zog sich zusammen. „Was ist mit ihr?“
     Petersen antwortete nicht. Konzentriert untersuchte er das erschöpfte Tier. Dann sah er auf. „Das Kalb hat beim Drehen den Tracksack durchstoßen. Die Kuh blutet innerlich.“
     Karen wurde blass. Sie wusste, was das bedeutete. „Keine Chance?“
     Der Tierarzt schüttelte den Kopf „Je länger wir warten, desto mehr muss sie leiden.“ 
     Henning und Gerda blickten erschrocken zu Karen, die wie erstarrt im Stall stand und die Nachricht zu verdauen suchte.
     Auch Petersen wirkte bedrückt. „Soll ich dem Schlachter Bescheid sagen? Es ist besser, wenn er noch heute Abend kommt.“
     Karen suchte Hennings Blick, sah sein Nicken, traf eine Entscheidung. „Tun Sie das.“ Sie lächelte verkniffen, bevor sie zum Kopf der Kuh ging und sich niederkniete.
     Behutsam streichelte sie das erschöpfte Tier.
     „Ich pass auf dein Kälbchen auf, Rieke. Versprochen.“
     Die Kuh leckte ihr kurz über die Hand, bevor sie den Kopf wieder auf das Stroh bettete und erschöpft ihre Augen schloss.
     Karen spürte, wie sich eine Träne in ihrem Augenwinkel sammelte.
     Sie richtete sich auf, ging zu dem Kalb und nahm es behutsam auf den Arm. Kurz schwankte Karen unter dem Gewicht des Neugeborenen, doch dann stand sie sicher.
     „Komm, mein Kleiner. Ich zeig dir dein neues Zuhause.“
     Eine Träne lief ihr über die Wange, als sie mit dem Kalb die Box verließ.
     Henning und Gerda blickten ihr bedrückt nach.

*

Die kleine Küche auf der Westseite des Gebäudes war einer der Orte, an denen Karen die Zeit vergessen konnte. Früh morgens, wenn die Sonne über die Kuppe des Hügels lugte und den See aufblitzen ließ, saß sie oft am Fenster, eine Teetasse in der Hand, und vergaß, warum sie hier war. Dann schloss sie die Augen, spürte das wärmer werdende Licht auf ihrer Haut, roch den zarten Duft von Gras und Wildblumen, der durch die geöffneten Fenster zu ihr hereinströmte. In diesen Momenten war sie ganz bei sich, sie genoss jede Sekunde und jeden Atemzug, so wie sie früher mit Enno jede Sekunde ihres Lebens an seiner Seite genossen hatte.
     In dieser Stunde jedoch war die Küche ein dunkler Ort, in den die Nacht eingedrungen zu sein schien, obwohl Gerda den Herd angefeuert hatte und das Leuchten der Glut sich über ihre Gesichter legte. Karen zog das Tuch, das sie sich über die Schultern geworfen hatte, enger an ihren Körper. Sie saßen gemeinsam an dem wuchtigen Küchentisch, auf dem die Magd, einer alten Tradition folgend, frisches Brot und ein Stück ihres selbstgemachten Käses aufgeschnitten hatte.
     Niemand aß etwas.
     Henning blickte auf. „Karen, es tut mir leid, dass ich…“
     Karen ließ ihren Knecht nicht weiter zu Wort kommen. „Es war meine Entscheidung“, stellte sie klar. „Mehr müssen wir dazu nicht sagen.“
     Henning nickte stumm. 
     Gerda und Henning waren schon auf dem Hof gewesen, als Karen aus der Stadt hierher gekommen war, neugierig und unbefangen und erfüllt mit der Gewissheit, dass ihre Liebe zu Enno jedes Hindernis beiseite räumen würde. Sie hatte damals nicht ahnen können, dass ihr nur wenig gemeinsame Zeit mit ihm blieb. Nach Ennos Tod, der sie alle unerwartet getroffen hatte, waren ihr Henning und Gerda eine wichtige Stütze gewesen. Ohne die beiden, war sich Karen bewusst, hätte sie es nicht geschafft, den Hof alleine weiterzuführen, schon gar nicht mit einem kleinen Kind an ihrer Seite, das Trost und Zuneigung brauchte und nicht die Trauer einer Mutter, die alles verloren hatte.
     Gerda mühte sich, ein aufmunterndes Gesicht aufzusetzen. „So, und jetzt essen Sie erst mal etwas.“ Sie legte zwei Scheiben Brot auf einen Teller und zog die Platte mit dem Käse zu sich.
Karen legte ihre Hand auf den Arm der alten Frau. „Ich weiß, dass Sie mich aufmuntern wollen, Gerda. Aber das brauchen Sie nicht. So ist eben das Leben, auf einem Bauernhof gehört das einfach dazu. Immerhin haben wir ein neues Kälbchen.“
     „Es ist ein Bulle“, wandte Henning ein. „Der wird niemals Milch geben.“
     „Wir werden schon zurechtkommen“, antwortete Karen. „Ich habe noch ein paar Rücklagen, das reicht, um nächsten Monat zum Viehmarkt zu fahren.“ Sie stand auf. „So, und jetzt machen wir Schluss für heute. Sie beiden müssen hier nicht sitzen. Ich warte alleine, bis der Schlachter da ist.“
Gerda wollte protestieren, doch im gleichen Moment war von draußen das Brummen eines Motors zu hören, dann das Knirschen von Rädern auf Kies. Das Motorengeräusch verstummte.
     Karen hob abwehrend die Hand, als auch ihr Knecht sich erheben und ihr folgen wollte. „Danke, Henning, aber das mach ich selber. Nehmen Sie Ihre Frau und gehen Sie hoch in ihre Wohnung. Es ist spät, und wir müssen alle morgen früh raus.“
     Henning warf einen Blick zu Gerda, dann nickte er stumm.
     Die beiden blieben sitzen, bis Karen die Küche verlassen hatte. Leise war das Quietschen der Dielentür zu hören, dann Karens Schritte und ihre Stimme, als sie den Schlachter begrüßte und mit ihm hinüber in den Stall ging.
     Henning trat an das Fenster. Bedrückt blickte er zu dem Geländewagen, der vor dem Haus parkte und an dessen Anhängerkupplung ein Viehtransporter befestigt war.
     „Rieke war die letzte Kuh, die Enno noch selbst aufgezogen hat.“
     Gerda sah auf. „Wehe, du sagst ihr davon auch nur ein Wort!“
     „Sie denkt doch sowieso an nichts Anderes“, antwortete Henning. Bekümmert blickte er hinaus in die Nacht.
     Gerda begann schweigend damit, den Tisch abzuräumen.

*

Im Haus war es still, als Karen die Diele betrat und die Tür sorgfältig hinter sich verschloss. Sie lauschte einen Moment, dann ging sie durch die Küche hinüber in den Flur, von dem das Wohnzimmer, ihr Schlafzimmer und das Zimmer ihrer Tochter abging. Gerda und Henning wohnten im ersten Stock, sie hatten sich schon vor vielen Jahren einen Teil des Dachbodens zu einer gemütlichen Wohnung ausgebaut.
     Karen huschte durch das Halbdunkel und wollte gerade leise die Zimmertür ihrer Tochter öffnen, als sie ein Geräusch aufmerken ließ. Eine der Stufen der Stiege, die hinauf zum Dachboden führte, knarrte, dann war das leise Geräusch nackter Sohlen auf den Steinfliesen zu hören. Lisa hatte auf der Treppe gesessen und auf sie gewartet. Jetzt blickte ihre Tochter sie mit großen Augen an.
     „Warum hat der Mann Rieke mitgenommen?“
     Karen seufzte. Sie ging Lisa entgegen, nahm sie auf den Arm und setzte sich mit ihr auf die Treppenstufen.
     „Rieke konnte nicht mehr bei uns bleiben.“ Karen zögerte. „Rieke ist jetzt im Kuhhimmel.“
     „Im Himmel?“ Nachdenklich runzelte Lisa ihre Stirn. „So wie Papa?“
     „Genau.“
     „Und kommt Rieke wieder?“
     „Aus dem Himmel kommt man nicht wieder. Das weißt du doch.“
     Lisa blickte ihre Mutter traurig an und lehnte ihren Kopf an ihre Schulter. Karen zog sie an sich und wiegte sie einen Moment.
     Da kam Lisa ein Gedanke. Sie setzte sich auf. „Müssen Kühe im Himmel gemolken werden?“
     Karen musste lachen. „Ich glaube nicht. Im Himmel muss keiner arbeiten. Auch Rieke nicht.“
     Lisa schien der Gedanke zu beruhigen.
     Lächelnd drückte Karen ihrer Tochter einen Kuss auf die Stirn, dann stand sie auf und nahm Lisa auf den Arm. „Jetzt aber ins Bett. Morgen ist Schule“
     Lisa schmollte. „Ich möchte morgen aber das Kälbchen sehen.“
     „Das wirst du auch. Ganz sicher! Du darfst zu ihm, wenn du aus der Schule kommst. Der Kleine heißt Rick.“
     „Und darf ich dann auf ihm reiten?“
     „Du weißt doch, dass man auf Kühen nicht reiten kann.“
     Erneut verzog Lisa schmollend den Mund.
     Karen hatte Lisa hinüber in ihr Zimmer gebracht, nun legte sie ihre Tochter vorsichtig in das mit Pferde-Stickern verzierte Bett. Sie deckte sie zu, küsste sie noch einmal und löschte das Licht. „Schlaf gut. Und träumt was Schönes.“
     Die Kleine gähnte ungeniert, bevor sie sich in ihre Bettdecke kuschelte und die Augen schloss. „Rick. Was für ein komischer Name,“ murmelte Lisa noch, dann ging ihr Atem ruhig und gleichmäßig.
     Karen betrachtete ihre Tochter lächelnd. Leise verließ sie das Zimmer.


2

Manchmal, dachte Leon, kam er sich wie ein Hochstapler vor. Jetzt zum Beispiel. Wie war er nur auf die Idee gekommen, ernsthaft zu glauben, etwas Anderes tun zu können als Lastwagen zu fahren? Wieso sollten die Geschichten, die er sich tagsüber hinter dem Steuer seines Sattelschleppers ausdachte und die er am Abend mit zwei Fingern in die Tastatur seines Laptops tippte, irgendjemanden außer ihn selbst interessieren?
     Er hatte seine Bewerbung mit der Arbeitsprobe in einem Anfall von Übermut in den Postkasten geworfen und abgeschickt, und nun hatte er den Salat. Eine Probegeschichte! Bis zum Samstag! Sich bei seinen täglichen Fahrten etwas auszudenken, auf das er Lust hatte, war etwas ganz anderes als eine Auftragsarbeit. Wie sollte er das schaffen?
     Ärgerlich trat er auf das Kupplungspedal und ließ den Motor aufheulen, dann rammte er den nächsten Gang hinein. Die Zugmaschine machte einen Satz, als wäre sie ein störrisches Pferd, das sich ihm zu widersetzen suchte.
     Der Labrador auf dem Beifahrersitz jaulte leise auf.
     Leon warf ihm einen kurzen Seitenblick zu.
     „Tschuldigung, Ben. Ich fahr vorsichtiger, versprochen.“
     Der Hund bellte kurz, Leon streckte seine Hand aus und kraulte ihn hinter den Ohren. Fieberhaft dachte er nach.
     „Okay, wie ist das: Der Chef der Seenotrettung hat ein Verhältnis mit der Frau des Kapitäns. Dann denkt das ganze Dorf, er hat seinen Widersacher beseitigt, wenn der Kapitän über Bord geht.“
Ben knurrte und legte seinen Kopf auf die Pfoten.
     Leon seufzte. „Ja, ja, ich weiß. Ich finde es ja auch langweilig. Aber sie haben gesagt, sie wollen was mit viel Liebe. Und dramatisch muss es sein.“ Sein Kopf war wie leergefegt, seit er den Anruf der Lektorin bekommen hatte. Er blickte seinen Hund an. „Hast du eine Idee?“
     Hechelnd, die Zunge aus dem Maul, erwiderte Ben seinen Blick. Leon verzog das Gesicht. „Hab ich mir schon gedacht, dass ich von dir keine Hilfe erwarten kann.“
     Sie passierten das Ortsschild, Leon gab Gas, der Milchtransporter beschleunigte.
     Leon liebte den Moment, wenn sie das nervöse Flirren der Metropole hinter sich ließen und hinaus auf das Land fuhren. Zwar lebte er gerne in der Stadt, er mochte sein Viertel, in dem er sich zu Hause fühlte und in dem er jeden kannte, der so wie er mit wachen Augen durchs Leben ging und sich Zeit nahm für ein Gespräch oder wenigstens einen kurzen Gruß. Er schätzte es, sich am Morgen in der Bäckerei an der Ecke warme Brötchen zu holen und am Mittag frisches Gemüse auf dem Markt, er genoss es, am Abend durch die Clubs zu streifen oder abseits der Touristenströme in versteckte Kellerbars hinabzusteigen, in denen Nachwuchsmusiker ihr Können zeigten, was beeindruckend oder auch sehr lustig sein konnte. Er kannte jede Straße und jeden Park, gemeinsam mit Ben, den alle mochten und der sich auf der großen Hundewiese mit seinen wechselnden Affären traf.
     Und doch war der Augenblick, wenn sie früh am Morgen die letzten Häuser der Stadt hinter sich gelassen hatten, immer wieder etwas Besonderes. Leon blinzelte in die aufgehende Sonne. Der Morgennebel hatte sich noch nicht verzogen, wie eine dünne Schicht aus Watte schwebte er über den Wiesen links und rechts der Straße. Dörfer aus Backsteinhäusern lugten aus dem Dunst, in jedem von ihnen als Fixpunkt eine Kirche, deren wuchtigen Türme sich über die Dächer erhoben. Ein Fischreiher flog den Kanal entlang und begleitete sie ein Stück.
     Doch die Zufriedenheit, die ihn sonst in diesen Minuten erfasste, wollte sich heute nicht einstellen. Die Aufgabe, die er sich aufgeladen hatte, belastete ihn. Die Lektorin, die ihn angerufen und seine Arbeitsproben gelobt hatte, schien sich fast entschuldigen zu wollen für Ihre Bitte, zumindest war es Leon so vorgekommen. Er solle die Handlung einer Liebesgeschichte entwerfen, der Verlag veröffentlichte jede Woche mehrere davon, es gab sie als Heftroman am Kiosk und auch an der Kasse des Supermarkts, Leon hatte nachgesehen, es stimmte. Niemals wäre er auf die Idee gekommen, sich als Autor solcher Geschichten zu sehen. Aber er hätte jedes Angebot angenommen, wenn er nur schreiben durfte – Leon wusste, eine solche Chance durfte er sich nicht entgehen lassen.
     Was, verdammt noch mal, machte eine gute Liebesgeschichte aus? Ein Mann traf eine Frau, er mochte sie, sie mochte ihn nicht, und wenn doch, ging es meistens in die Hose. Das war seine Erfahrung, und genau das ließ ihn zurückhaltend sein, was Frauen anging. Leon war sich sicher, dass eine solche Liebesgeschichte niemand lesen wollte.
     Vielleicht, dachte er, sollte er Karen fragen, mit ihr konnte man über alles reden. Doch in der gleichen Sekunde war ihm klar, dass sie die Letzte war, mit der er dieses Thema besprechen wollte.
     Leon seufzte.

*

Karen wischte sich eine störrische Haarsträhne aus der Stirn, bevor sie zur Kanne griff und ihrer Mutter einen Becher Kaffee einschenkte. Karen trug eine Jeans und dazu eine ausgeblichene Baumwollbluse, und ihre Haare hatte sie mit einem Tuch zurückgebunden. Sie sah fast jeden Tag so aus, denn es war praktisch, nicht über sein Aussehen nachdenken zu müssen, wenn man früh morgens um fünf Uhr aufstand und wirklich Besseres zu tun hatte, als sich die Haare zu machen oder zu schminken oder endlos lange vor dem Kleiderschrank zu stehen und zu überlegen, was man anziehen sollte. Früher, als sie noch in der Stadt zuhause gewesen war, hatte sie wie alle ihre Freundinnen viel Zeit darauf verwendet, ein perfektes Bild der Persönlichkeit zu entwerfen, als die sie sich darstellen wollte. Und wie alle anderen hatte sie sich eingeredet, dass sie es für die Männer tat, wo es doch die taxierenden Blicke der anderen Frauen gewesen waren, die sie gefürchtet hatte.
     Karen nahm den Becher und ging hinüber zur Sitzecke, in der Ihre Mutter saß und sie vorwurfsvoll ansah.
     „Nur ein Kaffee? Ich dachte, wir frühstücken zusammen. Ich bin extra früher aufgestanden!“
     „Mama, im Stall warten 60 Kühe auf mich. Kannst mir ja beim Melken helfen.“
     Elisabeth Engermann riss die Augen auf. „Ich? Schatz, ich bin ja schon froh, wenn es mir gelingt, im Supermarkt einen Liter Milch zu kaufen.“
     Karen grinste.
     „Kühe sind einfach kein guter Umgang für dich“, fuhr Elisabeth fort. „Du bist in der Stadt großgeworden, Kind. Und da gehörst du auch hin. Wie lange predige ich dir das schon?“
     „Sechs Jahre“, antwortete Karen.
     „Wirklich? Aber recht habe ich doch. Hier draußen verkümmerst du mir noch. Und wie du herumläufst! Man könnte glauben, du bist ein Mann geworden.“ Sie ließ ihren Blick über Karen gleiten.
     Für einen Moment wurde Karen bewusst, wie sie aussah. In ihrem früheren Leben in der Stadt wäre sie so noch nicht einmal kurz vor das Haus getreten, um die Zeitung hereinzuholen.
     Karen schob den Gedanken von sich. Sie trank einen Rest kalten Kaffee aus ihrer Tasse und stellte sie auf die Spüle, um auf dicken Wollstrümpfen zurück in die Diele zu gehen und in ihre Gummistiefel zu schlüpfen.
     Elisabeth kam ihr nach, unermüdlich auf sie einredend. „Ich hätte dich nach Paris schicken sollen, oder nach New York, da gibt‘s wenigstens keine Kühe. Oder noch besser, du wärst Model geworden oder Schauspielerin, auf jeden Fall reich und berühmt, dann hätte ich jetzt auch was davon. Und was habe ich jetzt? Noch nicht mal ein Frühstück.“
     „Du hast eine wunderbare Enkeltochter. Und die wartet schon darauf, von dir zur Schule gebracht zu werden.“ Lächelnd drückte Karen ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange, dann eilte sie hinüber zum Stall und warf einen kurzen Blick zum Melkkarussell. Henning war dabei, die Milchkühe nacheinander durch die Gasse zu führen, um an den Melkstationen die bereitliegenden Saugköpfe über die Zitzen zu schieben. Er nickte ihr zu, Karen nickte zurück und ging weiter in das kleine Büro gleich neben der Boxengasse, in dem an einem wackeligen Schreibtisch ein Computermonitor leuchtete.
     Es war eine der letzten Aktionen von Enno gewesen, den Hof mithilfe eines digitalen Steuerungssystems an die Zukunft anzuschließen. Jedes Tier war mit einem Chip in seinem Ohr gekennzeichnet, der Computer prüfte so, wie viel jede Kuh trank und teilte zu, was jede der Kühe am Futterautomaten zu fressen bekam. Und natürlich wurde genau gemessen, wie viel Milch jedes der Tiere gab – es war ein guter Indikator, um zu prüfen, ob eine Kuh gesund war oder krank wurde. Karen war froh, dass das Programm sie bei der Arbeit unterstützte. Zwar kam es ihr komisch vor, mithilfe moderner Technik Bio-Produkte herzustellen. Doch Enno war der Ansicht gewesen, dass Bio nicht gleich Mittelalter bedeutet, sondern dass moderne Technik ein Garant dafür war, hervorragende Produkte herzustellen.
     Ein Räuspern unterbrach sie. Gerda stand in der Tür und sah sie an, zugleich ärgerlich und hilflos. „Ich kümmere mich ja gerne um ihre Tochter, aber…“
     Karen seufzte. „Was ist denn jetzt schon wieder?“
     „Lisa ist in der Scheune auf dem Heuboden, und sie will nicht runterkommen. Am besten, Sie kommen und reden selbst mit ihr.“
     Genervt stieß Karen die Schublade mit der Computertastatur zurück und stand auf. Das war das Letzte, was sie um diese Uhrzeit gebrauchen konnte!

*

In der Scheune war es dunkel. Durch die Ritzen zwischen den Brettern, aus denen die Holzwand gefügt war, fiel das Licht der Morgensonne und zeichnete ein Muster auf die gestapelten Ballen. Staub tanzte durch die Lichtstreifen. Der Geruch von getrocknetem Gras lag in der Luft.
     Karen versuchte, ihre Tochter im Halbschatten zu entdecken, doch sie sah nur die Schuhe an ihren Füßen, die über den Rand eines der Ballen hinausragten. Lisa war auf den Heuboden geklettert und hatte die Leiter hinter sich hinaufgezogen.
     Ihre Stimme war dafür umso lauter zu hören.
     „Geh weg! Ich komm nicht runter!“
     „Lisa, du musst zur Schule.“
     „Nein!“
     „Aber was ist denn passiert?“
     „Gerda hat mir gesagt, dass wir keinen Platz für ein Fohlen haben. Dabei hast du mir das versprochen!“
     „Was habe ich?“ Karen war verblüfft.
     „Du hast gesagt, ich kriege ein Pferd, wenn ich in der Schule bin. Und ich bin jetzt in der Schule. Schon eine ganze Woche.“
     „Lisa, ich habe gesagt, dass wir darüber nachdenken, ob du vielleicht ein Fohlen bekommen kannst.“
     „Versprochen ist versprochen!“
     Ungeduldig blickte Karen auf ihre Armbanduhr. „Ich hab jetzt keine Zeit, mit dir zu diskutieren. Leon kann jeden Moment hier sein, und wir sind noch nicht mit dem Melken fertig.“
     „Das ist mir egal.“
     „Du kommst jetzt sofort runter!“
     „Nein!“
     Karen platzte der Kragen. „Und wenn du dich auf den Kopf stellst: Ich kaufe dir kein Fohlen. Du weißt genau, dass das nicht geht. Wie soll ich das denn alles schaffen?“
     „Du bist gemein! Ich will dich nie wieder sehen!“
     Wütend blickte Karen in der Scheune umher, ob es einen Weg gab, ohne Leiter hinauf auf den Heuboden zu kommen.
     In der gleichen Sekunde war von draußen das Geräusch eines Motors zu hören, der Milchwagen fuhr auf den Hof, der Kies knirschte unter seinen schweren Reifen. Das Motorengeräusch erstarb.
     Angespannt stieß Karen ihren Atem aus, dann eilte sie hinaus.

*

Leon war aus dem Fahrerhaus des Sattelschleppers geklettert, er hatte die Schläuche aus ihren Halterungen herausgezogen und war dabei, sie an den Stahltank seines Tankwagens anzuschließen. Als er Karen sah, die die Scheune verließ, hielt er in seiner Bewegung inne und stand für einen Moment regungslos, ihr Anblick fesselte ihn.
     Karen bemerkte es nicht in ihrer Wut. „Das kann doch wohl nicht wahr sein!“
     Leon löste sich aus seiner Erstarrung. „Was ist denn passiert?“
     „Lisa hockt auf dem Heuboden und will nicht runterkommen, gestern ist mir eine meiner besten Milchkühe gestorben, und mit dem Melken sind wir auch noch nicht fertig. Das ist passiert.“ Ungehalten schob Karen eine Tonne, die nicht an ihrem Platz stand, zurück an die Mauer.
     Leon runzelte die Stirn, als Karen ihm berichtete, was geschehen war. Er verstand sie, aber er konnte auch Lisa verstehen.
     „Soll ich mal mit ihr reden?“
     „Würdest du das tun?“
     „Natürlich.“ Leon lächelte.
     Für Karen, ergänzte er in Gedanken, würde er alles tun. Doch das sagte er ihr nicht.
     Fünf Minuten später hatte er die Schläuche vom Tankwagen hinüber zur Rückseite des Stallgebäudes verlegt und an die Stutzen des Milchtanks angeschlossen. Er bat Henning und Karen, ihm Bescheid zu geben, wenn die letzte Kuh das Melkkarussell verlassen hatte. Dann ging er hinüber zur Scheune.
     Das Tor quietschte, als er es aufzog und das Scheunengebäude betrat. Nur langsam gewöhnen sich seine Augen an das Halbdunkel im Inneren.
     „Lisa?“
     „Bist du das, Leon?“
     „Ja. Kann ich zu dir hochkommen?“
     Einen Moment lang war es still. Dann rutschte quietschend die Leiter zu ihm herunter. Leon fing sie auf, bevor sie hinabstürzen konnte, und lehnte sie sicher an den Rand des Heubodens.
     „Ich komm jetzt hoch, okay?“
     Er kletterte die Leiter hinauf und spähte über die Kante.
     Lisa saß auf einem der Heuballen, die Arme vor der Brust verschränkt. Sie sah wütend aus.
     „Mama ist gemein.“
     „Warum denn?“
     „Sie hat versprochen, mir ein Fohlen zu schenken, und jetzt will sie nicht mehr. Dabei weiß ich schon ganz genau, was für ein Fohlen ich haben möchte.“
     „Was denn für eines?“
     Ein Lächeln huschte über Lisas Gesicht. „Es heißt Saphir.“ Sie sprang auf und hob ihre flache Hand auf die Höhe ihrer Nasenspitze. „Es ist so groß und braun und hat einen weißen Fleck auf der Nase und ist total süß.“
     „Und wo hast du das Fohlen gesehen?“
     „Im Pferdestall auf dem Gutshof. Ich besuch Saphir immer nach der Schule.“
     „Weiß das deine Mama?“
     Lisa sah Leon erschrocken an. „Du verpetzt mich doch nicht, oder?“
     Leon schüttelte den Kopf und hob seine rechte Hand. „Ehrenwort.“ Er überlegte. „Hab ich dir heute eigentlich schon eine Geschichte erzählt?“
     Lisa zog Leon neben sich und sah ihn mit großen Augen an.
     „Hmm … Weißt du eigentlich, warum Fohlen so weiche Nasen haben?“
     Gespannt schüttelte Lisa den Kopf.
     „Ganz früher, als die Fohlen noch harte Nasen hatten, da wurden sie jeden Tag hinaus in den Wald geschickt, um Trüffel zu suchen. Aber irgendwann hat es den kleinen Fohlen total gestunken, immer mit der Nase in der dreckigen Erde herumzuwühlen…“
     Lisa lehnte ihren Kopf an Leons Schulter, während sie ihm zuhörte.

*

Mit einer schnellen, tausendfach geübten Bewegung zog Karen die Saugköpfe von den Zitzen der Kuh, die neben ihr im Melkstand wartete. Sie strich ein wenig von der Pflegepaste über den Euter des Tieres, dann öffnete sie das Gitter, die Kuh setzte sich in Bewegung und ging hinaus auf die Freifläche vor dem Stall. Henning führte das nächste Tier durch die Gasse, und nachdem Karen die Saugköpfe gereinigt und auch die Zitzen der Kuh gesäubert hatte, schloss sie die Sauger an und aktivierte die Pumpe. Der Wechsel hatte keine 30 Sekunden gedauert.
     Ihre Mutter war in den Stall gekommen und beobachtete sie stumm.
     „Wenn ich dich hier so sehe, dann könnte man glauben, dass du hier geboren bist.“
     „Ist das Kritik oder ist das Lob?“
     „Weder noch. Das ist eine Tatsache. Du bist eine Bäuerin. Und ich bin deine Mutter.“ Ungläubig schüttelte Elisabeth den Kopf, als könne sie selbst das Unfassbare nicht begreifen.
     Karen warf ihrer Mutter einen kritischen Blick zu. „Und?“
     Elisabeth tat, als wüsste sie nicht, was Karen meinte. „Wieso?“
     „Jetzt spuck‘s schon aus.“
     „Was denn?“
     „Du findest falsch, wie ich mit Lisa umgehe.“
     „Hab ich irgendetwas gesagt?“
     „Ich kann Lisa kein Fohlen kaufen. So viel Verantwortung kann sie noch nicht tragen. Und um ein Pferd kann ich mich nicht auch noch kümmern.“
     Eine Weile war nur das Summen der Pumpen zu hören. Dann, zögernd, brach Karens Mutter das Schweigen. „Ich weiß, du hörst das nicht gerne. Aber wie lange willst du hier noch als einsame Witwe leben?“
     „Meine Arbeit schaffe ich auch alleine. Außerdem habe ich Henning und Gerda.“
     „Es geht nicht um die Arbeit. Lisa braucht einen Vater! Und du einen Mann.“
     Karen warf einen genervten Blick zu ihrer Mutter. „Fängst du schon wieder damit an? Ich will nicht! Mir geht’s gut. Klar?“
     „Es geht hier nicht um dich. Es geht um dein Kind.“
     „Mein Kind!“, fuhr Karen hoch. „Immer geht’s um mein Kind! Und wer fragt, wie es mir geht?“
     „Du kannst dich frei entscheiden, was du tust und was du lässt“, antwortete mit ernstem Blick ihre Mutter. „Lisa kann das nicht.“
     Karen antwortete nicht. Stumm befreite sie die Zitzen der Kuh von den Sauköpfen und ließ das Tier hinaus in die Sonne.
     Ihre Mutter betrachtete sie bedrückt.
     Eine helle Stimme unterbrach ihr Gespräch. „Oma! Kommst du? Ich muss zur Schule!“
     „Ich bin gleich bei dir, Schatz.“ Elisabeth warf einen letzten Blick zu ihrer Tochter. „Denk drüber nach, Karen, was ich gesagt habe. Fünf Jahre Trauer sind genug.“ Sie winkte ihr noch einmal zu, dann verließ sie den Stall.
     Nachdenklich strich sich Karen eine Haarsträhne aus der Stirn.
     Was sie wollte, wusste sie, dachte Karen. Niemand konnte Enno ersetzen. Er wäre der perfekte Vater für Lisa gewesen, war sich Karen sicher, hätte er mehr Zeit gehabt als die wenigen Monate, die ihm gemeinsam mit seiner Tochter geblieben waren.
     War es egoistisch, was sie tat?
     Sie war nicht nur für sich alleine verantwortlich, in diesem Punkt hatte ihre Mutter recht.
     Karen seufzte.

*

Leon hörte in der Küche das Geschirr klappern, als er die Diele betrat und seine Arbeitshandschuhe auszog. Er hatte sich gewundert, dass auf dem kleinen Tisch am Rande des Bauerngartens, den Karen neben dem Haus angelegt hatte, noch keine Becher bereitstanden. An schönen Tagen so wie heute brachte Karen das Geschirr hinaus, sobald er die Schläuche an den Tank anschloss, und wenn die Pumpe lief und er zu ihr kam, holte sie den Kaffee und manchmal auch eine kleine Leckerei aus ihrem Hofladen, in dem sie nicht nur Käse und Milch, sondern auch Marmeladen und selbstgemachte Süßigkeiten verkaufte. Heute jedoch war der Tisch zwischen den üppigen Blumenstauden leer, und Leon war in das Haus gegangen, um Karen zu suchen.
     Karen stand am Herd, als er unbemerkt die Küche betrat. Sie hatte den Wasserkessel aufgesetzt, um den Kaffee aufzubrühen, das Wasser begann gerade leise zu brodeln. Gedankenverloren, die Hand auf dem Griff des Kessels, starrte Karen aus dem Fenster.
     Ihre gemeinsame Kaffeepause am Ende von Leons Tour war ein tägliches Ritual, in das sie sich im Laufe der Jahre eingefunden hatten und in dem sich beide sehr wohlfühlten. Leon freute sich den ganzen Morgen auf diesen Moment. Über die Jahre war Karen für ihn zu einer Freundin geworden, mit der er über alles reden konnte. Er hatte sich bei ihr vom ersten Moment an wohlgefühlt. Auf mehr zu hoffen als auf eine Freundschaft, hatte er sich zu keinem Zeitpunkt erlaubt. Niemals würde er Karen zu nahetreten, aus Zuneigung zu ihr und aus Achtung vor Enno, den er in seinen ersten Monaten als Milchwagenfahrer noch kennengelernt hatte. Doch immer wieder ertappte sich Leon dabei, dass er an Karen dachte: am Vormittag, wenn er über die Dörfer fuhr, am Abend bei seinen Spaziergängen mit Ben, in den Nächten, in denen er alleine mit einem Glas Rotwein auf seiner kleinen Dachterrasse saß. Eigentlich, wurde Leon klar, dachte er ständig an Karen.
     Er wollte sich gerade bemerkbar machen, als das Licht der Sonne durch eine Wolke brach und Karens Körper aufleuchten ließ. Leon hielt den Atem an. Die Sonnenstrahlen betonten ihre schlanke Silhouette und verfingen sich in ihren Haaren, die sie jetzt offen trug, ein ungebändigter Feuerkranz, nur im Zaum gehalten durch eine mit blinkenden Strasssteinen besetzte Haarspange.
     Leon stand ganz still, um den Zauber des Moments nicht zu zerstören.
     Er hätte sie stundenlang ansehen können.
     Der Kessel begann zu pfeifen, heißer Wasserdampf schoss aus der Öffnung im Deckel. Karen schrie auf und zog erschrocken ihre Hand zurück. Mit wenigen Schritten war Leon bei ihr. Er packte ihre Hand, hielt sie unter den Wasserhahn, drehte ihn eilig auf.
     „Verdammt.“ Ärgerlich musterte Karen ihre vom Wasserdampf gerötete Haut. „Das passt ja perfekt zu diesem Tag.“
     „Was ist denn heute los mit dir?“ Leon zog ihre Hand erneut unter den kalten Wasserstrahl. Karen ließ es zu. Aus den Augenwinkeln sah er, wie sie ihre Augen schloss. Der zarte Duft ihrer Haut stieg in seine Nase. 
     Leon wurde heiß, als ihm klar wurde, wie nah er ihr war.
     Karen seufzte. Schließlich drehte sie den Wasserhahn ab und griff nach dem Handtuch, um ihre Hand abzutrocknen. Sorgfältig hing sie das Tuch zurück an seinen Haken. Dann wandte sie sich Leon zu, blickte ihn hilflos an.
     „Leon, sei ganz ehrlich. Glaubst du, ich bin eine schlechte Mutter?“
     Leon musste lachen. „Klar, ganz eindeutig. Du liebst dein Kind nicht, schlägst es täglich, und zu essen bekommt es nur Cola und Chips.“
     „Lass deine Witze, Leon. Ich meine es ernst.“
     Er musterte sie forschend. „Du meinst es wirklich ernst“, erkannte er verblüfft. „Nein, natürlich bist du keine schlechte Mutter.“ Kopfschüttelnd füllte er ein Glas am Wasserhahn und trank einen großen Schluck.
     „Aber ich kann doch nicht heiraten, nur weil Lisa einen neuen Vater braucht.“
     Leon verschluckte sich, als er Karens Worte hörte. Hustend stellte er das Glas zurück neben die Spüle. „Bitte? Was hast du gesagt?“
     Karen merkte auf. „Entschuldige Leon, dass ich dich mit meinem Kram belästige. Vergiss es einfach.“ Sie lächelte verlegen, dann nahm sie den Kessel vom Herd, um das heiße Wasser in den bereitstehenden Kaffeefilter zu gießen. Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee breitete sich in der Küche aus.
     Leon räusperte sich. „Das ist schon in Ordnung, dass du mir das erzählst. So ein Thema bewegt einen ja…“ Er wich ihrem Blick aus, während er nach Worten suchte. „Kannst du“, begann er vorsichtig, „dir denn vorstellen, wieder mit einem Mann zusammen zu sein?“
     „Ich weiß nicht. Vielleicht, ja, aber …“ Karen sah auf. „Es klingt verrückt, aber ich habe bei so einem Gedanken immer noch das Gefühl, Enno zu betrügen.“
     „Dein Mann ist seit fünf Jahren tot.“
     Sie strich sich durch ihr Haar, so als könne die Bewegung ihr helfen, ihre Gedanken zu fassen.
     „Als Enno starb, dachte ich, jetzt ist alles vorbei. Er war alles für mich, für ihn hatte ich alles aufgegeben. Meine Freunde, meine Karriere, das Leben in der Stadt ... So wie ihn hatte ich noch niemals zuvor einen Menschen geliebt.“ Karen verstummte.
     Leon wartete geduldig, bis sie weitersprach.
     „Letzte Woche habe ich mich dabei ertappt, dass ich für einen Moment überlegt habe, wie Enno aussah.“
     Leon nickte mitfühlend, während er über das, was Karen gesagt hatte, nachdachte. „Was tut dir mehr weh? Dass die Erinnerung verblasst, oder dass du alleine bist?“
     „Ich bin alleine, weil die Erinnerung verblasst.“
     „Wovor hast du Angst?“
     Karen antwortete nicht.
     Leon zögerte, dann nahm er sich ein Herz. Behutsam legte er seine Hand auf ihren Unterarm. „Die Zeit mit Enno kann dir niemand nehmen, Karen. Egal, was du tust.“ Er stockte kurz. „Aber das Leben geht weiter, auch für dich. Vielleicht gibt es da draußen jemanden, der auf dich wartet und der gut für dich ist. Du solltest ihm eine Chance geben. Du musst ihn ja nicht gleich heiraten.“
     Karen sah auf. „Hab ich dir schon mal gesagt, dass es schön ist, einen so guten Freund zu haben wie dich?“
     Leon lächelte verlegen. „Nein.“
     „Na, dann wurde es ja mal Zeit.“ Karen lächelte zurück. Sie griff sich einen Becher, schenkte ihn mit Kaffee voll und schob ihn Leon zu. Ihren Becher füllte sie nicht. „Ich muss los, Henning wartet im Stall auf mich“, entschuldigte sie sich. „Sei bitte nicht böse, morgen habe ich wieder mehr Zeit für dich.“ Sie winkte ihm zu, dann, einem spontanen Impuls folgend, umarmte sie ihn kurz. „Danke“, flüsterte sie ihm ins Ohr.
     Mit schnellen Schritten verließ sie die Küche.
     Überwältigt sah Leon ihr nach.

Ende der Leserpobe

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Katja Kleiber

Leseprobe aus: "Der Banker mit dem Stöckelschuh"


Kapitel 1

Ich hasste es, bei wichtigen Sachen wie Sex gestört zu werden. Mattus nackter Po schaute zwischen den Bettlaken hervor. Ich überlegte gerade, ob ich reinbeißen oder ihn sanft streicheln sollte.
   Mattu schnarchte rhythmisch vor sich hin. Er hatte mir gestern einen Schnellkurs in Sachen Wein gegeben. Bisher konnte ich zwar Licher Pils von der Henninger Plörre unterscheiden, aber nicht einen Roten vom anderen. Jetzt schwirrte mir der Kopf. Keine Ahnung, ob es an dem Gerede über Rebsorte, Lage und Jahrgang lag oder am Restalkohol. Zu Sex waren wir nicht gekommen, das wollte ich jetzt nachholen. Dieser Hintern war einfach verführerisch.
   Das Schrillen der Türklingel bohrte sich in mein Hirn. Mattu knurrte etwas Unverständliches und zog sich das Kissen über den Kopf.
   Ich war zu faul, aufzustehen. Der Sommer war unglaublich heiß. Das Fenster meiner winzigen Wohnung stand sperrangelweit offen, aber kein Lüftchen rührte sich.
   Die Türklingel schrillte wieder. Langanhaltend. Jemand schien seinen Finger drauf zu halten. Außerdem war es nicht unten die Haustür, die Glocke klang anders. Jemand stand direkt vor meiner Wohnung. Ich sprang auf, wickelte mir das Laken um, ging die wenigen Schritte zur Tür und riss sie auf. Da stand eine junge blonde Frau, die sich an einen riesigen Rollkoffer klammerte. Ich starrte sie an. Sie kam mir vage bekannt vor.
   „Sandra! Zieh dir was an!“, quietschte eine mir wohl vertraute Stimme. Meine Schwester! Wie kam die denn hier her? „Wie kommst du denn hier her?“
   „Lass mich doch erst mal rein.“ Sie schob ihren Rollkoffer wie einen Rammbock vor sich her, so dass ich automatisch zur Seite trat. Sie hievte das Monstrum über die Schwelle und drängte sich an mir vorbei in die Wohnung.
   „Was ...?“ Ihr fehlten die Worte.
   Ich folgte ihrem entgeisterten Blick. Ein Kühlschrank, darauf eine Doppelkochplatte, ein geklauter Einkaufswagen voller Klamotten und ein Tisch mit drei Stühlen machten die Einrichtung aus. Früher als Punkerin hatte ich schlechter gewohnt. Meine vier Wänder hier in Frankfurt waren echt top. Die Miete war bezahlbar, von den Nachbarn kriegte ich kaum was mit.
   Silvias Mine wurde starr. Ich folgte ihrem Blick. Ach ja, da war noch die Doppelmatratze, auf der Mattu vor sich hin schnarchte. Inzwischen hatte er das Laken über sich gezogen. Wie konnte er bei dem Lärm nur weiterschlafen? Er musste wirklich ausgelaugt sein.
   „Was machst du denn hier?“, fragte ich nochmal. Meine Schwester Silvia hatte ich seit, na, seit mindestens zehn Jahren nicht mehr gesehen. Während ich mich in besetzten Häusern und auf Punkkonzerten rumtrieb, hatte sie wahrscheinlich brav die Schule beendet und einen vermutlich grottenlangweiligen Beruf ergriffen. Konnte ja nicht jeder so einen coolen Job haben wie ich.
„Sandra, ich muss einige Tage bei dir bleiben. Wirklich nur ein paar Tage, bis ich eine Wohnung gefunden habe.“
   Jetzt starrte ich sie entgeistert an. Meine Schwester? Bei mir wohnen? „Ähh“, mehr brachte ich nicht heraus.
   „Ich habe eine Stelle in der Zentrale der Deutschen Bank bekommen“, sprudelte sie hervor. „Für mich ist das die Chance auf eine Karriere, ein echtes Sprungbrett.“
   „Ja und, wieso läufst du dann hier auf?“ Ich musterte sie kritisch. Eigentlich hatten wir beide das gleiche mausfarbene Haar, nur sie hatte ihres honigblond getönt und zu einem akkuraten Bubikopf geschnitten, während meines raspelkurz und vom vielen Färben ausgelaugt war. Ihre Augenbrauen waren gezupft, die Augen sorgfältig geschminkt. An den Ohrläppchen baumelten Perlenohrringe, die ich zuletzt bei meiner Mutter gesehen hatte. Instinktiv griff ich an meine Ohren, die von Löchern und Piercings gekennzeichnet waren.
   Silvia trug ein ärmelloses Leinenkleid. Trotz der Hitze hatte sie ein Jäckchen übergeworfen, was Gestricktes mit vielen Löchern. Sie duftete nach irgendeinem Blümchenparfüm.
   Mir wurde bewusst, dass ich immer noch nackt war. Ich wühlte in dem alten Einkaufswagen und zerrte ein schwarzes T-Shirt und einen Slip hervor, um mich notdürftig zu bekleiden. Mehr konnte mein Schwesterchen bei dieser Hitze nicht erwarten.
   Schließlich setzte ich mich an den Tisch und deutete auf die freien Stühle. Silvia nahm Platz und schlug geziert die Beine übereinander.
   „So, dann willst du hier Karriere machen.“ Sie war also Bankerin geworden. Privatdetektivin war auf jeden Fall die bessere Wahl, fand ich. Ich verstand immer noch nicht, wieso sie bei mir aufschlug. Wir hatten uns in den letzten zehn Jahren nichts zu sagen gehabt und auch nicht vermisst, zumindest was meinen Teil anging. „Woher hast du überhaupt meine Adresse?“
   „Deine Nummer steht im Telefonbuch, und als ich da angerufen habe, hat mir die Sekretärin deine Straße genannt.“
   So, so. Mit der Trine würde ich ein paar Worte reden. Sie war auf keinen Fall befugt, meine Privatadresse rauszugeben. Eigentlich war sie nicht meine Sekretärin, sondern die meiner Freundin Freifrau Freya von Buckow. Die gestandene Rechtsanwältin vermietete mir einen Raum unter dem Dach ihres Prachtbaus im Westend. Eine lange Geschichte, wie es zu dieser Freundschaft kam, jedenfalls residierte meine Detektei dadurch in einer der besten Gegenden Frankfurts. Die Trine, die eigentlich Christel hieß, bewachte Freyas Vorzimmer und nahm meine Anrufe entgegen, wenn ich nicht da war. Jetzt hatte sie meine Privatadresse ausgeplaudert.
   „Okay, und wie denkst du dir das?“ Ich wies mit einer Rundumbewegung auf mein kleines Reich. „Hier ist kein Platz.“
   „Sandra, bitte!“ Sie schaute mich flehentlich an.
   „Sandy!“
   „Wie?“
   „Sandy! Ich heiße jetzt Sandy.“ Meine Eltern waren auf die bescheuerte Idee gekommen, mich „Sandra Isolde“ zu taufen. „Sandy“ war das kleinere Übel.
   „Ich finde keine Wohnung in Frankfurt. Ich habe das ganze Internet durchsucht, nichts. Dann habe ich Makler angerufen, die haben noch nicht mal zurückgerufen.“ Ihr Stimme wurde schrill.
Mattu wälzte sich unruhig auf der Matratze hin und her.
   Silvia umklammerte immer noch den Griff ihres Rollkoffers. „Normalerweise hat die Bank Gästewohnungen für solche Fälle, aber die sind mit Indern belegt.“
   „Mit Indern?“
   „Die machen irgendeine Weiterbildung wegen dem IT-System der Bank. Das wird von Indien aus betreut.“
   Ich stöhnte. Meine Schwester auf die Straße zu schicken, war keine Option. Sie würde das nicht eine Nacht aushalten. Ich wusste, wovon ich sprach. Nachdem die Bullen unser besetztes Haus in Hamburg geräumt hatten, hatte ich einige Tage auf einer Parkbank im „Planten un Bloomen“ geschlafen. Es war nicht nur unbequem, sondern ich holte mir auch eine Lungenentzündung. Wenn die Streetworkerin mich nicht gefunden und ins Krankenhaus eingewiesen hätte, wäre ich wohl nicht mehr am Leben. Meine Schwester würde in einer einzigen Nacht auf einer Frankfurter Parkbank durchdrehen. Ich stellte mir vor, wie Penner und Junkies sie um einen Euro anbettelten, falls sie ihr nicht gleich die Brieftasche klauten. Silvia würde vor Ekel sterben.
   Ich seufzte. „Na gut, du kannst ne Weile hierbleiben. Aber ich habe nur die Matratze.“
   Silvia blickte skeptisch auf die Matratze, die auf Paletten lag, ein praktisches Bettgestell. Mattu richtete sich halb auf. Er starrte uns aus glasigen Augen an.
   „Danke! Ich wusste doch, dass ich mich auf dich verlassen kann“, sagte Silvia erleichtert. „Räum halt ein bisschen auf, dann kann man es doch aushalten.“ Sie deutete in Richtung Weinflaschen und Mattus verschlafene Gestalt. „Hier scheint man ja spät aufzustehen“, sagte sie spitz.
   Aus Mattus Richtung hörte ich ein Stöhnen. Es klang nach Protest. Immerhin war Sonntag. Ich wüsste nicht, wieso ich nicht um zwölf noch im Bett liegen sollte. Wir hatten es uns verdient nach der kleinen Orgie gestern, aber das musste ich Silvia ja nicht unter die Nase reiben.
   Mattu schwang die Beine von der Matratze und stand auf. Er machte sich nicht die Mühe, das Laken um sich zu zerren.
   Bewundernd blickte ich ihn an. Keine Ahnung, was er an mir fand, aber als Mann war er wirklich ein Glückstreffer. Er machte keine Anstalten, unsere lockere Beziehung irgendwie in Richtung Eigenheim und Ehe zu drängen, versuchte noch nicht mal, mich von den Vorteilen des Zusammenlebens zu überzeugen. Ehrlich gesagt, hatte ich seine Wohnung noch nie gesehen. War einfach zu weit weg, irgendwo hinter Hanau.
   Außerdem hatte Mattu graue Augen, die ich stundenlang anschauen konnte. Sie passten gut zu seinem ergrauten Haar, das er zu einem Stoppelschnitt frisieren ließ. Ordentlich genug für einen Beamten, struppig genug, um cool zu sein.
   „Oh“, Silvia schlug eine Hand vor den Mund.
   Mattu schwankte ins Bad, so dass ich noch einmal seinen straffen Hintern bewundern konnte.


Kapitel 2

Kalle kaute mir ein Ohr ab. Jetzt erzählte er schon zum dritten Mal, wie ihn seine Frau verlassen hatte. „Die Alte“, wie er sagte. Mit der Trennung habe alles angefangen. Das Saufen und alles andere auch.
   Ich nuckelte an meinem Bier. Die Unterhaltung am Kiosk in der Tillystraße war nicht besonders erhebend. Die anderen, die hier morgens um neun mit ihren Bierflaschen rumstanden, schienen Kalles Geschichte auswendig zu kennen. Jedenfalls schenkten sie ihm keine Beachtung. Mich hatten sie kurz gemustert, als ich ankam. Da ich ein Bier bestellte und mich damit an die Theke hockte, stuften sie mich wohl als ihresgleichen ein.
   Ich hörte Kalle mit einem Ohr zu, versuchte möglichst langsam zu trinken und behielt das Haus gegenüber im Blick. Hier wohnte Thomas Schrader, der sich bei seinem Arbeitgeber krank gemeldet hatte. Der Arbeitgeber, die Telekom in Darmstadt, hatte die Detektei Meier beauftragt, die Krankschreibung zu überprüfen. Meier hatte mich heute in aller Frühe angerufen und angeschnauzt, ich solle die nächsten drei Tage ein Auge auf Schrader haben. Meier reichte mir Aufträge weiter, für die sein Büro keine Zeit hatte oder die er zu nervig fand für seine Angestellten.
   Hier war wohl letzteres der Fall. Seit einer Stunde starrte ich auf die Haustür gegenüber und ließ Kalles Tiraden über mich ergehen. Jetzt war er wieder bei der Stelle, wie er seinen Job verloren hatte. Seine Erzählung wirkte wie eine Platte mit einem Sprung, an dem die Nadel hängen blieb. Die einzelnen Elemente wiederholten sich. Fakt war, dass er tiefes Mitleid mit sich und seinem Schicksal hatte.
   Da, die Tür ging auf. Schrader kam raus - er sah zwar nicht ganz so aus wie auf dem Passfoto aus seiner Personalakte, das die Telekom eingescannt und rübergeschickt hatte, aber er war es. Ich drückte Kalle mein Bier in die Hand. „Für dich. Ich muss weg.“
   „Aber, das ist ja noch fast voll ...“ Er schnappte sich das Bier und umklammerte es mit der linken Hand, während er mit der rechten sein eigenes an den Mund stemmte.
   „Komm mal wieder“, rief er mir hinterher.
   Ich folgte Schrader, der zur Straßenbahnhaltestelle ging und brav einen Fahrschein zog. Ich tat es ihm gleich. Konnte mir nicht leisten, wegen Schwarzfahrens angehalten zu werden, während das Zielobjekt entschwand.
   Während wir auf die Bahn warteten, beobachtete ich den Mann unauffällig. Er trug eine abgeschnittene Jeans und ein T-Shirt. Von einem Humpeln war nichts zu bemerken, dabei hatte er seinem Chef was von „Bänderdehnung“ im linken Bein erzählt.
   Die Straßenbahn kam und wir stiegen ein. In der Bahn war es noch heißer als draußen, falls das überhaupt möglich war. Die Klimaanlagen der Frankfurter Straßenbahnen versagten regelmäßig, wenn die Temperaturen über 30 Grad stiegen. Auf den Klimawandel waren die Verkehrsbetriebe offensichtlich nicht vorbereitet. Ich atmete möglichst flach, um den Dunst aus Schweiß und einer Mischung billiger Parfüms in dem Wagen nicht allzu tief in die Lunge zu kriegen.
   Die Linie 11 durchquerte an der Mainzer Landstraße einige ärmere Viertel. Schrader und ich schienen die einzigen Deutschen an Bord zu sein. Die übliche Frankfurter Mischung: Eine afrikanische Mutti mit einem hübschen kleinen Blag, einige junge Türken, die wohl die Schule schwänzten, osteuropäische Frauen im Billigschick.
   Die Bullenhitze schläferte mich ein. Meier hatte mich viel früher aus den Federn gerissen, als ich es gewohnt war. Meine Augen fielen auf Halbmast. Fast hätte ich verpasst, dass Schrader an der Jägerallee ausstieg. Er trottete über die Straße, ich hinterher. Er verschwand in der Schrebergartensiedlung, ich hinterher. Zum Glück blickte er sich nicht um. Er öffnete ein Gartentürchen zu einer Parzelle. Schräg gegenüber war die „Schnitzelranch“, die die Kleingärtner bewirtete. Ich hockte mich an einen Tisch auf der Terrasse, halb verborgen hinter einer Grünpflanze. Von hier hatte ich das Gartengrundstück, das Schrader betreten hatte, gut im Blick. Gerade bollerte er gegen die Tür der Laube. Ein älterer Mann mit Baseballkappe öffnete ihm.
   „Und, wie?“ Er sprach laut genug, dass ich ihn verstehen konnte.
   „Muss“, antwortete Schrader und verschwand mit dem anderen in der Hütte.
   „Sie wünschen?“ Der Wirt der Schnitzelranch sah mich fragend an.
   „Ein Wasser, bitte.“ Ich war nassgeschwitzt, obwohl ich mich nur wenige Schritte bewegt hatte. Noch ein Bier um diese Uhrzeit bei dieser Hitze würde mich umhauen.
   Mein Beruf war doch wirklich nicht der schlechteste. Meine Schwester hockte jetzt in ihrem Büro und starrte auf einen Computerbildschirm. Sicher war das Büro auf arktische Temperaturen runter gekühlt, so dass sie sich bei nächster Gelegenheit erkälten würde. Währenddessen saß ich draußen auf einer Terrasse, die immerhin manchmal ein Luftzug erreichte.
   Der Wirt stellte mir wortlos ein Wasser hin und verzog sich wieder nach drinnen. Eine müde Zitronenscheibe hing in dem Glas. Ich quetschte sie aus und beobachtete, wie sich die Eiswürfel in Sekundenschnelle auflösten.
   Aus dem Augenwinkel beobachtete ich, was sich im Garten gegenüber tat. Schrader und sein Gartenkumpel machten sich an einem Stapel Pflastersteine zu schaffen. In den folgenden Stunden beobachtete ich, wie sie eine Auffahrt zu dem Gartenhäuschen pflasterten. Ihnen lief der Schweiß in Strömen über das Gesicht, während ich noch einige Wasser trank und schließlich ein Schnitzel orderte. Ging ja auf Spesen.
   Es gelang mir, hinter der Grünpflanze versteckt einige Fotos von den Männern zu schießen. Hoffentlich war Schrader gut genug zu erkennen. Auf dem winzigen Display konnte ich das nicht feststellen. Jedenfalls, Auftrag ausgeführt. Ich fand, das sei genug Arbeit für heute, zumal mir Meier sicher nur einen Bruchteil dessen auszahlte, was er der Telekom abknöpfte. Ich war sein Laufbursche, er würde Provision kassieren. Seine Detektei war richtig gut im Geschäft.
   Als ich nach Hause kam, war meine Schwester noch nicht da. Ich griff mir ein Bier aus dem Kühlschrank. Das war wenigstens gut gekühlt, ein Genuss nach dem lauwarmen Wasser in der Schrebergartenkolonie. Dann sackte ich auf die Matratze und stülpte mir Kopfhörer über. „Motörhead“ lenkte mich ab und das Bier machte die Hitze erträglich. Schließlich senkte sich Dunkelheit über die Stadt. Ich raffte mich auf und öffnete das Fenster. Die Luft, die hereinschwappte, war heißer als die im Zimmer. Ich war zu faul, wieder aufzustehen, um das Fenster zu schließen.
   Ich musste eingedöst sein. Ein Donnerkrachen haute mich aus dem Schlaf. Es krachte noch einmal, dann blitzte und krachte es in Folge. Schließlich prasselte ein Platzregen herunter. Ich raffte mich auf und trat ans Fenster. Im Hinterhof war niemand zu sehen. Die Studenten aus dem Erdgeschoß, die dort manchmal rauchten, hatten sich wohlweislich in ihre Bude verzogen.
   Der Regen reinigte die Luft von den üblichen Abgasen, es roch nahezu frisch. Ich streckte die Hand aus, soweit ich konnte. Einige dicke Tropfen platschten in meine hohle Handfläche. Ich rieb die Nässe über mein Gesicht. Dann schloss ich das Fenster, damit es nicht reinregnete.
   Ein Schlüssel drehte sich im Schloss und eine patschnasse Silvia rumpelte herein. Sie zerrte einen großen Karton mit sich. Er rutschte ihr aus der Hand und knallte auf den Boden. Auf der Packung sah man eine fröhliche junge Frau auf einer Aufblasmatratze.
   Silvia sackte auf einen Stuhl. Sie war nicht nur durchnässt, ihr Make-up war verschmiert. Schweißtropfen zeichneten sich unter ihrem Gesichtspuder ab.
   „Frankfurt ist schrecklich. Wie kannst du nur hier wohnen?“
   „Ich wohne ganz gut hier. Wieso?“
   „Es war ein furchtbarer Tag.“
   Mein Tag in Frankfurt war gar nicht schlecht gewesen, aber das sagte ich ihr nicht. Ich bot meiner Schwester ein Bier an. Sie verzog angeekelt das Gesicht. Was anderes hatte ich nicht zu bieten. Oder doch. Ich ließ Wasser aus dem Hahn in ein Glas laufen und reichte es ihr. Sie beäugte es skeptisch, dann kippte sie es in einem Zug runter.
   „Was ist passiert?“ Wieso hasste sie Frankfurt gleich nach ihrer Ankunft?
   „Es gibt einfach keine Wohnungen! Es war so schrecklich, ich bin bei dieser Hitze hin- und hergefahren, nichts zu machen. Die Makler sind dermaßen unverschämt!“ Sie holte Luft und schimpfte weiter: „Die stellen einfach Fotos auf ihre Webseiten, die gar nicht stimmen. Die Wohnung sah im Internet ganz gut aus, aber in echt ...“
   Ich zuckte mit den Schultern. Es gab nicht genug Wohnungen in Frankfurt. Mein Vermieter versuchte dauernd, die Miete für dieses winzige Loch hochzusetzen. Nur Freyas gestelzte Schriftsätze hatten mich bisher vor einer Wuchermiete bewahrt.
   „Dann war ich bei einer Wohnung, da standen die Leute Schlange bis auf die Straße, nur für die Besichtigung.“
   Ich war froh, nicht umziehen zu müssen. „Wie war es denn bei der Bank?“, versuchte ich sie abzulenken.
   „Und dann habe ich eine Wohnung gesehen, die war echt schön, aber die Flugzeuge flogen so niedrig über das Haus, dass man sein eigenes Wort nicht verstand“, beklagte sie sich weiter.
   Auch das war ein bekanntes Problem. Die Stadtteile südlich des Mains litten unter Fluglärm. „Und dein erster Arbeitstag?“
   Silvia schlug die Hände vors Gesicht und begann zu schluchzen.
   „Was denn?“ So schlimm konnte es doch selbst bei der Deutschen Bank nicht sein.
   „Ich habe Mamas Ohrring verloren. Du weißt doch, diese Klipse mit den großen Perlen. Einer ist weg, einfach weg!“
   Schien ja ein echter Unglückstag für sie zu sein. Jetzt sah ich, dass sie nur noch in einem Ohr den Perlenohrring trug, der andere fehlte.
   „Wie kommst du an Mamas Ohrringe?“
   Silvia sprang auf, ging ans Spülbecken und schöpfte sich Wasser ins Gesicht. Schließlich richtete sie sich auf, wirkte gefasster. „Sie hat sie mir geschenkt, als ich die Stelle bei der Bank bekommen habe in Hannover. Sie meinte, das würde seriös wirken.“ In der Tat, die Ohrringe ließen sie sicher zehn Jahre älter wirken. Nur, dass jetzt einer weg war. „Du wirst ihn schon wieder finden“, versuchte ich sie zu trösten. Mir hatte Mutter noch nie etwas Wertvolles geschenkt. Wahrscheinlich wusste sie, dass ich es sofort zu Geld machen würde. Trotzdem ungerecht, dass Silvia die Ohrringe bekommen hatte. Die Perlen waren echt und hätten sicher eine Menge Kohle gebracht.
   Silvia schnaubte wütend. Dann machte sie sich über den Karton her und zog eine riesige Matratze hervor. Das Paket enthielt auch eine Fußpumpe, mit der sie das Monstrum aufpumpte. Schließlich war die Matratze prall gefüllt. Sie nahm fast den ganzen Rest des Zimmers ein.


Kapitel 3

Thomas Schrader war auf den Fotos gut zu erkennen. Gemeinsam mit seinem Kumpel hockte er am Boden, richtete Pflastersteine, klopfte sie fest und schleppte neue heran. Er hantierte mit Wasserwaage und Seil, damit alles gerade wurde. Sogar die Schweißtropfen auf seiner Stirn waren zu erkennen. Ich klickte durch die Bildfolge auf meinem Bildschirm. Die Fotos könnten in einem Lehrbuch für Pflasterer erscheinen. Alle Arbeitsschritte waren festgehalten. Sollte ich ihn um seinen Job bei der Telekom bringen? Dort schwitzte er sicher weniger und verdiente mehr als bei der Schwarzarbeit im Kleingarten.
   Das Telefon klingelte. Wahrscheinlich Meier, der mir Druck machen wollte. Wenn es nach ihm ging, sollten die Berichte immer schon vorgestern fertig sein. Ich nahm ab und knurrte: „Detektei Hardenberg, was gibt's?“
   „Die haben meinen Chef umgebracht. Sandra, was soll ich nur machen? Die Polizei ist hier und ...“ Silvias Stimme ging in ein Schluchzen über.
   „Was? Wer hat deinen Chef umgebracht? Wieso?“ Besonders logisch klangen meine Fragen nicht. Ich hörte nur ein Schluchzen durch den Hörer. „Nun beruhige dich doch mal. Alles halb so schlimm“, säuselte ich.
   „Mein Chef ist tot. Jetzt ist die Polizei hier und verhört uns alle.“ Silvia klang panisch.
   „Bleib ganz ruhig. Du hast damit nichts zu tun.“ Wieso musste ausgerechnet meine Schwester in so was rein rutschen? „Wie umgebracht? Im Ernst, ein Mord?“
   „Weiß nicht.“ Ihre Stimme klang erstickt.
   „Wahrscheinlich war es nur ein Herzinfarkt und die Polizei macht eine Routinebefragung“, beruhigte ich sie.
   „Ich weiß doch nicht“, schluchzte sie. „Aber er ist tot.“
   „Silvia, hör mir mal gut zu. Du hast nichts damit zu tun. Also beantworte die Fragen der Polizei, so gut du kannst.“
   „Meinst du?“ Sie schien Hoffnung zu schöpfen.
   Einer Punkerin hätte ich geraten, den Mund zu halten und kein Sterbenswörtchen zu den Bullen zu sagen. Doch meine Schwester war eine harmlose Bankangestellte. Sollte sie den Bullen doch sagen, dass sie zur Tatzeit Bilanzen aufgestellt hatte oder was immer sie da trieb. Sie sollte einfach so harmlos auftreten, wie sie in Wirklichkeit war.
   „Ja, du erzählst wahrheitsgemäß, was du weißt. Und so schnell du kannst, kommst du nach Hause. Dann beruhigst du dich erst mal“, redete ich auf sie ein. 
   „Okay. Mach ich.“ Sie klang etwas ruhiger. Im Hintergrund hörte ich Stimmen durch den Hörer. Silvia legte auf, ohne sich zu verabschieden.
   Ich rannte die Treppe runter in Freyas Kanzlei. Ohne auf die Trine zu achten, riss ich die Bürotür auf. Freya war nicht da.
   „Freya ist nicht da“, sagte die Trine hinter mir.
   „Seh ich doch“, fuhr ich sie an. „Ist sie bei Gericht?“
   „Shoppen“, sagte die Trine und blätterte mit sorgsam gefeilten und lackierten Fingernägeln eine Seite in ihrem Modemagazin um.
   Shoppen? Meines Wissens hatte Freya bisher ihre Einkäufe zeitsparend im Internet erledigt. Bei ihrer Top-Figur passte sie problemlos in die Normgrößen. Jetzt ging sie shoppen? Neues Hobby, oder was?
   Die Trine hatte einen gigantischen Ventilator mit Standfuß vor ihrem Schreibtisch aufgebaut, der ihr mit einem floppenden Geräusch Luft zufächelte. Allein dieses „flopp, flopp“ den ganzen Tag würde mich wahnsinnig machen. Da fiel mir ein, dass ich noch ein Wörtchen mit der Trine zu reden hatte.
   Ich baute mich vor ihr auf und stützte meine Hände auf den Schreibtisch. Als ich mich vorbeugte, rollte sie mit ihrem Bürostuhl ängstlich nach hinten.
   „Du hast meine Adresse rausgegeben“, stellte ich fest. Meine Stimme klang so finster wie meine Gedanken.
   Die Trine rollte noch weiter nach hinten, bis sie mit der Rückenlehne an die Wand stieß. „Ja, da hat jemand angerufen, aber das war doch deine Schwester.“ Ihre Stimme war eine ganze Tonlage hoch gerutscht. Die Trine war als Sekretärin völlig unfähig, gehörte aber zu Freyas menschlichen Rettungsprojekten.
   „Meine Privatadresse wird nicht herausgegeben“, sagte ich. „Ich habe übrigens keine Schwester.“ Da sollte sie mal dran knapsen. Ich rauschte raus und stapfte die Treppe hoch.
   Hier saß ich wieder in meinem Büro und starrte auf die Fotos auf meinem Bildschirm. Eine kleine Erpressung wäre sicher auch drin. Wie viel Schrader wohl zahlen würde, um seinen Telekom-Job zu retten? Ich schlug in der Kopie der Personalakte nach. Enttäuschend, er war Pförtner. Wahrscheinlich saß er Wechselschichten in irgendeinem Pförtnerhäuschen ab und kam mit dem Lohn nicht über die Runden. Wenn sein Kumpel ihm für die schweißtreibende Plackerei mit den Pflastersteinen einen Fuffi zugesteckt hatte, wäre das eine willkommene Aufbesserung seines Lohns gewesen.
   Ich öffnete eine neue Datei und tippte Schraders Namen und Adresse ein. Dann erfand ich ein Observationsprotokoll, nachdem er gegen 13 Uhr zum Kiosk gehumpelt war, um ein Päckchen Zigaretten zu kaufen, und ansonsten das Haus nicht verlassen hatte. Statt einem rechnete ich drei Tage ab. So rettete ich Schraders Job und meinen Kontostand.
   Angeekelt betrachtete ich die lange Liste, die Meier geschickt hatte. Alles Leute mit langen Krankenständen und Fehlzeiten, die ich überprüfen sollte. Für heute hatte ich eigentlich genug getan. Das Büro hier unter dem Dach heizte sich immer mehr auf. Das Gewitter gestern Abend hatte nur vorübergehend Abkühlung gebracht. Ich zog die Jalousie noch ein Stück runter, packte meine Sachen und ging.
   Unten wäre ich fast mit Freya zusammen gestoßen, die mit Schwung zur Tür reinkam. Sie war beladen mit einigen großen Tüten, auffällig mit Markennamen bedruckt.
   Ich zog neugierig an der größten Tüte, die riesige Schnörkelbuchstaben in rosa trug. „Was hast du denn gekauft? Zeig mal her.“
   Freya klappte die Tüte kurz auf, machte sie aber sofort wieder zu. „Brauchte unbedingt neue Unterwäsche“, murmelte sie.
   Worauf ich einen kurzen Blick erhascht hatte, fiel mehr unter die Kategorie "Dessous". Irgendwas Dunkelgrünes mit viel Spitze hatte aus der Tüte hervor geblitzt.
   Was hatte Freya vor? Wollte sie endlich Pit eine Chance geben, der seit Jahren um sie rumscharwenzelte?
   Freya schob die Tüten schnell in eine Ecke neben ihrem Bürostuhl, so dass ich nicht reingucken konnte. „Ich muss arbeiten“, quetschte sie hervor und schloss die Tür vor meiner Nase. Ich war sicher, dass sie ungestört sein wollte, um ihre neuen Eroberungen anzuprobieren.


Kapitel 4

Silvia schleppte sich zur Tür rein. Stöhnend ließ sie sich auf einen Stuhl fallen. Ihre Augen waren verheult, vom Make-up war so gut wie nichts mehr übrig und die Frisur verstrubbelt.
   „Jetzt entspann dich erst mal“, war das Beste, was mir einfiel.
   Kaum hatte sie sich gesetzt, klingelte es an der Haustür. Ich schaute Silvia an. Hatte sie etwa jemanden in meine Wohnung eingeladen? Sie zuckte die Schultern. Ich drückte den Öffner, ging ins Treppenhaus und starrte nach unten. Schwere Schritte näherten sich langsam. Schließlich sah ich etwas Rotes aufleuchten. Das entpuppte sich als ein prächtiger Irokesenkamm auf einem ansonsten kahlgeschorenen Schädel.
   „Wombel!“ Mein Punkerkumpel aus Hamburg schnaufte die Treppe hoch. Trotz der Hitze trug er wie gewohnt Springerstiefel. Auch den Seesack, sein übliches Reisegepäck, schleppte er die Treppe hoch.
   „Hi Sandy!“ Er drückte mich an sich. Ich fühlte, dass sein T-Shirt durchgeschwitzt war. Er roch nach Bier.
   Dann hielt er mich auf Armlänge von sich. „Gut siehst du aus!“
   Wenn er Süßholz raspelte, wollte er garantiert was von mir. Damit hielt er denn auch nicht lange hinter dem Berg: „Kann ich ein paar Tage bei dir bleiben? Ich hab beruflich in Frankfurt zu tun.“
   Das konnte ja lustig werden. Ganz schön eng mit drei Leuten in der Bude. Ich sagte erst mal gar nichts.
   Irgendwas stimmte nicht mit Wombel. Ich musterte ihn kritisch. Auch Silvia starrte ihn an. Vermutlich hatte sie noch nie einen Punker aus der Nähe gesehen, schon gar nicht so einen riesigen. Wombel könnte als Prototyp des Deutschen in jedem Kinofilm auftreten. Er war groß und breitschultrig, hatte blaue Augen. Wahrscheinlich war er auch naturblond, doch ich kannte ihn nur mit dem roten Irokesen auf dem Schädel. Trotzdem, irgendwie sah er anders aus als sonst. Bei der Hitze trug er keine Lederjacke, dafür ein T-Shirt und eine Jeans. Das war's! Die Jeans war nagelneu, das T-Shirt schlicht schwarz ohne Aufdruck, sauber und anscheinend ebenfalls neu.
   „Willst du auch Karriere machen in Frankfurt?“
   Wombel wusste genau, dass ich auf seine Kleidung anspielte. Er wand sich. „Muss doch meinem Sohn ein Vorbild sein.“
   Fast hätte ich laut gelacht. Wombels Sohn Anton war gerade mal ein paar Monate alt. Dem waren Wombels Klamotten total egal. Zudem wurde er von einem Lesbenpaar aufgezogen, das Wombel ohne dessen Wissen als Samenspender missbraucht hatte. Eine der Lesben hatte ihn verführt, als er im Vollrausch war. Wombel hatte von ihrer Schwangerschaft als letzter erfahren. Jetzt ging er in der Vaterrolle auf?
   „Wer ist das eigentlich?“ Er nickte in Richtung Silvia. Ohne Zweifel wollte er das Thema wechseln.
   „Meine Schwester“, quetschte ich hervor.
   „Mein Name ist Silvia“, sagte Silvia und streckte Wombel ihre Hand hin.
   „Äh, Wombel“, sagte dieser und schlug herzhaft ein.
   Durch Zufall hatte ich mal erfahren, dass er eigentlich Sven hieß, aber inzwischen erinnerte er sich wohl nicht mal selbst an diesen Namen.
   Wombel blickte zwischen Silvia und mir hin und her. „Hätte ich merken sollen, ihr seht euch ähnlich.“
   Das traf mich. Wo bitte sah ich meiner Schwester ähnlich? Gut, wir waren beide eher klein und von zierlicher Statur, aber sonst ... Silvia hatte sich mit Make-up zugespachtelt, ihre Haare blondiert und anscheinend stets auf ihre Figur geachtet. Ich hingegen hatte ausgebleichtes Kurzhaar, schminkte mich nicht und setzte einen kleinen Rettungsring über der Hüfte an. Kam wohl vom vielen Bier. Wombel hatte eindeutig einen Knick in der Optik, wenn er uns ähnlich fand...

Ende der Leseprobe

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Mischa Bach

Leseprobe aus "Altes Geld"


Prolog

Niemand entkommt der eigenen Vergangenheit, jedenfalls nicht lebend. Sie ist immer da, bleibt ein Teil von uns wie Akne, Leberflecken, Cellulite, zu schmale Schultern, zu große Ohren und was einen Menschen noch alles an sich stören mag. Kosmetiker und plastische Chirurgen werden das bestreiten, doch selbst nach gelungener Verschönerung bleibt in uns das Wissen um die hässlichere Vergangenheit. Natürlich können wir die Erinnerung ignorieren, verdrängen, verarbeiten oder schönen, aber das ändert nichts. So entstehen höchstens weitere Varianten und Deutungen und letztlich immer mehr Vergangenheiten, denen man nicht entrinnt, jedenfalls nicht in diesem Leben.
     Sam war sich all dessen bewusst, und doch traf es sie vollkommen unvorbereitet, als sich ihre Vergangenheit in Gestalt eines unscheinbaren Briefes in ihre Gegenwart drängte. Zuerst fiel er ihr nicht weiter auf, denn er steckte zwischen einer beachtlichen Zahl weiterer Umschläge in ihrem Postfach. Sam besaß zwar wie die meisten Menschen im Deutschland des 21. Jahrhunderts einen Computer mit DSL-Anschluss und ein Notebook mit mobilem Internet, dazu mehrere E-Mail-Adressen und zwei Handys, von denen theoretisch eines für die Arbeit, das andere für private Zwecke gedacht war, und doch war es ihr nie in den Sinn gekommen, das Postfach aufzugeben. Selbst im Zeitalter von Facebook und Twitter nutzten eine Menge Menschen die papierne, gegenständliche Form der Kommunikation. Handgeschriebene Fanpost (für Liebesbriefe war Swantje Andrea Meyer alias Sam nicht der Typ) fand sich hier ebenso wie Verträge oder Recherchematerial. Selbst ihre Familie schickte Geburtstags- und Weihnachtspost ans Postfach – dank Weitersendung bzw. dank Redaktionsassistenten und Kurierdiensten konnte man sicher sein, dass Nachrichten sie so erreichten, ob sie nun zuhause arbeitete, auf Recherchereise war oder sich in das kleine Häuschen in der Nähe von Emden zurückgezogen hatte, das ihr eine Großtante vermacht hatte.
     Den Brief, der die Lawine aus der Vergangenheit lostrat, holte Sam persönlich ab. Sie hatte die Fahnenkorrektur ihres neuesten Sachbuchs – ein Beziehungsratgeber – erledigt, aber keine passenden Briefmarken für die Rücksendung zur Hand. Also musste sie zur Post. Anschließend würde sie sich ein paar Tage freinehmen und ins „Tantenhaus“ fahren. Sie brauchte Abstand, hatte einiges zu entscheiden: Würde sie die langweilige, aber regelmäßig bezahlte Artikelserie für ein Fachblatt annehmen, sich wieder mehr auf Nachrichtenmagazine stürzen oder doch dem Rat ihrer Agentin folgen, und gleich das nächste Buch hinterherschieben? Sören würde sie nicht mit nach Emden nehmen. Er war ihr bereits zu sehr auf die Pelle gerückt. Vielleicht sollte sie ihn heute Abend versetzen, und sehen, ob er die Drohung wahrmachen würde, sie dann zu verlassen? Über all das dachte sie nach, als sie ihr Postfach öffnete, die Briefe herausnahm, das Fach wieder schloss und zum Ausgang gehend die Umschläge durchblätterte. Dann sah sie die exotischen Briefmarken und die norwegische Adresse, aber die Handschrift war die falsche, und da wusste sie, dass sie diesen Brief unbedingt lesen musste.
     Danach war es, als hätte ein mächtiger Strudel sie erfasst. Sie wusste, sie musste etwas tun; sie wusste bloß nicht, was. Sie wehrte sich gegen den Ansturm der Vergangenheit, wollte sich nicht zurückzwingen lassen in die letzten Sommerferien ihres Lebens. Sam hasste große Gefühle, und die ihrer Jugend hasste sie am allermeisten. Dennoch – Pauls Nachricht hatte das Schleusentor geöffnet, und es stand zu befürchten, dass sie nicht die einzige war, der es so erging.
     Max' Nummer fand sie rasch. Er lebte als einziger von ihnen noch immer in Leer. „Niemand da. Falls Sie Silvia oder Lisa Kleppner suchen, die sind hier nicht mehr. Falls Sie Kommissar Max Kleppner sprechen wollen und das nicht bis zum nächsten, verdammten Dienstbeginn warten kann, legen Sie halt nach dem dämlichen Piepton los. Vielleicht ruf ich sogar zurück.“
      Betrunken und aggressiv klang Max' Anrufbeantworterstimme. Dennoch hinterließ Sam ihre Nachricht nebst Nummer. Thomas anzurufen kam nicht in Frage. Nicht nach Pauls Nachricht und nicht ohne vorher mit Max gesprochen zu haben. Einfach loszustürmen, nach Leer zu fahren, wo sie seit über zwanzig Jahren nicht mehr gewesen war, das würde sie nicht weiterbringen. Also tat sie das, was sie sonst auch machte: Sie nutzte das Internet, um sich aus der Distanz ein erstes, eigenes Bild zu machen.


Verleger nach Fenstersturz verletzt im Krankenhaus

Emden. Thomas Timmermann, langjähriger Verleger unserer Zeitungen, verletzte sich beim Sturz aus dem Fenster seines Büros im Emdener Verlagshaus schwer. Sein Angreifer liegt mit Kopfverletzungen im Koma. Die Hintergründe der Tat sind noch weitgehend unklar.Der mutmaßliche Täter hatte sich am Tatabend mit einem Polizeiausweis Zutritt zum Redaktionsgebäude und zum Büro des Verlegers verschafft. Dort kam es zu einem Streit, in dessen Folge die beiden Männer durchs Fenster aus dem dritten Stock stürzten.
   Der Verleger Thomas Timmermann erlitt nach Angaben der Ärzte multiple, teils komplizierte Knochenbrüche sowie eine schwere Gehirnerschütterung. Seine Prognose ist gut; die Polizei rechnet damit, ihn in den nächsten Tagen zum Tathergang befragen zu können.  Der Angreifer musste aufgrund seiner schweren Kopfverletzungen in ein künstliches Koma versetzt werden. Ob er daraus erwachen wird, gilt als ungewiss.
   Inzwischen gilt als sicher, dass es sich beim Täter tatsächlich um einen Polizisten handelt: Kriminaloberkommissar Max K., der laut Kollegen das Scheitern von Karriere und Ehe mit Alkohol kompensiert haben soll, war bereits vor einigen Monaten in den Innendienst versetzt worden. Als mögliches Tatmotiv gilt Eifersucht, da seine getrennt lebende Ehefrau als freiberufliche Fotografin u.a. mit Thomas Timmermann zusammenarbeitete. Das ist die einzig bekannte Verbindung zwischen mutmaßlichem Täter und Opfer.

Den Rest des Artikels sparte sich Sam. Sie hatte genug damit zu tun, sich selbst zu fassen. Jahrelang hatte sie nicht an die anderen vier gedacht, stets hatte sie die Erinnerung an ihren letzten, gemeinsamen Sommer gemieden. Und nun erschütterte sie der Gedanke, mit einem Mal womöglich die letzte zu sein, die noch die Wahl  hatte, wie sie sich zu ihrer aller Vergangenheit stellen wollte. Weiter zu verdrängen oder schlicht an der offiziellen Version festzuhalten, war jetzt jedenfalls nicht mehr drin.


Erstes Kapitel: Von schlechten Enden, guten Anfängen und allem dazwischen

1

„Jetzt liegt das Leben vor euch wie eine weite Landschaft voller Möglichkeiten aber auch Gefahren. Eine wichtige Hürde habt ihr genommen, eine Hürde, die zugleich einen Türöffner, eine Eintrittskarte ins Erwachsenenleben darstellt. Das Abitur lässt euch jede Wahl – Lehrberuf oder Studium, oder doch erst einmal ein Praktikum, ein soziales Jahr? Was immer ihr euch erträumt habt, jetzt ist die Zeit gekommen, es wahr werden zu lassen.“
     Schuldirektor Dr. Streler blätterte eine weitere maschinengeschriebene Seite seiner Ansprache an die Abiturienten des Jahres 1984 um und ließ seinen Blick übers Dunkel des Auditoriums schweifen. Eine rein rhetorische Geste, denn das grelle Licht der auf das Rednerpult gerichteten Scheinwerfer verhinderte, dass er irgendjemand dort unten erkennen konnte. Auch nicht die beiden Schüler, die aus einer der letzten Stuhlreihen aufsprangen und eilig zum Ausgang stolperten.
     Die Flüchtenden öffneten die Tür. Kurz waren im Gegenlicht zwei Gestalten zu sehen: Die kleinere schob die große, schlaksige, die merkwürdig gekrümmt lief, vor sich her aus dem Saal. Dr. Streler nahm das vorletzte Blatt seiner Rede zur Hand, da drehte sich die zierliche Gestalt noch einmal um und rief in den Saal hinein: „Lasst euch nicht stören. Bis nächstes Jahr!“ Und schon war sie durch die Tür verschwunden, die hinter ihr ins Schloss fiel.

2

Sam trocknete sich die Hände ab und schaute besorgt in den Spiegel über dem Waschbecken. Dass sie selbst übernächtigt aussah, interessierte nicht. Vielmehr beunruhigte sie, was im Verschlag gleich neben der Eingangstür der Herrentoilette passierte. Von dort kamen heftig würgende Geräusche.
     „Max?“, fragte Sam und strich sich eine dunkle Strähne aus dem Gesicht. Keine Reaktion, jedenfalls war im Spiegel keine zu sehen. Das Würgen, das nun wieder zu hören waren, verhieß nichts Gutes. Sie drehte sich um, schaute direkt zum Verschlag bei der Tür: „Max?!“
     „Orrrchhh.“ Sam reichte es jetzt. Mit der Linken riss sie Papiertücher aus dem Spender an der Wand. Drei, vier eilige Schritte, eine energische Bewegung des rechten Arms, die angelehnte Tür flog auf und sie stand im Verschlag, gleich hinter Max, der am Boden kniete und den spärlichen Restinhalt seines Magens in die Kloschüssel kotzte. Sie legte ihre Rechte beruhigend in seinen schweißkalten Nacken, und hielt ihm mit der Linken die Papiertücher vor die Nase.
     „Hier.“
     Er schnäuzte sich, wischte sich den Mund ab, spuckte noch einmal kräftig ins Klo. Bereits in dem Sekundenbruchteil, bevor er aus der Hocke hochkam und die Spülung betätigte, war Sam einen Schritt zurückgetreten. Wie ein Pas des deux wirkten ihrer beider Bewegungen. Sogar auf dem Klo agierten sie als eingespieltes Paar.
     „Danke“, murmelte er.
     „Da nicht für“, antwortete sie, während sie in ihrer Umhängetasche kramte. „Ich hab doch gesagt, ist 'ne Scheißidee, heute hierher zu kommen.“ Sie reichte ihm die kleine Feldflasche aus ihrer Tasche. „Keine Angst. Das ist nur Wasser. Nichts sonst.“
     Dennoch schnupperte Max vorsichtig an der Flasche. Alkohol egal in welcher Form wäre das letzte gewesen, das er jetzt vertragen hätte. Allein bei dem Gedanken –
     „Denk nicht dran“, sagte Sam, „trink. Du brauchst das. Du brauchst jede Menge Wasser. Und dann sollten wir hier verschwinden.“
     Max trank, gab ihr die Flasche zurück. „Lass uns wieder reingehen“, sagte er, während er sich die Hände wusch. Seinem eigenen Blick im Spiegel wich er aus. Er hielt sich für hässlich, alles an ihm war zu groß, zu lang, ungeschlacht – Nase, Ohren, breiter Mund, Arme, Beine, ganz egal welches Körperteil, sie passten alle nicht zusammen.
     „Quatsch“, sagte Sam, „wozu soll das gut sein? Den Abgang haben ohnehin alle mitbekommen. Und Doc Streler wird sicher nicht entzückt sein, wenn wir seine Rede ein zweites Mal stören. Wem willst du was beweisen?“
     „Ich kann doch Gesa und Paul nicht allein lassen.“ Max wischte sich die Hände an der Jeans ab, und entdeckte, dass auf seinem Oberschenkel etwas klebte, das aus seinem Magen stammte. Sam sah, was er sah, riss eine handvoll Papiertücher ab und machte sie feucht. Er wollte abwehren, doch sie rubbelte bereits an dem Fleck herum. Als sie sich hinhockte, um besser sehen zu können, was sie da tat, öffnete sich die Tür hinter ihr. Ein feingemachter Schüler aus der Mittelstufe, der kleine Bruder eines Abiturienten wohl, erstarrte auf der Schwelle.
     „Oh, äh, Entschuldigung, ähm …“, stotterte es in Sams Rücken. Max blickte auf, als sich der Junge umdrehte und aus der Tür stürmte.
     „Was war denn das?“, Sam schaute hoch zu Max. Der grinste und strich ihr übers Haar.
     „Nicht aufhören, mach weiter“, antwortete er, und seine vom Würgen raue Stimme verlieh dem Ganzen erotische Glaubwürdigkeit. „Ja, genauso. Du machst das verdammt gut.“ Sam stutzte, sah auf das feuchte Papier, dann auf den ebenso feuchten Fleck an Max' Hosenbein nur Zentimeter neben dessen Schritt. Sie kam langsam aus der Hocke hoch, blieb dicht an seinem Körper. Schließlich stand sie eng an ihn geschmiegt auf Zehenspitzen und hauchte ihm ins Ohr: „Nicht nötig. Du bist schon fertig, mein Lieber. Lass uns gehen. Ich brauch 'nen Kaffee. Allein mit dir, okay?“
     Sie stieß sich von ihm ab, machte einen Schritt zurück, ließ ihn aber nicht aus den Augen. Das feuchte, verschmutzte Papierknäuel flog in den – nein, nur in Richtung Mülleimer, neben dem es am Boden landete. Max wollte sich danach bücken, aber sie hatte ihn schon wieder fest im Griff: Mit beiden Händen zog sie sein Hemd – ein gutes, weißes, sogar zuvor gebügeltes, als gelte es, ein Abitur zu feiern, und nicht die Folgen des Durchfallens zu verdauen – aus dem Hosenbund und strich es glatt. Das funktionierte nur bedingt. Leinen war nicht für Kotzorgien gemacht.
     „Och nee“, murmelte Max. „Ist doch alles Scheiße.“
     „Stimmt“, gab Sam ihm recht, „Ist eine Sache, das Abi zu verhauen. Dumm gelaufen, kann vorkommen, haut die meisten nicht nur raus, sondern gleich ein ganzes Jahr zurück. Du hast Schwein, Doc Streler mag dich oder hat ein Einsehen oder was auch immer, jedenfalls kriegst du deine zweite Chance fristgerecht im Herbst. Aber sich Hier und Jetzt die Feierei und all das Gewäsch und Getue zu geben, das brauchst du echt nicht. Lass uns endlich abhauen.“
     „Und Gesa und Paul und die andern?“
     „Die kommen schon klar. Und wissen, wo sie uns finden.“

3

Bis zu dem Moment, als Sam sich in den Vordergrund drängte, hatte Gesa in der ersten Reihe vor sich hin gedöst. Zum einen war sie vom Alkohol der letzten Nächte benebelt, zum anderen war Schlaf das beste aller Heilmittel. Wenn sie schlief, musste sie nicht nachdenken. Dann spielte es keine Rolle, wie peinlich es war, hier vorne neben zwei leeren Stühlen zu sitzen.
     Immerhin war Großvater Janssen gekommen, sonst wäre sie ganz allein gewesen.
     Nicht, dass das Datum der offiziellen Abiturfeier erst kurzfristig bekannt gegeben worden wäre oder die Gefahr bestanden hätte, dass es zwischen all den Festakten zum 400jährigen Jubiläum des UEG unterging. Belächelt von Sam und ihren Freunden hatte Gesa bereits vor Monaten das Datum auf dem 'Familienterminplaner' neben der Garderobe eingetragen. Damals hatte dort nichts von einem Arzttermin ihrer Mutter gestanden. Als ob die Besprechung der neuen Implantate – oder ging es um die Straffung des Dekolletés? - nicht an einem anderen Tag oder wenigstens zu einer anderen Zeit hätte statt finden können. Dass ihr Vater ein 'Mandantengespräch' hatte, konnte nur heißen, er trank wieder. Sonst hätte Großvater Janssen dafür gesorgt, dass sein ungeliebter Schwiegersohn und Nachfolger neben seiner Enkelin gesessen hätte. Der alte Rechtsanwalt Janssen wusste, was sich gehörte. Leider war es ihm nicht gelungen, das seiner einzigen Tochter beizubringen – und deren Gatte schien der Ansicht zu sein, wer einen Adelstitel hat, ist zu nichts sonst verpflichtet.
     Dennoch hatte Gesa gehofft, wenigstens ein Elternteil wäre bei der Abschlussfeier an ihrer Seite. Morgens war keiner der beiden zuhause gewesen. Das musste nichts heißen. Es hätte sein können, dass ihre Mutter Meta im Fitnessstudio oder bei der Kosmetikerin war. Womöglich wollte sie für den großen Tag ihrer Tochter – das war so eine Abschlussfeier doch selbst für mittelmäßige Schüler – besonders hübsch oder fit sein? Dass das Bett ihres Vaters unbenutzt aussah, sagte nicht viel. Das Hausmädchen kam stets früh, allein damit Gesa Kaffee und Brote bekam. Stand zwischendrin wer auf, machte diese Perle bei nächster Gelegenheit das dazugehörige Bett. Schwer zu sagen, ob ihr Vater früh in den Golfclub geflüchtet oder gar nicht erst nach Hause gekommen war. Keine Ahnung, wo und bei wem er zur Zeit übernachten könnte. Seiner Tochter band er das nicht auf die Nase. Vater-Tochter-Gespräche bei den von Thalsmoors beschränkten sich auf im Rausgehen hingeworfene Bemerkungen à la „Ich muss los. Wenn du was brauchst, Geld ist in der Dose.“ 
     Verstohlen sah sich Gesa um. Um sie herum saßen feingemachte Streber und brave Schülerinnen samt stolzen Familien. Auch Gesa war sauber und ordentlich gekleidet. Das Hausmädchen hatte ihr eine neue Leinenhose, ein frisch gebügeltes Hemd und eine passende Weste statt Jeans und T-Shirt hingelegt. Tomke, pastellgewandet und mit reichlich Haarfestiger in den künstlichen Locken, lächelte Gesa mitleidig an, die ihr am liebsten die Zunge rausgestreckt hätte. Sie ärgerte sich, dass sie das Angebot von Thomas' Familie abgelehnt hatte. Die hätten sich freigenommen, um mit zur Feier zu kommen. Aber sie war zu stolz gewesen – und dann hatte sie kalte Füße bekommen und selbst Thomas ausgeladen. Sie wollte nicht, dass irgendwer, der ihr etwas bedeutete, sah, wie verloren sie hier hockte, nur darauf wartend, dass endlich alles vorbei wäre. Vorbei. Wie die Schule und ihr ganzes bisheriges Leben. Vorbei. Denn: Wie und wohin sollte es schon weitergehen?
     Ihr Großvater blickte sie aufmunternd an, sie schaute verwundert zurück. Dann hörte sie Dr. Streler von der Bühne ihren Namen sagen, fragend, als sei es nicht zum ersten Mal: „Gesa von Thalsmoor?“

4

„Schön, dass Sie doch noch zu mir heraufkommen“, sagte Dr. Streler. Gesa erklomm die Bühne und trat ins Scheinwerferlicht. Paul sah sofort, wie unwohl sie sich fühlte. Die nach vorn gerollten, hängenden Schultern, zwischen denen Gesas Kopf sich zu verstecken suchte, der gesenkte Blick, der schlurfende Gang – als wollte sie unterm Licht wegtauchen. Vielleicht hätte Gesa schwarz tragen sollen, um mit dem Dunkel hinter den Scheinwerfern zu verschwimmen? Aber Gesa hatte sich wie immer in undefinierbares Graublau gehüllt. Da half es wenig, dass ihre Kleidung heute nicht so sackartig war wie sonst, und dass Hemd, Hose und Weste aufeinander abgestimmt und sicher teuer gewesen waren. Vermutete Paul, denn von Mode verstand er so viel wie von Menschen. Doch bei seiner Ex-Stiefmutter hatte er gelernt, je eigentümlicher ein Kleidungsstück aussah, je weniger man von seiner Funktion erkannte, um so wertvoller war es dem Kenner – und als Laie, als Mann sollte man dann tunlichst keine dummen Bemerkungen machen.
     Doch mit all dem hatten die Zurufe, die ihn aus seinen Gedanken rissen, nichts zu tun: „Schau her, Gesa, schau auf, hoch mit dem Kopf! Du hast es geschafft!“, rief ihr Großvater und zückte seine Kamera. Paul schloss die Augen, als gelte das Blitzlichtgewitter ihm. Am liebsten wäre er im Boden versunken oder abgehauen wie Sam und Max. Schlecht vor Angst war ihm bereits, denn auch er würde gleich auf die Bühne müssen.
     Dass er, Paul Petersen, zu den besten drei gehören würde, war klar. Sonst hätte er ja bereits vier Buchstaben vor Gesa sein Zeugnis erhalten. Er konnte nur hoffen, dass Wudtke, der Streber aus dem Parallelkurs, besser abgeschnitten hatte als er. Sonst würde man von ihm die Rede des Jahrgangsbesten erwarten. Das ginge gar nicht. Er hatte es probiert, sein Vater hatte darauf bestanden. Es müsse nichts besonderes sein, hatte der Ingenieur Petersen seinem hochbegabten Sohn am Abend zuvor gesagt, er sei Mathematiker und Naturwissenschaftler, da erwarte keiner geschliffene Redewendungen, spritzige Bonmots oder dergleichen. Dennoch, vielleicht gäbe es das eine oder andere, das er seinen Mitschülern, seinen Lehrern, den versammelten Eltern sagen wolle?
     Das erschien Paul verrückt. Er konnte sich nicht ausdrücken, nicht mit Worten und schon gar nicht gegenüber mehr oder weniger Fremden. Seine Sprache war die Mathematik, was er zu erzählen hatte, waren seine Experimente. Was hatte er mit anderen Menschen zu schaffen? Okay, da waren Max und Sam und Gesa und Thomas. Aber die waren seine Freunde, weil er ihnen nichts zu sagen brauchte. Natürlich war er nicht stumm, wenn er mit ihnen zusammen war. Er sagte durchaus Dinge wie „Gib mal 'n Bier“, „Meine Papers sind alle“ oder „Will noch wer wissen, was passiert, wenn man eine Tomate in die Mikrowelle steckt?“
     Manchmal wurde es auch mehr, denn wenn ihm Max und Sam oder alle zusammen bei einem aufwändigeren Experiment halfen, musste man sich miteinander verständigen. Alles andere wäre angesichts der oftmals explosiven Natur dieser Unterfangen fahrlässig. Außerdem machte es Sinn, bei wissenschaftlichen Experimenten methodisch und nachvollziehbar vorzugehen, was wiederum bedeutete, sobald mehrere Menschen zugange waren, mussten Handlungen wie Beobachtungen und die Reihenfolge der Dinge abgesprochen werden. Ansonsten wäre der Erkenntniswert für die Katz.
     Wäre das ein Thema für die Bühne, sollte es zum Äußersten kommen? Nur, er wusste doch, die meisten seiner Mitschüler interessierten sich schon im nüchternen und ausgeschlafenen Zustand nicht für die Fragen, die ihn umtrieben. Obendrein waren viele dieser Fragen verboten: Wie stellt man aus Mutterkorn LSD her? Was ist das optimale Mischungsverhältnis von Unkrautex und Puderzucker bzw. welche verschiedene Optima gab es je nach zu sprengendem Material, je nach gewünschtem Effekt? Was müsste man Haschisch oder anderen THC-haltigen Substanzen beimischen, um den verräterischen Geruch zu neutralisieren? Wieso löste Psyllocibin nicht nur Halluzinationen aus, sondern darüber hinaus Migränen auf, wie Sam glaubwürdig versicherte?
     Manchmal kam es Paul vor, als wollten die Menschen ausgerechnet den Moment der Schöpfung konservieren, in dem Gott Eva und Adam im Paradies den Rücken gekehrt hat, nur, um sich noch einmal unvermutet umzudrehen wie Columbo: „Übrigens, da ist diese eine Sache, die mit dem Baum der Erkenntnis ...“ Was sollte das? Man konnte doch die Erkenntnis, das Fragen und Denken an sich nicht verbieten! Spätestens, seit Darwin gezeigt hatte, was es mit der Schöpfung wirklich auf sich hatte, hätten die Menschen das begreifen müssen. Dabei ging es Paul nicht mal um Gott. Er wusste nicht, ob es den gab. Gott war wissenschaftlichen Fragen und Experimenten nicht zugänglich, wenn er existierte, tat er das außerhalb Pauls Sphäre. Nein, wenn es Gott gab, war es mit ihm ähnlich wie mit den Menschen. Da ging es um unlogische Dinge, da war nichts berechenbar und es gab stets zu viele Variablen. Das war nichts für Paul. Und deshalb gab es nichts, was er seinen nun ehemaligen Mitschülern und deren Familien sagen wollte. Oder doch?
     Denn nun rief Dr. Streler ihn auf die Bühne. Mist, Streber Wudtke stand schon dort oben, mit angesäuerter Miene. Der Blödmann hatte es also nicht geschafft, mit Schleimerei und sturer Paukerei auch nur einen Punkt besser zu sein als er. Nicht mal auf Konkurrenz und Feindschaft konnte man sich verlassen.
     Paul gab sich einen Ruck und stand auf. Dummerweise hatte er sich mitten in die Reihe gesetzt, musste also an seinem stolzen Vater, seiner nicht minder stolzen Mutter Elsie samt derzeit aktueller Lebensgefährtin und schließlich an seiner Ex-Stiefmutter Beret mit Bertie, seinem heißgeliebten Halbbruder vorbei. „Paulepaulepaule“, brabbelte der Vierjährige fröhlich und grinste übers trisomie-21-bedingte Mondgesicht, während er sich an seinen Bruder hing. Beret wollte ihn davon abhalten, aber Paul schüttelte den Kopf und nahm die Hand des Kleinen. Vielleicht hatte der Junge ja der Welt oder doch den Menschen in der Aula des Ubbo-Emmius-Gymnasiums etwas zu sagen?

5

„Danke, ja, also danke, Dr. Streber äh Streler“, sagte Paul. Der Direktor entwand seinem Primus die Hand und wollte ihm das glänzende Zeugnis reichen. Doch er hatte die Rechnung ohne Bertie gemacht. Der kleine Junge mochte an einen Mini-Buddha erinnern, aber das täuschte. Bevor es irgendwer begriff, grapschte der Kleine nach dem Papier und rief fröhlich: „Pflugzeug!“ Ratsch. Mitten durch riss das Zeugnis der Hochschulreife. Der Direktor, in der Linken noch das halbe beste Abitur 1984 haltend, bekam einen roten Kopf. Ob aus Wut, weil das alles so gar nicht dem feierlichen Anlass angemessen war, oder Peinlichkeit, weil man auf ein behindertes Kind nicht wütend sein durfte, war schwer zu sagen.
     „Ja, ähm, also Herr Petersen, das tut mir jetzt aber leid“, setzte er an, „Sie bekommen natürlich ein neues, ein ganzes  Zeugnis.“ Paul hockte sich derweil neben Bertie und bot ihm einen Tausch an: Ein ganzer Einladungsflyer zur Abiparty - nur leicht verknittert, da aus der Hosentasche gezogen - gegen die Hälfte des Zeugnisses. Sekunden später spielte Bertie zufrieden mit seinem neuen „Pflugzeug“, Paul stand auf und schüttelte den Kopf.
     „Wieso denn? So bleibt's eine echte Erinnerung an diesen Tag. Und daran, was wichtig ist in der Schule wie im Rest vom Leben: Die Erfahrungen selbst zählen, nicht die Papiere, die sie bescheinigen.“ So fing Pauls Rede an, noch bevor er wusste, dass er sie halten würde.
     Thomas, der im Dunkel zwischen Tür und Rückwand der Aula stand, grinste in sich hinein. Hoffentlich würde Paul heute auf illegale Themen und allzu exzentrische Herangehensweisen verzichten. Bei der mündlichen Verteidigung seiner Kriegsdienstverweigerung hatte Paul so wildes Zeug geredet, dass er selbst befürchtet hatte, das war es mit seinem Zivildienst. Aber anscheinend wollte die Bundeswehr niemand in ihren Reihen haben, der Bakunin rauf und runter zitierte, wenn er nervös wurde, und in Panik die Namen von Müttern, Stiefmüttern und mütterlichen Lebensgefährtinnen durcheinander brachte, wenn man ihn befragte, wie er diese vor bösen, fremden Soldaten beschützen wollte. Womöglich waren die Herren Offiziere auch nicht wild darauf auszuprobieren, ob die verschiedenen, aus Haushaltsmitteln herstellbaren Sprengsätze, die Paul zur Verteidigung jener geballten Weiblichkeit einsetzen wollte, tatsächlich funktionierten.
     „Das Wissen kann man nicht aufhalten, und man sollte es gar nicht versuchen. Schule ist dafür da, Lust auf mehr Wissen, auf Experimentieren und Lernen zu machen“, hörte Thomas Paul auf der Bühne sagen, „auch, wenn ich persönlich immer fand, acht Uhr morgens ist keine Zeit dafür. Das Frühaufstehen werde ich jedenfalls nicht vermissen.“ Das Publikum lachte, Paul blickte irritiert. Er brauchte einen Moment um zu begreifen, dass er die Heiterkeit ausgelöst hatte. Hätte ja sein können, dass Bertie, der zu seinen Füßen hockte und das Mikrokabel vorsichtig mit dem zusammengeknüllten Flyer streichelte, Unsinn gemacht hatte.
     Paul beugte sich runter und hob den Kleinen auf. „Und jetzt entschuldigt mich, ich hab mich um einen Bruder zu kümmern und ein Leben zu leben. Wir sehen uns heute Abend.“ Er winkte in die Runde, Bertie tat es ihm nach, und schlug mit seinem Ärmchen gegen das Mikro, das daraufhin umfiel. Bertie erschrak und begann erst zu weinen, dann zu lachen. Paul erschrak, bekam rote Ohren, und trug seinen Bruder unter Applaus und Gelächter der Anwesenden von der Bühne. Dabei stieß er fast mit Dr. Streler zusammen, der ihm zur Hilfe hatte eilen wollen, und nun verloren auf der Bühnentreppe stand. Nur Musiklehrer Martens blieb gefasst. Er schnappte sich das Mikro und schaltete es aus, während er mit der anderen Hand dem überraschten Chor das Zeichen gab, loszulegen.
     Thomas bekam davon nur noch die Hälfte mit. Als Paul von der Bühne ins Dunkel eilte, trat auch er den Rückzug an. Gesa wäre nicht glücklich, wenn sie mitbekäme, dass er entgegen ihrer Bitte hier war. Auch Paul könnte sicher auf weitere Zeugen verzichten. Rasch öffnete er die Flügeltür einen Spalt und schob sich nach draußen.
     Der Gang vor der Aula war leer. Hier reduzierte sich der mehrstimmige Gesang auf eine akustische Hintergrundwelle. Schade, denn der Chor war nicht schlecht. Thomas konnte das beurteilen, er war höchst musikalisch und brachte selbst Beachtliches mit seiner Trompete zustande. Zumindest hatte er das getan, bis die anderen Mitglieder des Jazzsextetts die Band zugunsten ihrer Abitur- und Studienvorbereitungen aufgaben, und er zeitgleich die Lust am Schulorchester verloren hatte. Musik wurde groß geschrieben am UEG, und er hätte durchaus in diesem Bereich Abitur machen können. Aber irgendwie war das nicht sein Ding. Klassik aus dem Orchestergraben, da gehörte er nicht hin, die Vorstellung hatte ihn bereits gelangweilt, bevor er den Jazz entdeckt hatte. Nur, als Jazztrompeter musste man noch besser und vor allem publikumsgeiler sein, als er es war. Er liebte die Musik, liebte es sie zu spielen, sie mit anderen zu teilen. Aber dabei angestarrt werden wollte er nicht. So ein Mensch war er nicht. Er war einer, der im Hintergrund blieb.
     Dass ihn außer Max, Paul und natürlich Gesa niemand von 1984er Abiturienten kannte, war halt so. Selbst aus seinem eigenen Jahrgang kannte ihn abgesehen von Sam niemand näher. Gewiss wussten seine Mitschüler, dass es ihn – den Sohn des Bankiers Heiner Timmermann und der Ärztin Maria – gab. Doch er selbst war nicht greifbar, sondern blieb auf Distanz, was ihm manche als Arroganz, andere als Schüchternheit auslegten, während die meisten schlicht verwundert geblickt hätten, hätte man sie nach ihrer letzten Begegnung mit Thomas Timmermann gefragt: „Thomas? Stimmt, der ist in meinem Mathe/Deutsch/Englischkurs. War der nicht auch mal im Orchester und bei diesem – wie hieß die Band nochmal?“ So war er eben. Man übersah ihn leicht. Selbst Sam und die andern … Was Sam wohl gesagt hätte, hätte man sie vor zwei oder drei Jahren nach ihm gefragt? Gut, dass Thomas sich diese Frage nicht mehr zu stellen brauchte. Seit er mit Gesa zusammen war, war er ein legitimer Teil der Freundesclique. Und doch rutschte er immer wieder in seine Beobachterrolle. Wenn er nichts zu sagen hatte, hörte er zu. Wenn er nichts zu zeigen hatte, hielt er sich im Hintergrund. 
     Rauschen riss ihn aus seinen Gedanken. In der Aula schien man sich wach klatschen zu wollen. Er sollte zusehen, dass er weiterkam. Die Frage war nur, wohin? Wo könnten Sam und Max sein – im Café Pause vielleicht? Unwahrscheinlich. Dort würde es gleich von verkaterten Abiturienten nur so wimmeln. Auf dem Friedhof am Plytenberg wäre es ruhiger. Doch bei den fünf Freunden, wie Max die verwitterten Grabsteine der Familie Randa nannte, fehlten die Wasserkästen gegen den Kater und das Klo. Wenn sie nicht nach Hause gegangen wären oder sich ein ruhiges Plätzchen für zwei gesucht hätten (was sie leugnen würden, denn Sam hatte nie Sex mit Freunden und Max war bekennender One-Night-Stand-Verächter), gab es nur einen Ort, wo sie sein konnten.


„Sie machen das gut.“
     Sam zuckte zusammen, war einen Augenblick desorientiert. Die Erinnerungen an den Tag der Abifeier sperrten sich, dem Jetzt im nüchternen Krankenzimmer Platz zu machen. Die Krankenschwester lächelte Sam aufmunternd an.
     „Ich komme mir dämlich dabei vor.“ Das war immerhin wahr.
     „Das geht vielen anfangs so. Sie werden sehen, mit der Zeit wird es leichter. Und wer weiß, was mit der Zeit noch alles wird.“
     Sam wollte protestieren, doch in diesem Moment ging im Zimmer nebenan ein Alarm los.
     „Ich muss ...!“ Damit verschwand die Krankenschwester und sie war wieder mit Max allein.
     Er lag still, machte keinen Mucks. Er hätte ein normaler Patient sein können, der sich von einer Operation erholte und nur kurz eingenickt war. Weder der Kopfverband noch der Tropf, über den sein Körper mit Nährlösung und Medikamenten versorgt wurde, wirkte spektakulär. Man musste genau hinsehen, um zu erkennen, dass seine Augen halb geöffnet, jedoch blickleer waren. Sam berührte seine Hand. Die Haut war kühl, doch der Puls war da. Das Herz pumpte Blut durch die Adern und die Lungen arbeiteten selbstständig. Wo aber war Max? Gab es ihn noch?
     Schwestern und Ärzte konnten oder wollten diese Frage nicht beantworten. Für Max' Kollegen wie auch den Staatsanwalt war die Antwort irrelevant. Thomas hatte auf eine Anzeige verzichtet. Zum Schutz der unschuldigen Familie und insbesondere seiner geschockten Fotografin, die es nur einem glücklichen Zufall verdankte, nicht in die gewalttätige Auseinandersetzung verwickelt worden zu sein, hieß es. Er wollte nach vorne schauen, sich in einer Spezialklinik seiner Genesung widmen und dann weiterarbeiten. Das hatte Sam in der Zeitung gelesen und nicht ein Wort geglaubt. Nicht nach Pauls Brief. Nicht angesichts der Zweifel: Wer wusste schon, was wirklich in einem anderen steckte? Thomas konnte sie nicht mehr trauen. Max dagegen war nicht einmal mehr ihren Fragen zugänglich, egal, was die Krankenschwestern über seinen 'Zustand' andeuten mochten.
     Bloß - in was für einem Zustand befand sich Max genau? Der gealterte Körper, dessen Falten und beginnende Geheimratsecken Sam nachhaltiger irritierten als die Wunden und Verbände, konnte unmöglich alles sein, was von ihm übrig geblieben war. Dennoch konnte sie das Gefühl nicht abschütteln, er hätte seinen Körper in dem Krankenbett versehentlich zurückgelassen, wie man bei schönem Wetter einen Regenmantel an der Garderobe vergessen mochte. Wie sollte es möglich sein, dass ihre Worte, ihr Nachdenken über den letzten, gemeinsamen Sommer vor all den Jahren, bis zu ihm oder doch dem Überrest seiner selbst durchdrangen, wie die Schwester ihr einzureden versuchte? Wahrscheinlich könnte sie genauso gut den Dialog mit dem toten Paul suchen. Tot. Paul. Auch das war unvorstellbar. Aber die Nachricht des norwegischen Nachlassverwalters war eindeutig. Eindeutiger als Max' 'Zustand' und all der alte Müll von früher allemal.
Scheißvergangenheit, dachte Sam. Sich zu erinnern fiel nicht nur schwer, weil es bedeutete, in alten Wunden zu stochern. Es war an sich schwierig: Wie unterschied man Erinnerung von rückblickender Spekulation? Wie trennte man das, was man einst für wahr gehalten hatte, von dem, wie man die Dinge nun interpretierte? Und welche Wahrheit war die wirkliche – in den großen wie den kleinen Fragen?
     „Verdammt nochmal“, sagte Sam laut, „was haben wir mit dem Rest dieses Tages angestellt? Zuerst dachte ich, das ist wieder so ein verdammter Migränenebel, der Ereignisse und Erinnerungen verschwimmen lässt. Aber die Migräne hatte ich ein Jahr später, bei meiner eigenen Abifete. Da hat mich der Cocktail aus was weiß ich für einem Schmerzmittel aus Mutterns Giftschrank plus Bier fast aus den Schuhen geholt. Bei deiner Abifeier – egal, was du denkst, das war nicht nur die von Gesa, Paul und den andern, das war auch deine – war ich stocknüchtern, jedenfalls den größten Teil des Abends. Einer musste doch auf dich aufpassen. Hast du das überhaupt noch mitbekommen, damals, meine ich?“ Sam schaute zu Max. Seine Lippen standen ein Stück weit auseinander. Trocken sahen sie aus, trocken musste auch das Innere seines Mundes sein. Sam schluckte und griff nach Schwamm und Wasserglas. Im selben Moment schluckte auch Max, laut und deutlich, ein bisschen unbeholfen, aber es funktionierte. Hatte er auf sie reagiert? Sie stellte die Sachen beiseite. „Max“, setzte sie an und streckte die Hand nach ihm aus, „Max ich -“ doch er drehte den Kopf zur Seite, weg von ihr.
     „Hey du Blödmann“, entfuhr es ihr, „wenn ich schon meine Freizeit mit dir verbringe, könntest du wenigstens ein bisschen dankbar sein! Damals hast du dich Gottweißwie angestellt, nur weil du es als deine übergroße Schuld angesehen hast, dass unser aller Traum vom Urlaub zu fünft platzte. Ausgerechnet Portugal. Bist du da jemals hin, später, meine ich? Ich war ein paar Mal im Süden, am Mittelmeer, in Frankreich, Italien, selbst auf Korsika – aber Portugal, da konnte ich nicht hin. Geographische Verdrängung, dachte ich zuerst. Hab schließlich Leer gemieden wie einen Riss in der Welt, bis ich das Haus in Emden erbte. Dann konnte ich kaum anders, da musste ich auf dem Weg von Hamburg jedes Mal tapfer an unserer kleinen Stadt vorbei. Hin und wieder hab ich sogar überlegt, ob ich nicht mal anhalte, am Badesee zum Beispiel, oder an unserer Hütte – wem die jetzt wohl gehört, der alte Anwalt Janssen muss längst tot sein, und für von Thalsmoors ist das Teil doch sicher zu … unfeudal … aber Portugal, das ging gar nicht. Das war dein Traum.“
     Sie befeuchtete seine Lippen mit dem Schwamm. Er schmatzte leise. Ein zufriedenes Geräusch. Selbstvergessen, mit sich im Reinen. Ob Max letztlich gar zu beneiden war, fragte sie sich. Dann schweiften ihre Gedanken wieder zurück zu dem Sommer, der ihr letzter gemeinsamer gewesen war, und der alten, janssen'schen Jagdhütte, wo das seinen Ausgang genommen hatte, was Max in dieses Pflegebett und Sam an seine Seite gebracht hatte. „Was wäre, wenn“, drei Worte, eine nicht ganz ausgesprochene Frage und fünf Leben, die aus der Bahn gerieten.


Zweites Kapitel: All diese Merkwürdigkeiten

1

In der Jagdhütte – wenn man das Holzhäuschen, dessen einziger Raum an drei Seiten von einer überdachten Veranda umgeben war, denn so nennen wollte - trafen die fünf wenige Tage nach der offiziellen Abifeier zusammen, und wie üblich, hatten sie sich dafür nicht verabreden müssen. Abgesehen von den paar Feiertagen, an denen hier außer Großvater Janssen und seinen Jägerfreunde niemand etwas verloren hatte, war die Hütte so etwas wie das inoffizielle Clubhaus der verschworenen Gemeinschaft der fünf.
     Max hatte sich bereits am Vormittag mit seinen Büchern und Papieren hierher verzogen. Während der Abifeten hatte er sich eine Auszeit vom Lernen genommen. Jetzt war es höchste Zeit. Das sah auch seine Familie so; zuhause schlichen alle auf Zehenspitzen und packten ihn in Watte. Dabei war sonst er der Mann im Haus, kümmerte er sich als Ältester um Haushalts- und Handwerksdinge, packte an, passte auf, delegierte und war so gut wie unentbehrlich. Seit er jedoch mit Pauken und Trompeten durchs Abitur gefallen war – und es war nicht allein die Schuld seiner Ex Silvia gewesen, die ihn zur Unzeit verlassen hatte, er hätte ja nicht versuchen müssen, jegliche Erinnerung an die samthäutige Discoqueen mit Alkohol und anderen Substanzen zu tilgen –, standen die häuslichen Verhältnisse bei den Kleppners Kopf. Seine jüngere Schwester Blanka passte ohne Murren auf die Kleine auf, und seine Mutter sagte ihm nicht mal mehr Bescheid, wenn etwas kaputt ging. Hätte er nicht heimlich besudeltes Bettzeug gewaschen und dabei bemerkt, dass der Trockner den Geist aufgegeben hatte, hätte man ihm davon erst nach der Nachprüfung im Herbst erzählt. Na und, befand seine Mutter, jetzt sei Sommer, zumindest dem Kalender nach, und die Regenpausen waren lang genug, die Wäsche draußen zu trocknen. Alles kein Grund zur Sorge oder Eile, zumal es die Frage sei, ob eine Reparatur noch lohnte oder man Max' Vater klarmachen müsste, bei einer der nächsten Unterhaltszahlungen müsse er entsprechend drauflegen. Als ob der je etwas ohne Diskussion gezahlt hätte, wollte Max sich aufregen, doch seine Mutter wiegelte ab: „Ist alles nicht so wichtig, lerne du, ich kümmere mich um den Rest.“
     Nur, wo zuhause alle versuchten, eine seinem Lernen zuträgliche Atmosphäre zu schaffen, war der Druck zu groß geworden. Deshalb hatte er abhauen, in die Hütte kommen müssen. Er wusste selbst am besten, dass er es sich nicht leisten konnte, ein zweites Mal zu versagen. Theoretisch mochte es kein Problem sein, die 13. Klasse zu wiederholen, aber wie sollte er das in der Praxis hinkriegen? Dass er nun nicht mit den andern nach Portugal trampen würde, war bedauerlich, aber zu verschmerzen. Dass er fürs Lernen auf die Jobs beim Bau verzichten musste, die seit seinem 16. Geburtstag zu den Sommerferien gehörten, weil es immer etwas zu finanzieren gab, das im schmalen Budget einer alleinerziehenden Mutter mit drei Kindern nicht drin war, war schon schlimmer. Aber er konnte unter keinen Umständen seine Ausbildung zum Rettungssani streichen oder den Beginn des Zivildienstes bei den Maltesern im September verschieben. Deshalb musste er die Nachprüfung schaffen – oder ohne Abschluss Zivi werden und danach weitersehen. Nur: Zeit war Geld. Wer hätte das besser gewusst als er? Allerdings war es mit dem Druck im Nacken nicht leicht, sich auf Bücher, Zahlen, Daten und all das andere Zeug zu konzentrieren.

2

„Soll ich dir helfen?“
     Abgehetzt erreichte Sam um die Mittagszeit die Hütte. Endlich war sie dem Chaos' des Meyer'schen Heimes entronnen! Die Zwillinge Heike und Heiko machten im Endspurt vor den Sommerferien nur noch Mist, obwohl sie wussten, dass sie so die elterliche Zeugnisbelohnung – eine Jugendreise nach Frankreich – gefährdeten. Damit hätte Sam leben können, aber dass sowohl Eltern als auch Geschwister sie immer wieder in den Streit hineinziehen wollten, nur um sich im nächsten Augenblick gegen sie zu verbünden, war ihr zuwider. Als dann vorhin ein weiterer Anruf ihres anonymen Volltrottelverehrers kam – seltsam, monatelang hatte er sich nicht mehr gemeldet, sie nicht mehr mit Pat Benatars „Love is a Battlefield“ als Endlosschleife genervt –, reichte es ihr. Gut, dass sie mit der Hütte ein zweites Zuhause hatte. Noch besser, hier Max alleine vorzufinden. Der sah allerdings so unglücklich von seinen Büchern auf, dass sie alles – Zeichensachen, Bücher, Walkman – fallen ließ, um sich sogleich auf die Bank neben ihn zu setzen. Sie legte den Arm um seine Schultern und drückte ihm einen Kuss aufs Ohr:
     „Also, was ist? Soll ich dir helfen? Oder störe ich dich?“
     Er zögerte und sie fürchtete, er wollte abwinken: mach du deins, ich mach meins … Doch dann schob er ihr sein aufgeschlagenes Englischbuch rüber.
     „Schade, ich dachte, du machst Physik und erklärst mir wieder so was Abgefahrenes wie das neulich, mit diesem Schrödinger und seiner Katze“, sagte Sam, während sie bereits mit den Augen die Buchseite überflog. „Okay, where do we start?“ Schon hatte sie umgeschaltet und es ging los.
     Als anderthalb Stunden später ein Schatten auf das Buch in Sams Schoß fiel und sie Gesas Stimme hörten, „bah, dass ihr bei der Hitze lernen könnt, hier nehmt das zur Abkühlung“, erschraken beide nur kurz. So vertieft sie gelernt hatten, so wenig hatten sie vergessen, dass dies ein Sommertag war und sie auf der Veranda der Hütte von Gesas Opa hockten. Max nahm die Limoflasche von Gesa und wollte sie Sam reichen. Die schüttelte den Kopf und zog ihre Feldflasche aus der Umhängetasche, dann wandte sie sich wieder den Übungen zu. Sollte Gesa ruhig die Nase rümpfen, sich neben ihnen auf der Bank herumfläzen und die diversen Bücher demonstrativ gelangweilt durchblättern – sie, Sam, hatte eine Aufgabe zu erfüllen.
     Dennoch war es wenig später endgültig vorbei mit der Lernerei. Kurz nacheinander tauchten Thomas und Paul auf, jeder unabhängig vom anderen verwundert, wieso alle wieder hier herumlungerten, jetzt, wo es nach all den Regentagen endlich heiß genug für den Badesee war.
     „Weil ich dachte, hier könnt ich in Ruhe lernen“, brummte Max, „aber, okay, lasst uns schwimmen gehen, die Bücher laufen nicht weg und vielleicht isses besser, ich nehme sie mir heut Abend nochmal vor, wenn mein Hirn nicht mehr vor Hitze schmilzt. Hat wer 'nen Wagen zur Hand?“
     Thomas schüttelte prompt den Kopf, was so korrekt wie überflüssig war. Bis der alte MG, den er von seinem Onkel zum 18. bekommen hatte, fahrtüchtig wäre, hätte er noch eine Menge zu schrauben und zu basteln. Außerdem hatte er sich erst kürzlich in der Fahrschule angemeldet. Erst …! Sam sprach nicht mal mehr über das Thema Führerschein, seit ihre Eltern entschieden hatten, sie könne sich das Geld für den Lappen selbst verdienen. Reine Schikane war das! Je nach Ziel, Strecke und Kontostand wählte Sam nun ihr Transportmittel. Oft fuhr sie Rad, dann wieder nahm sie die Bahn oder trampte. Was sollte ihr hier auf dem platten Land schon passieren, jetzt, wo sie dank Lauf- und Kampfsporttraining in der Lage war, sich selbst zu verteidigen? Solange ihre Eltern nicht zahlten, hatten sie kein Recht, ihr reinzureden. Bestenfalls ließ Sam es kommentarlos zu, dass ihre Mutter Max das Auto aufschwatzte. Darum bitten würde sie jedoch nie, also zuckte sie mit den Achseln, als Max sie fragend ansah. Auch Gesa schüttelte bedauernd den Kopf:
     „Mein Herr Vater ist mit Mandanten in Wiesmoor zum Golfen, und die Frau Mama treibt's auf dem Tennisplatz, mit wem, will ich erst gar nicht wissen. Mein reizendes Abigeschenk, Mamas abgelegter Zweitwagen, steht mit zig Beanstandungen beim TÜV. Da frag ich mich, wozu hab ich Eltern mit Geld ... solche Eltern wie meine braucht kein Mensch.“ Sie rollte wie ein Stummfilmstar die aufgerissenen Augen.
     „Hab ich dir gleich gesagt, in der Karre steckt der Wurm. Hättest du mich vorher rangelassen -“ Thomas zuckte theatralisch die Achseln, doch Gesa war schneller: 
     „ – hättest du meinen Eltern Geld gespart. Nein Danke, mein Lieber, so leicht kommen die mir nicht davon.“
     Paul stand indessen auf und ging zu seinem Fahrrad: „Mein Vater sollte zurück sein von seinem Termin in Breinermoor. Er arbeitet zur Zeit sowieso am liebsten zuhause mit dem neuen IBM PC. Und wenn ihm irgendeine Zickerei der Kanalisation dazwischen gefunkt hat, nehmen wir halt meinen Käfer. Besser gequetscht als gelaufen - oder ist das ein Problem?“
     „Solang niemand furzt, nicht“, meinte Sam. Gesa streckte ihr die Zunge raus.
     „Warte, Paul“, rief sie, „ich komm mit, bringt ja nichts, wenn mein Fahrrad hier blöd rumsteht ... und bei mir liegen noch die Handtücher vom letzten Mal. Eigentlich müsste sogar noch was vom Bier und den Frikadellen vom Wochenende übrig sein ... Hey, so warte doch!“ Schwerfälliger als Paul, jedoch bemerkenswert behend für jemanden mit ihrer Figur sprang Gesa auf und eilte zum Fahrrad. Sekunden später waren die beiden hinter der Kurve verschwunden. Sam atmete auf und schämte sich nur den Bruchteil eines Augenblicks dafür.

Ende der Leseprobe

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Uwe Boll

Leseprobe aus: "Ihr könnt mich mal - erweiterte Ausgabe"


Die Fotos in dieser Leseprobe sind für die Darstellung auf dem Handy optimiert.
 Hier gibt es die Fotos in größerer Auflösung..


SCHWERTER DES KÖNIGS

DUNGEON SIEGE aka SCHWERTER DES KÖNIGS stammte aus den Gaspower Studios von einem Entwickler (Chris Taylor) aus Vancouver und wurde von Microsoft vertrieben. Zu dieser Zeit, 2003/2004, boomte HERR DER RINGE, und wir beschlossen, den Film als Zweiteiler zu konzipieren.

Jason Strarham

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Mehrere Hollywood-Drehbuchautoren wurden beauftragt, es sollte ein großer Action-Fantasy-Film werden mit allem Drum und Dran. Jahre nach den Dreharbeiten stritten sich noch alle Autoren vor Gericht, wer den Credit als Writer bekommt, denn das bedeutet Residuals durch die WGA (Writers Guild of America), die weltweit vor allem bei TV Ausstrahlungen Gebühren einsammelt.

Royalties und Residuals

Gewerkschaften ziehen zusätzlich zu den Gehältern für die Schauspieler Royalties ein. Es gibt etliche dieser Gewerkschaften: für Schauspieler (SAG, Screen Actors Guild), Drehbuchautoren (WGA), Regisseure (DGA, Directors Guild of America), Produzenten (PGA, Producers Guild of America) und Filmmusik Komponisten (GEMA und ASCAP). Wenn ein Film komplett mit Gewerkschaftsbeteiligung gedreht wird, dann kann man davon ausgehen, dass später insgesamt etwa acht Prozent aller Erlöse an die Kreativen ausgeschüttet werden. 

Für mich als Produzent ist das eine Unverschämtheit, denn dies passiert ab dem ersten Dollar Einnahmen und nicht etwa, wenn das Geld für die Produktion wieder eingespielt ist. Jahrelang habe ich mich mit den Gewerkschaften (Unions) rumgeschlagen und mehrere Buchprüfungen aufgedrückt bekommen, weil meine Abrechnungen angezweifelt wurden und ich deshalb geschätzt wurde. Dabei zählt für die Gewerkschaften nicht der Gewinn, sondern der Bruttoumsatz.

Zum Beispiel macht FOX fünf Millionen Dollar mit SCHWERTER DES KÖNIGS und zieht von diesen Einnahmen natürlich Vertriebsgebühren und Werbekosten ab. Von den 5 Millionen kommen bei uns als Produktion nur 1 Million Dollar an, und jetzt kommen die Gewerkschaften und wollen acht Prozent von fünf Millionen Dollar, also 400.000 Dollar – also 40 Prozent von unseren tatsächlichen Erlösen! Gegen solche unglaublichen Machenschaften habe ich mich immer gewehrt, und meistens bin ich mit den 8 Prozent von unseren tatsächlichen Erlösen davongekommen. Aber es geht noch härter: In dem Fall FOX haben die Gewerkschaften FOX gezwungen, das Geld direkt an sie auszuzahlen, und ich musste dagegen juristisch vorgehen, was wiederum Geld gekostet hat und die Auszahlung an alle um ein Jahr verzögert hat. 

Am meisten bekommen die Komponisten, was ein einziger Witz ist. Ich selber als Autor, Regisseur und Produzent bekomme ein paar tausend Euro pro Jahr für 32 Filme zusammen, die ich gemacht, und meine Komponisten bekommen alleine in Deutschland pro Ausstrahlung im TV pro Film mindestens 1000 Euro. Ein Witz. Denn wer ist wichtiger?

In SCHWERTER DES KÖNIGS sollte Kevin Costner die Hauptrolle spielen, er brauchte mal wieder einen Erfolg, und ich fand seine Filme DER MIT DEM WOLF TANZT und ROBIN HOOD super. Seine Managerin J.J. Harris (mittlerweile tot) war total begeistert, aber Costner leider nicht. Er rief mich an und wollte erstmal mit einem Privatjet nach Vancouver geflogen werden, was ich verneinte. Ich offerierte ihm, dass ich zu ihm fliegen würde, um mit ihm zu sprechen, aber er wollte unbedingt, dass ich den Jet für ihn buche. Und dann kam er heraus mit der Sprache: Er wollte, dass ich seinen Serienmörderfilm MR. BROOKS mache anstatt DUNGEON SIEGE. Ich erklärte ihm, dass sich meine Anleger schon DUNGEON SIEGE ausgesucht hätten und dass der Film nicht ausgetauscht werden kann. Das war das Ende mit Costner.  MR BROOKS machte er später trotzdem, und der Film wurde sehr gut. 

Boll am Set

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Die Agentur CAA half uns, andere Schauspieler auszusuchen, und kam mit Ron Perlman (Hellboy), Matthew Lillard (Scooby Doo), John Rhys Davies (HERR DER RINGE), Ray Liotta (Goodfellas), Claire Forlani (Meet Jö Black), Brian White, Leelee Sobieski (Eyes Wide Shut), Kristanna Loken (meine Bloodrayne), Burt Reynolds und schließlich Jason Statham, der mir am Telefon sagte, dass er Fantasy-Filme und Mantel und- Degen-Filme hassen würde. Aber sein Manager (Steve Chasman) fand, dass es eine gute Idee für ihn war, mal was anderes zu spielen, und Jason sagte zu. Zusätzlich stellte ich Will Sanderson ein, der eine Super Leistung absicherte. 

Statham und Liotta

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Drehen ohne Zeitdruck

Der mit über 60 Millionen Dollar mit Abstand am höchsten budgetierte Film, den ich jemals gemacht habe, ging in Vancouver und Umgebung über die Bühne. Stellenweise hatten wir über 1000 Leute am Set, mit etlichen LKWs und Trucks, und line producer Dan Clarke brachte diesen Riesenfilm genauso easy über die Bühne, wie alle meine Filme. Über 60 Drehtage waren ein Pfund und für mich und endlich mal die Gelegenheit, ohne Zeitdruck Szenen auch 15 mal zu wiederholen. Wir hatten stellenweise fünf 35mm Kameras laufen. Über 180 Stunden Film wurden belichtet, was ein Drehverhältnis von 1:80 bedeutet. Normalerweise war mein Verhältnis maximal 1:30.

Bei einer Actionszene (dem Salto im Kampf gegen die Krugs) zog sich Statham einen Bänderriss zu und konnte drei Tage kaum laufen. Aber er war ein echter Teamplayer und spielte mit getapten Fuß weiter. Statham und der gesamte Cast waren einfach nett und hatten sehr viel Spaß beim Dreh. Nur Ray Liotta war eine drama queen mit seiner eigenen Hairdresserin aus England, die allen auf den Sack ging. Burt Reynolds spielte den König und agierte wie ein Royal am Set. Der Duke, John Wayne, war sein großes Vorbild, und dementsprechend sprach er auch. Er schenkte mir den Soundtrack von FLUSSFAHRT (Dülling Banjos), dem besten Reynolds-Film nach meiner Meinung.

Die Szene in SCHWERTER DES KÖNIGS, als er starb, trieb mir die Tränen in die Augen. Ich fand ihn toll, die Kritiker nicht. Er sagte mir, er sei in seiner ganzen Filmkarriere noch nie gestorben, in meinem Film war es das erste Mal. Seine letzte Aufnahme in SCHWERTER DES KÖNIGS war, wie er die Krugs bekämpft, und wir drehten ihn Schwert schlagend auf einer Plattform. Es war warm und er hatte seine schwere Ritterrüstung an. Nach ein paar Minuten wurde ihm schwindelig und er fiel in Ohnmacht. Zum Glück passten die Stuntleute auf und fingen ihn auf, als er von der Plattform kippte. Als wir drehten lauerten ihm überall Paparazzi auf, und einmal, als ich mit ihm bei Italiener was essen wollte, kam er einfach nicht, weil er nicht fotografiert werden wollte.

Boll am Set

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Als Burt Reynolds 2018 starb, schob ich die Disc zur Erinnerung noch eimal in den Player. Ist immer sehr traurig, wenn jemand geht.

Ohne Team auf dem Berg


Wir drehten auch oben in den Bergen nahe Whistler, und Dan, Mathias und ich waren die ersten, die mittels Helikopter hochgeflogen wurden. Oben hatten wir weder Handy noch Walkie-Talkie-Verbindung, und nach über einer Stunde standen wir immer noch alleine auf dem Berg. Das Wetter unter uns (wir waren rund 2500 Meter hoch) hatte sich geändert und es konnten keine Helikopter mehr fliegen. John Rhys Davies weigerte sich später, in den Hubschrauber einzusteigen, weil er mal einen Helikopter hat crashen sehen, und somit wurden wir wieder abgeholt und nach unten geflogen. Der Tag war vorbei und wir hatten nichts gedreht, aber am nächsten Tag kriegten wir endlich alles in die Kiste.

Auf Sooke Island drehten wir in einem Indianerreservat. Es war landschaftlich die schönste Location, an der ich je gedreht habe: weiße Felsen, blaues Meer, und an fast jedem Morgen sahen wir Orcas im Wasser nur rund fünf Meter entfernt vom Land.

Boll am Set

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Es führte  nur eine schmale Straße aus dem Reservat heraus, und genau auf dieser Straße kippte eines Abends ein LKW von uns um und blockierte den Weg für drei Stunden, sodass niemand mehr den Drehort verlassen konnte. Meine Hunde freuten sich, konnten sie doch länger draußen spielen...

Lustig war die dicke Bulldogge von unserem Craft Service Girl Kylee, die ging ins Wasser und war so schwer, dass sie direkt unterging und einfach auf dem Boden weitermarschiert. Ich hob sie aus dem Wasser raus, bevor sie komplett absaufen würde.

Anders als meine Hunde habe ich mich überhaupt nicht gefreut. Unser Problem war weniger der LKW, die liegengeblieben waren, als vielmehr die Gewerkschaften, die darauf bestanden, dass die Schauspieler und die Crew zehn Stunden Pause zwischen zwei Drehtagen hatten – die drei Stunden Verspätung, bis der LKW weggeräumt war, zerstörten den turnaround, und wir konnten am nächsten Morgen nicht zeitig anfangen.

Ich drückte also auf die Tube und drehte schneller, wobei mir der second unit Action Director Tony Ching zur Seite stand, der Filme wie HOUSE OF FLYING DAGGERS gedreht hatte und es gewohnt war, im Hongkong-Stil alles schnell abzudrehen. Die Crew hasste ihn, aber ich und Jason Statham liebten ihn, weil er tolle Bilder lieferte und seine zehn Stuntleute aus Honkong dabeihatte, die die Ninjas im Film spielten und wie Sklaven alles für ihn taten. Sie waren nicht so wehleidig wie kanadische Stuntleute, die pro Tag 800 Dollar kassieren und dann für jeden Scheiß Stuntadjustments wollen. Wenn zum Beispiel ein kanadischer Stuntman per Airramp oder Trampolin in die Luft fliegen und tot landen soll, will er pro Sprung noch ein paar Hunderter extra. Die Frage ist dann nur, warum die Stuntleute nicht wie Statisten 130 Dollar am Tag verdienen und pro Stunt bezahlt werden? So, wie es jetzt ist, macht es keinen Sinn, aber es bleibt natürlich so.

Statham und Mitstreiter

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Die beste Szene, die Action Director Tony Ching abliefert, sind die mit Kristanna Loken, wenn die Tree-Women wie Tarzan von Baum zu Baum schwingen und Matthew Lillard gefangen nehmen.

Das deutsche Modell Eva Padberg kam und spielte eine Gastrolle, und dies machte sie sehr gut. Sie verschwand in der Versenkung, aber in SCHWERTER DES KÖNIGS lieferte sie eine klasse Leistung ab, und sie war auch als Mensch super nett und hatte keinerlei Allüren. Ähnlich wie Kristanna Loken, mit der ich immer wieder gerne zusammengearbeitet habe.


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Leelee Sobieski war bei Stanley Kubricks EYES WIDE SHUT überraschend zum jungen Star mutiert. Sie erzählte mir, wie Kubrick alle Darsteller inklusive Tom Cruise quasi fertiggemacht habe, weil er jeden Shot 85 mal drehen ließ. Das ist natürlich extrem ermüdend und nicht unbedingt gut. Deshalb hatte ja auch Harvey Keitel seine Rolle gekündigt, weil er es nicht einsah, eine Szene ohne Grund immer wieder zu spielen. Viele Insider meinen ohnehin, dass Kubrick oftmals so viele Takes drehte, weil er nicht wusste, was er wollte und so Zeit gewinnen konnte. 

Claire Forlani, Jason Statham und ich hatten einen Running Gag, denn nach jedem Take sagte ich Ihnen, dass ich mein Geld wieder will. Sie wären so schlecht, dass ich mit ihnen quasi mein Geld zum Fenster rausgeschmissen hätte, also sollen sie es mir zurückgeben. Sie liebten den Joke.

Claire+Ray

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Beim Dreh war auch meine damalige Freundin Christine Öhrling dabei, sie machte das Making Off. Sie studierte Film in Mainz und war noch nie vorher die ganzen Dreharbeiten bei mir gewesen. Nun war sie da, aber irgendwie fühlte ich mich dabei nicht so gut, und sie blieb auch länger weg, während ich schlafen musste, denn der Dreh war brutal. Nach dem Dreh war unsere Beziehung irgendwie leer und nach achteinhalb Jahren zu Ende. Genau zu der Zeit hatten wir geplant, von der Wohnung in ein Haus in Mainz zu ziehen, in das ich dann kurz vor Weihnachten alleine umzog. Wir waren gemeinsam durch viel Stress gegangen, denn sie hatte eine Krebserkrankung, die aber zum Glück komplett heilte und zum Zeitpunkt unserer Trennung kein Thema mehr war. Sie war zuerst am Boden zerstört, aber fand dann einen neuen Freund, und wir sind bis heute befreundet.

Die Hölle der Postproduktion


Die Dreharbeiten wurden erfolgreich zu Ende gebracht, und es ging in die Hölle der Postproduktion. Zunächst versuchten wir, zwei Filme zu schneiden, damit man quasi doppelt kassieren konnte. Der finale cut der Filme wäre aber nur 85 Minuten pro Film gewesen, was bei einem epischen Film viel zu kurz ist. Die drei HERR DER RINGE-Filme sind pro Teil fast drei Stunden lang. Ich arbeitete in den USA mit Fox (Videorechte) und Universal (Kino und TV-Rechte) zusammen, die wiederum Freestyle als Kinoverleih vorschlugen, weil sie selber den Film nicht ins Kino bringen wollten, und beide sagten, sie wollen nur einen einzigen Film, der sollte aber maximal zwei Stunden lang sein. Deshalb gibt es heute den directors cut mit 170 Minuten und den 124 Minuten langen Film, der überall herauskam.

Ich hatte auch ein Angebot von SONY, die mir aber nur 200 Kinos anboten, aber das ist in den USA viel zu wenig. Mit 200 Kopien wäre der Film auf jeden Fall in der Versenkung verschwunden. Freestyle hat sogar Kinobetreiber nach Vancouver eingeflogen, wo ich gerade FAR CRY drehte. Sie besuchten das Set und schauten sich dann den Film in einem gemieteten Kino an, versprachen dann alle, den Film zu spielen und über 1500 Kinos taten das auch in den USA. Nur leider gaben sie uns keinerlei Trailerzeit vor den anderen Filmen, und sie hingen auch die Plakate nicht aus, spielten also nur den Film ab – so hatten wir keine Chance. 

Die CGI verschlang fast zehn Millionen Dollar, und es dauerte endlos, weil einige Firmen (vor allem Das Werk aus Deutschland) in meinen Augen katastrophale Qualität anlieferten und wir viele shots noch mal neu machen mussten, mit teuren Firmen wie THE ORPHANAGE und FRANTIC, die perfekt arbeiteten. Die Musik wurde von Jessica de Rooij bombastisch mit Symphonieorchester eingespielt. Ich begriff, dass Henning Lohner, der zu BLOODRAYNE die Musik beigesteuert hat, im Endeffekt ein schlechter Komponist und Schaumschläger ist. Jessica hingegen ist ein Genie, sie kommt aus einer Musikerfamilie in Bergisch Gladbach. Sie kann alles, was Hans Zimmer oder Danny Elfman auch können.

Eva Padberg

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Fox brachte den Film in Deutschland in die Kinos, und er erhielt sogar einen Hessischen Filmpreis, wobei ich ausdrücklich nicht auf der Bühne erwünscht war, sondern nur Wolfgang Herold, der in Frankfurt den Soundmix machte und somit der Hessenbezug war – ich hatte es schon berichtet. Obwohl der Film auf Platz 2 der Kinocharts in Deutschland startete (knapp hinter AMERICAN GANGSTER), brachte er in den USA nur fünf Millionen Dollar box office, und einer der Hauptgründe war, dass Jason Statham keine PR für den Film machte. Er hatte auch Einladungen in Deutschland bei WETTEN DASS und STEFAN RAAB, aber er kam nicht, und das schädigte uns gravierend.

Trotzdem war SCHWERTER DES KÖNIGS in mehr als 20 Ländern im Kino und in jedem dieser Länder mindestens eine Woche in den Top 10. Leider wurden noch nicht mal 30 Prozent der Produktionskosten für die Anleger wieder eingespielt, und die Kritiken waren ungerecht. Wenn man den Film mit DER GOLDENE KOMPASS vergleicht und nicht mit HERR DER RINGE, ist er nämlich absolut überdurchschnittlich. Überhaupt muss man feststellen, dass nach heutige Maßstäben meine Filme HOUSE OF THE DEAD, ALONE IN THE DARK oder SCHWERTER DES KÖNIGS gar keine Flops mehr wären. Damals sahen 10 Millionen Dollar Box Office schlecht aus, aber heute floppen Filme mit super Besetzung und hohem Budget oft total und spielen unter zwei Millionen Dollar ein.

Ende der Leseprobe

 Alle Fotos mit Fototexten und in größerer Auflösung

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Gitta Edelmann

Leseprobe aus: "Wer klaut schon eine linke Socke!"


Geräusche in der Nacht

    Als Jolanda aufwachte, war alles dunkel und still. Schrecklich still. Sie musste richtig schlucken, so still war es. Nur wenn sie ganz genau hinhörte, konnte sie Jonathans Atem aus dem Bett auf der anderen Seite des Zimmers hören.
     „Jojo“, flüsterte sie kaum hörbar, „Jojo, bist du wach?“
     „Ja“, flüsterte er zurück. „Hast du das auch gehört?“
     „Was?“, fragte Jolanda überrascht. Sie hörte nur Stille.
     „Das Geräusch!“
     „Ich hab nichts gehört.“
     „Aber ich!“
     „Bist du sicher?“
     „Ja, ganz sicher. Sollen wir Licht anmachen?“, fragte Jonathan.
     Jolanda nickte, bis ihr einfiel, dass er sie ja gar nicht sehen konnte, so finster war es.
     „Ja, mach an!“
     Jonathan, der unter dem Lichtschalter schlief, knipste die Deckenlampe an.
     „Wir brauchen unbedingt Nachttischlampen“, stellte er fest, „müssen wir Opa morgen sagen!“
     Beide Kinder saßen nun aufrecht im Bett und lauschten. Im Hellen ist Lauschen allerdings schwieriger als im Dunkeln. Sie hörten also nichts, bis die Tür aufging und Oma in einem langen rosa Rüschennachthemd hereinschaute.
     „Was ist denn los, Kinder? Habt ihr Bauchweh?“, fragte sie besorgt.
     Jolanda schüttelte den Kopf, dass ihre langen braunen Haare flogen. Jonathan legte den Finger auf den Mund.
     „Pst, jetzt hab ich wieder was gehört!“, sagte er.
     Oma setzte sich zu ihm auf den Bettrand und strich ihm über das Haar.
     „Ich weiß, das ist alles neu für euch. Aber das einzige, was man hier im Hinteroberhofenbachtal nachts hört, sind Eulen, Katzen und Mäuse. Sonst schlafen alle. Und das solltet ihr auch tun.“
     Sie stand auf und setzte sich zu Jolanda, um sie wieder richtig zuzudecken.
     Die Kinder waren erst vor ein paar Tagen bei ihren Großeltern eingezogen. Sie kamen aus einer großen Stadt und Hinteroberhofenbach war nun wirklich alles andere als eine große Stadt. Es war nicht einmal ein großes Dorf. Selbst zur Schule mussten alle Kinder mit dem Bus nach Vorderunterhofenbach fahren. Doch in den nächsten Monaten würden Jolanda und Jonathan hier wohnen. Ihre Eltern waren Anthropologen – Menschenforscher. Sie hatten sich im Urwald von Brasilien kennen gelernt, als sie das Leben eines Indiostamms erforschten und jetzt waren sie wieder einmal dorthin zurückgekehrt. Da man aber zwei Schulkinder nicht einfach in den brasilianischen Urwald verfrachten kann, waren Oma und Opa in Hinteroberhofenbach eingesprungen.
     In Hinteroberhofenbach war nun alles wieder still. Oma schlich zurück in ihr warmes Bett, Jonathan und Jolanda lagen in ihrem dunklen Zimmer. Natürlich schliefen sie nicht. Sie lauschten.
     Da – ein Quietschen. Ganz leise, kaum hörbar und doch ...
     „Jojo – hörst du das?“, flüsterte Jolanda.
     „Ja. Das ist keine Eule!“
     „Und auch keine Katze!“
     „Und eine Maus erst recht nicht!“
     Der dünne Strahl einer Taschenlampe leuchtete in Jonathans Ecke auf.
     „Komm, wir schauen nach!“
     Jolanda schlüpfte aus dem Bett und folgte ihrem Bruder, der sich vom Regal neben der Tür seine Wasserpistole griff. An der Treppe blieben sie stehen.
     „Das kommt von unten“, wisperte Jonathan. Vorsichtig, Schritt für Schritt, tapsten ihre nackten Füße über die alte Holztreppe. Da war es wieder.
     „Waschmaschine“, hauchte Jolanda.
     Sie schlichen weiter, die steile Kellertreppe hinunter zu dem kleinen Raum, in dem Omas Waschmaschine stand. Vor der Tür blieben sie stehen und hielten die Luft an. Seltsame piepsende Laute mischten sich mit dem Quietschen der Waschmaschinentür. Durch einen dünnen Spalt unter der Tür drang ein grünliches Licht heraus zu den Kindern. Jolanda fasste ihren Bruder an der Hand.
     „Du die Tür, ich das Fenster“, flüsterte Jonathan ihr ins Ohr.
     „Und wenn es Einbrecher sind?“, hauchte Jolanda zurück.
     „Quatsch, die piepsen doch nicht, das sind irgendwelche Tiere, Marder oder so.“
     Jolanda nickte. Dann holten sie beide tief Luft und stürmten die Waschküche. Jonathan rannte mit gezückter Wasserpistole hinüber zum Fenster und schlug es zu, Jolanda warf sich von innen gegen die Tür. Gleichzeitig knallte sie ihre rechte Hand auf den Lichtschalter und drehte sich um. Und da standen sie – keine Marder, nein! Zwei kleine grüne Wesen!

Socke

Grüne Wesen

     Erschrocken sahen sie sich an. Zuerst sahen sich die grünen Wesen an, dann sahen sich Jonathan und Jolanda an. Dann sahen die grünen Wesen die Kinder an und die Kinder die grünen Wesen. Alle sahen ziemlich ratlos aus.
     Plötzlich fiel eines der grünen Wesen auf die Knie und drückte seine Stirn auf den kalten Waschküchenboden.
     „Wir haben nichts getan, wir haben nichts getan!“, piepste es.
     Das andere Wesen folgte seinem Beispiel und piepste: „Wir kommen in Frieden, wir kommen in Frieden.“
     So auf dem Boden kauernd sahen die beiden eigentlich ganz harmlos aus, wie wuschelige kleine Hügel. Jonathan räusperte sich, hielt jedoch seine Wasserpistole weiter auf sie gerichtet.
     „Wer seid ihr?“, fragte er mit wackeliger Stimme.
     „Was macht ihr da?“, wollte Jolanda wissen.
     Nur sehr zögerlich hoben die beiden ihre Köpfe. Als niemand sie angriff, standen sie ganz langsam auf, wie in Zeitlupe. Sie drückten sich eng aneinander. Jetzt konnten Jonathan und Jolanda besser erkennen, wie die beiden aussahen. Sie waren grün. Grün von oben bis unten. Der eine heller, der andere etwas dunkler. Nicht besonders groß, auf jeden Fall ein Stückchen kleiner als die Kinder. Wuschelig wie Jolandas Teddyfelljacke. Ihr Körper war ziemlich rund und der Kopf – eigentlich hatten sie überhaupt keinen Kopf. Allerdings war da ein Gesicht mit zwei runden Augen und einem Mund im oberen Teil ihres runden Bauchs. Oder war das der Kopf?
     „Kopffüßler“, flüsterte Jolanda.
     Ganz oben auf dem Kopf bewegten sich mehrere kleine Antennen und die fremden Wesen standen auf zwei Beinen, wobei ihre Füße wie wuschelige grüne Halbkugeln aussahen. Sie hatten zwei Arme mit je drei enorm langen Fingern. Und in den Fingern – Socken!
     Empört schrie Jonathan auf und stürmte auf die beiden zu.
     „Meine Sportsocken von Tante Edith, Jojo, die klauen meine Socken!“
     Er riss dem dunkelgrünen Wesen eine weiße Socke mit blauem Rand aus den Händen, dem anderen eine schwarze mit kleinen Krokodilen. Die zeigte er triumphierend Jolanda.
     „Deine!“
     „Langfinger“, flüsterte Jolanda.
     „Wir nehmen doch nur einen, wir nehmen doch nur einen“, piepsten die grünen Wesen.
     „Seid ihr noch ganz gebacken?“, schimpfte Jonathan. „Ihr könnt doch nicht einfach hier reinkommen und unsere Wäsche mitgehen lassen!“
     „Nur Socken, nur Socken“, piepsten die Beiden erschrocken und rissen ihre runden Augen weit auf.
     „Los, Marsch da rüber, und alles fallen lassen“, befahl Jonathan und hob drohend seine Wasserpistole. „Jojo – filz sie mal, ob sie noch was gemopst haben.“
     Zögernd bewegte sich Jolanda auf die Beiden zu. Sie drückten sich in der Ecke, in die Jonathan sie gedrängt hatte, eng aneinander. Vorsichtig streckte Jolanda ihre Hände aus. Ganz langsam berührte sie das grüne Fell. Es war warm und unglaublich weich. Es fühlte sich so wunderbar an, dass sie alles um sie herum vergaß und nur immer wieder über dieses Fell strich. Die grünen Wesen schlossen die Augen und ihr Gepiepse wurde tiefer und leiser.
     „Was ist los? Hast du was?“
     „Jojo, komm. Das ist unglaublich ...“
     Jolanda zwang sich, ihre Hände vom Fell zu nehmen. Langsam nahmen die Piepstöne wieder zu. Dann gingen die runden Augen auf und starrten die Kinder an.
     „Wer seid ihr?“, fragte Jolanda und hielt ihre Hände auf den Rücken. Zu gerne hätte sie dieses grüne Fell noch einmal gestreichelt.
     „Wir sind Allianer“, sagte der Hellgrüne.
     „Allianer“, echote der Dunkelgrüne.
     „Wir kommen von Allium Cepa Vier aus der Bernsteingalaxis“, ergänzte der Hellgrüne.
     „Allium Cepa Vier“, bestätigte der Dunkelgrüne.
     „Wir sind Forscher“, erklärte der Hellgrüne.
     „Forscher“, murmelte der Dunkelgrüne.
     „Genauer gesagt Menschensforscher“, begann der Hellgrüne zu schluchzen.
     Der Dunkelgrüne heulte auf und brachte vor Tränen kein Wort mehr heraus.
     Jonathan ließ die Wasserpistole sinken. Irgendwie wirkten zwei weinende grüne Wuschelkissen nicht bedrohlich.
     „Menschenforscher, Jojo, hast du gehört? Wie Mama und Papa!“
     Jolanda nickte. Da standen sie nun mit zwei außerirdischen, heulenden Menschenforschern und holten sich kalte Füße auf dem Waschküchenboden. Ihr Blick fiel auf einen der Wäschekörbe, in dem Oma die Wäsche für den nächsten Tag gerichtet hatte. Darin lagen zwei Flickerlteppiche. Jolanda zog einen heraus und legte ihn auf den Boden. Jonathan nickte. Was für eine gute Idee! Er deutete auf den Teppich.
     „Hinsetzen!“, befahl er.
     Die beiden grünen Wesen setzten sich. Inzwischen hatte Jolanda auch den zweiten Teppich auf den Boden gebreitet und ließ sich darauf nieder.
     „So, und jetzt erzählt mal von Anfang an! Was wollt ihr hier?“

Socke

Die Allianer

     Die beiden grünen Fremdlinge piepsten kurz miteinander, dann ergriff der Hellgrüne das Wort, während der Dunkelgrüne eifrig vor und zurück schaukelte, was wohl ein Nicken ersetzen sollte.
     „Wir kommen vom Planeten Allium Cepa Vier aus der Bernsteingalaxis. Wir sind vor siebzehn Allium-Jahren mit einem Forschungsauftrag zu eurer Erde geschickt worden. Wir haben alle bekannten Dateien über diesen Planeten gelesen und die Sprache dieses Sektors gelernt. Wir haben ein hervorragendes Tarnungssystem. Wir sind schon das dreiundfünfzigste Forschungsschiff, dass von Allium Cepa Vier aus hier um die Erde kreist.“
     Die Stimme klang stolz und der Dunkelgrüne schaukelte bestätigend.
     „Leider ist bei dem Eintritt in die Erdumlaufbahn die Bliemanlage beschädigt worden, so dass wir seither einige Probleme haben.“
     Jetzt klang die Stimme traurig und das Schaukeln wurde langsamer.
     „Eigentlich wollten wir zurückfliegen, aber wenn wir ohne neuen Bericht über die Menschen nach Hause kommen, sind wir entehrt.“
     „Entehrt!“, schluchzte der Dunkelgrüne auf.
     „Also müssen wir die Tarnvorrichtung aufrechterhalten und hier bleiben. Dafür brauchen wir aber den S-Antrieb. Und deshalb sind wir hier.“
     Das grüne Wuschelwesen machte eine Pause, als wäre damit alles erklärt. Jolanda und Jonathan sahen es verständnislos an.
     „Hier, in unserer Waschküche? S-Antrieb? Was soll denn das sein?“
     „Antrieb – Motor – zum Energie machen. Fliegen. Licht. Sternfunk.“
     „Und was sucht ihr hier für euren S-Antrieb?“
     „Na, diese Treibstoffpakete!“
     Seine erstaunlich langen, gelenkigen Finger deuteten auf Jonathans Sportsocke und Jolandas Krokodilsöckchen.
     „Socken?“, fragten beide im Chor.
     „Sag ich doch. Treibstoff. Socken.“
     „Socken“, bestätigte sein Kollege.
     „Wollt ihr damit sagen, ihr klaut Socken als Treibstoff für euren S-Antrieb?“, fragte Jonathan fassungslos.
     Beide Allianer schaukelten wild vorwärts und rückwärts.
     „Aber immer nur eine, immer nur eine“, entschuldigten sich die außerirdischen Sockendiebe.
     „Und sonst bliemen wir sie direkt aus der Waschmaschine in unser Raumschiff, aber wie gesagt, die Bliemanlage ist beschädigt worden ...“
     „Bliemen?“, flüsterte Jolanda ihrem Bruder zu.
     „Ich schätze, das ist so was wie ‚beamen’ bei Raumschiff Enterprise“, antwortete Jonathan.
     „Bliemen – hier weg, im Raumschiff da – flitzschnell!“, sagte ihr Gesprächspartner und schaukelte.
     „Blitzschnell“, korrigierte Jolanda automatisch. Sie musste sich unbedingt gleich einmal kneifen, denn es konnte kaum angehen, dass sie hier auf einem von Omas Flickerlteppichen in der Waschküche hockte und sich mit zwei Außerirdischen darüber unterhielt, dass sie Socken als Treibstoff verwenden wollten. Das Kneifen hinterließ einen deutlichen Flecken am Unterarm, doch die Allianer saßen immer noch vor ihr und betrachteten sie.
     „Ich glaub’s nicht!“, flüsterte sie Jonathan zu. „Was machen wir denn jetzt?“
     Ratlos zuckte ihr Bruder mit den Schultern.
     Alle schwiegen.
     „Ihr seid Zwei-Linge?“, fragte nach einer Weile der Hellere der beiden Allianer.
     „Zwillinge“, nickte Jolanda.
     „Dürfen wir etwas fragen?“
     Schüchtern blickte der Außerirdische von einem Kind zum anderen.
     „Ja, warum nicht?“, sagte Jonathan.
     „Wir haben gelernt, dass Menschen Namen haben, die sie voneinander unterscheiden. In der Datei 3874290-487 B stand auch, dass Menschenskinder manchmal den gleichen Namen haben wie ihre Menschenserwachsenen ...“
     „Eltern, meint ihr“, erklärte Jolanda. „So wie Tante Edith, die heißt wie Oma Edith.“
     „Und mein Freund Max heißt wie sein Vater. Und sein Opa heißt sogar auch Max!“, ergänzte Jonathan.
     „Das meinen wir. Aber Datei 3874290-487 B sagt auch, dass Menschenskinder einer Familie immer verschiedene Namen haben.“
     „Klar“, stimmten die Kinder zu.
     „Aber ihr heißt beide Jojo!“, rief der Allianer.
     Ein Blick genügte und Jonathan und Jolanda schütteten sich aus vor Lachen.
     „Nee, doch nicht echt!“, prustete Jonathan, „ich heiße Jonathan!“
     „Und ich heiße Jolanda!“, fügte Jolanda kichernd hinzu.
     Ratlos piepsten die grünen Wesen miteinander.
     „Es ist nur -“, erklärte Jonathan nach seinem Lachanfall, „wenn Mama uns früher beide gerufen hat, rief sie immer ‚Jo – Jo’, so wie andere Mütter ‚Tina – Stefan’ rufen. Und wenn jetzt jemand aus der Familie keinen Bestimmten von uns meint, heißen wir immer noch Jojo. Unsere richtigen Namen sind einfach zu lang.“
     „Kommst du mal, Jojo, und leerst den Mülleimer?“, gab seine Schwester ein Beispiel.
     „Spitzen-Namen“, ordnete der Dunkelgrüne ein, was er gerade gehört hatte.
     „Spitznamen“, korrigierte Jolanda automatisch und rieb ihre kalten Füße.
     „Namen auf der Erde sind alle kurz!“, behauptete der Dunkelgrüne weiter. „Auf Allium Cepa Vier sind die Bezeichnungen viel länger. Ich heiße ALLI140361CAPIEPS27BURUMMBAPIEPS und das ist mein Kollege ALLI271117IXAPIEPS44ACANTALAPIEPS“, stellte er den Hellgrünen vor.
     „Angenehm!“, sagte Jonathan und grinste.
     Jolanda konnte sich ein Gähnen nicht verkneifen. Erstaunlicherweise gähnten sofort auch ALLI140361CAPIEPS27BURUMMBAPIEPS und sein Kollege ALLI271117IXAPIEPS44ACANTALAPIEPS. Dabei öffnete sich der Mund ganz erstaunlich weit, fast bis zur Mitte des Kopfbauches, und ließ den Blick auf eine pelzige grüne Zunge frei.
     „Und so ruft ihr euch immer?“
     „Ja, natürlich. Aber in unserer Sprache klingt das viel schöner!“
     Eine Reihe von Piepstönen folgte, die wohl eine Übersetzung sein sollten.
     „Ich werde euch Alli nennen“, erklärte Jonathan entschieden. „Von mir aus auch Alli14 und Alli27. Also Alli. Was soll nun werden? Was werdet ihr jetzt tun?“
     „Ihr lasst uns gehen?“ Vor Überraschung blieb den Allianern der Mund offen stehen.
     „Klar – ihr werdet doch niemandem hier auf der Erde schaden, oder?“
     „Nein, nein, bestimmt nicht, bestimmt nicht“, versicherten die beiden.
     Sie standen auf, verbeugten sich und wollten nach den Socken greifen.
     „Halt, unsere Socken bleiben hier.“
     Jolanda sprang auf.
     „Aber unser S-Antrieb!“, heulte Alli14 auf. „Unsere Tarnung hält nur noch vierundzwanzig Stunden!“
     „Das reicht, bis wir uns etwas ausgedacht haben. Wir treffen uns morgen Nachmittag wieder hier. Jojo, wann gehen Oma und Opa zum Canastaspielen?“
     „Gegen halb vier.“ Jolanda war ein wandelnder Terminkalender für die ganze Familie.
     „Also gut, dann treffen wir uns um vier. Abgemacht?“
     Obwohl die Gesichter der Allianer etwas panisch aussahen, schaukelten sie ihre Zustimmung.
     „Gut, dann gehen wir jetzt alle schlafen!“, bestimmte Jonathan und ging auf die Tür zu.
     „Wie kommt ihr zu eurem Raumschiff?“, wollte Jolanda noch wissen.
     „Mit unserer Landekapsel“, erklärte Alli27 und kletterte seinem Kollegen auf den Kopf, um das Waschküchenfenster wieder zu öffnen. Die Kinder sahen hinaus. Ja, da hinten auf dem Rasen neben dem Rhododendron glänzte etwas metallisch. Die grünen Wuschelwesen halfen sich gegenseitig, aus dem Fenster zu klettern. Draußen angekommen verbeugten sie sich noch einmal und eilten davon.
     Jolanda sah ihnen nach, bis sie im Dunkel der Nacht verschwunden waren. Dann folgte sie ihrem ungeduldig wartenden Bruder zurück in ihr Zimmer. Mit eiskalten Füßen eilte sie hinüber zum Fenster und schob den Vorhang ein Stückchen zur Seite. Da – vom Rasen vor dem Haus erhob sich eine Art glänzende fliegende Untertasse.
     „Sie sind weg, Jojo“, flüsterte sie, aber Jonathan war schon eingeschlafen. Sie zog ein paar Wollsocken an, schlüpfte unter ihre Decke und murmelte: „Allium Cepa Vier – nein so was!“ Dann schlief auch sie ein.

Socke

Gedankenübertragung

     Am Morgen hatte Oma Schwierigkeiten, die Kinder wach zu kriegen. Jolanda schien besonders lange in ihrem Traum zu verharren, denn im Halbschlaf murmelte sie etwas von einer silberglänzenden Untertasse. Oma schüttelte den Kopf. Was für eine Fantasie Kinder hatten!
Müde zogen die beiden sich an. Beim Frühstück nagten sie nur an ihren Brötchen und rührten ewig in ihrem Kakao. Zum Schluss verpassten sie noch beinahe den Schulbus.
     Auch in der Schule waren sie an diesem Tag mit ihren Gedanken nicht bei der Sache. Erst als im Kunstunterricht ein Bild zum Thema Fabelwesen und Fantasiefiguren gezeichnet werden sollte, wurden sie wieder munter. Eifrig pinselte Jolanda mit grüner Wasserfarbe zwei Allianer aufs Papier, im Hintergrund stand eine fliegende Untertasse auf einer Wiese voller bunter Blumen.
     Am Ende der Stunde ging die Lehrerin durch die Klasse und zeigte die gelungensten Bilder. Da gab es einen feuerspeienden lila Drachen, eine Art vielarmigen Kraken, mehrere seltsame vogelartige Ungeheuer und eine zarte Elfe mit boshaftem Grinsen und spitzen Zähnen. Und schließlich war da ein Bild von zwei wuscheligen, grünen Wesen auf einem roten Planeten. Überrascht sah Frau Weimann zur anderen Seite des Klassenzimmers.
     „Jolanda, heb doch mal bitte dein Bild hoch, damit wir es alle sehen können.“
     Jolanda wurde ein bisschen rot, als sie der Klasse ihre Zeichnung zeigte. Überrascht sahen die Kinder von Jonathans Bild zu ihrem. Tatsächlich, die beiden hatten die gleichen Wesen gemalt, wenn auch mit verschiedenem Hintergrund. Na, so was!
     „Hattet ihr euch irgendwie abgesprochen?“, fragte Frau Weimann.
     Jonathan zuckte mit den Achseln. „Nöö, aber wir sind eben Zwillinge!“, erklärte er.
     Jolanda nickte.
     „Verblüffend!“ Die Lehrerin legte das Bild wieder auf den Tisch und ging weiter.
     Doch in der Pause interessierten sich die anderen Kinder der Klasse auf einmal für die beiden Neuen, die sie in den ersten Tagen kaum beachtet hatten.
     „Wie ist es, wenn man Zwillinge ist?“, wollte Janna wissen. „Wo kommt ihr eigentlich her, ihr redet so anders“, fragte Lars. „Warum wohnt ihr bei euren Großeltern?“, erkundigte sich Lisa und Tobi fragte, ob sie sich nachmittags auch mal verabreden könnten. Jolanda und Jonathan antworteten gerne. Bisher hatten sie sich in der Schule sehr fremd gefühlt, aber immerhin waren sie ja zu zweit. Schließlich aber kam die unvermeidliche Frage: „Wie seid ihr auf die gleichen Marsmännchen gekommen?“
     Jonathan, der gerade dabei war, sich mit Tobi zu verabreden, verstummte.
     Jolanda zuckte mit den Achseln. „Gedankenübertragung?“, schlug sie vor.
     „Gibt’s das?“ Skeptisch sahen die Kinder die Zwillinge an.
     Jonathan beschloss, alles zu wagen, und grinste.
     „Ach, wir haben die beiden letzte Nacht in der Waschküche kennen gelernt“, erklärte er.
     Jolanda erschrak, doch die anderen Kinder schütteten sich aus vor Lachen.
     „Ihr seid echt cool“, kicherte Janna. „Hast du oft solche Sprüche drauf?“
     Erleichtert lachten Jonathan und Jolanda mit. Manchmal ist nichts so unglaublich wie die Wahrheit.

Ende der Leseprobe

Socke
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